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Bürgermeister geht Falschmeldung auf den Leim
Bürgermeister geht Falschmeldung auf den Leim
16.01.2018 - 00:00 Uhr
Von Volker Neuwald

und Stephan Juch

Gernsbach - Bürgermeister Julian Christ ist in seiner Neujahrsrede am vergangenen Freitag einer Falschmeldung eines angeblichen Augenzeugen aus den 80er Jahren auf den Leim gegangen. Das haben Recherchen des Badischen Tagblatts ergeben.

Christ hatte in seiner Ansprache die Herkunft seiner Amtskette beleuchtet, die im Jahr 1938 von Walter Buch dem damaligen Gernsbacher Bürgermeister geschenkt worden war. Buch war Bürger der Stadt Gernsbach und ein hochrangiger Vertreter der Nationalsozialisten. Als solcher habe er nach dem gescheiterten Umsturzversuch Adolf Hitlers in München den späteren Diktator zusammen mit Martin Bormann in seinem Haus in Scheuern versteckt, erzählte Christ und sorgte damit für großes Aufsehen unter den Besuchern in der voll besetzten Gernsbacher Stadthalle.

Die Geschichte Scheuerns muss aber nicht umgeschrieben werden. Es gibt keinen Beleg dafür, dass sich Adolf Hitler nach dem gescheiterten Putschversuch in München vom 9. November 1923 ins Murgtal zu seinem dort lebenden Parteifreund Walter Buch durchgeschlagen hat, um sich dort zu verstecken.

Richtig ist: Der gescheiterte Möchtegern-Revoluzzer floh gänzlich unehrenhaft vom Schauplatz seiner desaströsen Niederlage. Der Marsch auf die Feldherrnhalle war gescheitert, die NS-Bewegung in Auflösung begriffen, die Mit-Putschisten tot, verhaftet oder auf der Flucht. Mit ausgekugeltem Arm ließ sich Hitler im Sanitätskraftwagen durch das nächtliche Oberbayern fahren.

Hintergrund

Sein Ziel war Uffing am Staffelsee, in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen. Dort stand das Landhaus seines Parteifreunds Ernst "Putzi" Hanfstaengel. Hitler kannte es. Hanfstaengel war nach dem Putschversuch in München selbst untergetaucht, doch seine Frau Helene nahm den unerwarteten Gast auf.

Im Haus von Hanfstaengels Sohn im Ortskern von Uffing wurde Hitler am Abend des 11. November 1923 festgenommen. Zuvor soll Helene Hanfstaengel einen Selbstmordversuch des depressiv wirkenden Österreichers verhindert haben. Die Gendarmen brachten ihn ins Landsberger Gefängnis.

Die Frühzeit der NS-Bewegung ist historisch sehr gut erforscht: Polizeiakten, Gerichtsunterlagen, Zeugenaussagen, Memoiren und viele weitere Dokumente belegen, dass sich die Verhaftung Hitlers so zugetragen haben dürfte.

Gleichwohl begannen die Nazis unmittelbar nach der Machtergreifung 1933, das Geschehen ins Heroische umzudeuten: Der kläglich gescheiterte Putsch wurde zur Heldentat stilisiert, die spätere Festungshaft in Landsberg am Lech nachträglich glorifiziert.

In diesen Kontext ist möglicherweise auch die Falschinformation des angeblichen Augenzeugen aus Scheuern einzuordnen: Hitlers Flucht vor den Häschern der Staatsmacht - ein Abenteuer. An seiner Seite Martin Bormann, der erst viel später zur machtvollen Figur in der NS-Diktatur werden sollte und 1923 nur ein kleines Licht in einem rechtsradikalen Freikorps war. Und schließlich der getreue Walter Buch - wichtigster Unterstützer des späteren "Führers" in der Stunde der Not. Nichts davon ist wahr.

Richtig ist allerdings, dass Walter Buch bis heute Ehrenbürger der Stadt Gernsbach ist. Diesen Status will ihm Julian Christ nun aberkennen lassen. Einen entsprechenden Antrag werde er im Februar in den Gemeinderat bringen, kündigte er beim Neujahrsempfang an.

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