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Heute letztes Brot nach 150 Jahren Backkunst
30.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Friedbert Zapf

Gernsbach - Hiobsbotschaft für Reichental: Heute verliert das Dorf mit dem "Reichentaler Markt" seinen letzten Nahversorger (das BT berichtete). Das Bäcker-Ehepaar Ulrike Wieland-Blank (56) und Volker Blank (75) schaltet den Backofen aus Altersgründen und mangels Nachfolge für immer aus. Die für Reichental betrübliche Nachricht soll daher Anlass sein, die Geschichte des Gebäudes und die seiner vier Bäckergenerationen zu erzählen.

Das Fachwerkhaus, das 2002 dem "Reichentaler Markt" weichen musste, beherbergte einst gar keine Bäckerei, sondern eine veritable Dorfwirtschaft, nämlich den "Sternen". Und der "Sternen"-Wirt Bernhard Gerstner ist als Wunderheiler sogar in die Literatur eingegangen, zumindest erzählt der berühmte Dichterpfarrer Heinrich Hansjakob in seinem Buch "Dürre Blätter" (1890) vom "Sternenwirt'l von Reichental". Gerstner habe zwar seine Wirtschaft "versoffen", aber den Bermersbacher Totengräber von einem schlimmen Leiden erlöst - durch Handauflegen, einem Gebet und einer Salbe aus Hundeschmalz, Tannenzapfenöl und Tropfwein.

Bernhard Gerstner betrieb seit 1834 die Gastwirtschaft. Die folgenden Jahre waren für den Wirt, seine Gäste und die etwa 600 Einwohner von Reichental gleichermaßen hart. Unwetter und Missernten beutelten die Menschen. Dazu gesellten sich die Turbulenzen der Badischen Revolution anno 1848/49. Angeblich fanden des Nachts im "Sternen" die konspirativen Zusammenkünfte der Sympathisanten Heckers statt. Wirt Gerstner saß immer häufiger mit gefülltem Glas bei seinen Gästen und vernachlässigte offenbar seine Gaststube. Deshalb entzog ihm 1851 das Bezirksamt Gernsbach die Konzession, weil "der Fortbestand dieser Wirthschaft gegen die Ordnung und Sittlichkeit verstößt".

Gerstner musste sein Anwesen veräußern. Käufer war der 30 Jahre alte Wilhelm Merkel, der eigentlich die Wirtschaft weiterführen wollte. Doch das Bezirksamt wies 1851 das Gesuch zurück, weil "der Ort Reichenthal bereits eine Gastwirthschaft hat und die Errichtung einer zweiten Wirthschaft daher als ein öffentliches Bedürfnis nicht angesehen werden kann". Da hat Merkel, der nicht Wirt sein durfte, als Alternative einen Backofen errichtet und zusammen mit seiner Frau Franziska die erste Reichentaler Bäckerei betrieben. 1877 starb Merkel, und der Betrieb wurde geschlossen.

August Merkel belebt Bäckerei

Merkels Sohn August, ein gelernter Bierbrauer, heiratete 1881 Ferdinanda Wieland, die Schwester des Bäckermeisters Stefan Wieland. Deren Sohn Wilhelm Merkel wiederum errichtete 1906 mit 23 Jahren einen seitlichen Anbau an sein Elternhaus und richtete eine Bäckerei mit Verkaufsladen ein. Nach dem Tod von Wilhelm Merkel im Jahr 1948 führte Witwe Ida Merkel zusammen mit Tochter Barbara die Bäckerei weiter. Ab 1949 konnte man im Laden außer den Backwaren auch Mineralwasser der Gernsbacher Firma Kottler kaufen.

Bäckertochter Barbara heiratete 1950 den Bäckermeister Markus Wieland, der 1953 als Teilhaber in den Betrieb seiner Schwiegermutter eintrat und diesen ab 1955 selbstständig führte. 1959 erfolgte die Umbenennung in "Bäckerei Wieland". Wieland baute das Sortiment an Backwaren aus und ergänzte es mit einem kleinen Angebot an Lebensmitteln. Als der "Bäcker-Markus" Anfang der 60er Jahre eine Eismaschine beschaffte, standen die Kinder auf der Treppe, die zum Verkaufsraum hinaufführte, Schlange.

Im August 1976 begann Tochter Ulrike, die "Uli", ihre Bäckerlehre. Sie legte 1986 die Meisterprüfung ab und übernahm 1989 die "Bäckerei Wieland". Im selben Jahr heiratete sie den Berliner Konditormeister Volker Blank. Bald war sich das Paar einig, aus der kleinen Bäckerei etwas grundlegend Anderes zu machen. 2002 wurde das alte Fachwerkhaus abgebrochen und der "Reichentaler Markt" errichtet, Mitte Mai 2003 konnte die Eröffnung gefeiert werden. Nachdem 2005 die kleine Metzgereiabteilung aufgab, entstand an deren Stelle ein Café mit 25 Plätzen. Es ist, wie die Bäckerei, ab morgen nur noch Reichentaler Geschichte.

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