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"Welt wird sich durch den Wolf verändern"
31.01.2018 - 00:00 Uhr
Forbach - Der Wolf kommt näher - in jüngster Zeit wurde eine Sichtung in Korntal-Münchingen (Landkreis Ludwigsburg) bestätigt. Risse gab es im November in Bad Wildbad (drei Schafe), Ende November bei Simmersfeld (Rotwild) und Anfang Dezember bei Bad Rippoldsau-Schapbach (Rotwild und vermutlich auch Sikawild). Auch auf Gemarkung Seewald kam es im Dezember zu einem Wolfsriss, dies teilte das Stuttgarter Umweltministerium mit (das BT berichtete). BT-Redakteur Markus Mack befragte Hans-Jörg Wiederrecht, Förster in Forbach und Vorsitzender des Bermersbacher Ziegenvereins, zu seiner Einschätzung der Situation.

Interview

BT: Herr Wiederrecht, machen Sie sich Sorgen wegen des Wolfs? Als Förster oder als Vorsitzender des Ziegenvereins?

Hans-Jörg Wiederrecht: Ja, sicher mache ich mir Sorgen. Aber nicht als Förster, sondern nur in meiner Funktion als Vorsitzender der Bermersbacher Ziegenfreunde.

BT: Welche Auswirkungen auf die Weidewirtschaft kann eine Wolfspopulation haben?

Wiederrecht: Sie wird sicher, wie in der Schweiz und in Frankreich auch, einen spürbaren Einfluss auf unsere bisherige Beweidungsform und damit auf die Landschaftspflege haben.

BT: Welche Schutzmaßnahmen gibt es gegen den Wolf?

Wiederrecht: Empfohlen werden höhere Zäune mit deutlich mehr Drähten oder Herdenschutzhunde. Wir haben mittlerweile Zäune mit einer Gesamtlänge von etwa 20 Kilometern. Eine Erhöhung und ein Einbau zusätzlicher Drähte kommt einem Neubau gleich und man müsste, weil man höhere Pfosten braucht, erst den alten Zaun komplett abbauen, Die Kosten betragen für den neuen Zaun rund 5,50 Euro pro Meter, also gesamt rund 110000 Euro€. Wer soll diese tragen? Selbst wenn wir einen Zuschuss für das Material bekommen, müssen wir den Großteil aufbringen und ich weiß noch nicht, wer die Arbeiten ausführen soll. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) stellt Wolfnotfallzäune zu Verfügung. Gut gemeint, aber auch nicht zielführend. Die Arbeit für den Aufbau und ein Teil der Kosten bleiben wieder am Tierhalter hängen.

BT: Wie ist es mit Herdenschutzhunden, können die nicht die Wölfe fernhalten?

Wiederrecht: Ein ausgebildeter Herdenschutzhund kostet anscheinend zwischen 5000 und 7000 Euro. Pro Herde brauche ich mehrere Tiere. Wir haben unsere Ziegen auf vier Herden verteilt und im Sommer zusätzlich zwei Rinderherden mit Kälbern laufen. Also bräuchte ich für sechs Herden insgesamt etwa 18 Schutzhunde für mehrere 10000 Euro€. Futter, Tierarzt und sonstige Kosten gar nicht gerechnet. Und was mache ich während der Stallsaison mit den Hunden? Selbst wenn wir mehrere Herden zusammenführen würden, sind die Kosten nicht tragbar.

BT: Wäre der Einsatz von Herdenschutzhunden unbedenklich?

Wiederrecht: Herdenschutzhunde können eine Gefahr für alle darstellen, die sich den Herden nähern. Menschen oder vor allem andere Hunde werden auch wie Wölfe behandelt. Man stelle sich eine Ziegenherde mit drei großen Herdenschutzhunden auf dem Ziegenpfad vor, und die Kinder wollen unsere Tiere streicheln. Wenn mein Herdenschutzhund einen anderen Hund oder gar Menschen verletzt, stehe ich in der Verantwortung. In der Schweiz hat es schon mehrfach Konflikte zwischen Herdenschutzhunden und Wanderern gegeben. Ich glaube, dass weder stärkere Zäune, noch Herdenschutzhunde für uns praktikable Möglichkeiten sind. Das ist wahrscheinlich nur bei großen Herden möglich. Ob diese Betriebe sich das leisten können, steht auf einem anderen Blatt, denn bei gleichbleibendem Ertrag kommen Mehraufwand und Mehrkosten auf den Betrieb zu. Reich wird man als Schafhalter schon jetzt nicht.

BT: Gibt es bei Wolfsschäden Entschädigung oder Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg?

Wiederrecht: Die Entschädigung, die in Bad Wildbad für die drei Schafe bezahlt wurde, war recht großzügig. Man hat aber generell keinen Anspruch auf eine Ausgleichszahlung, sondern das ist eine freiwillige Leistung eines Fonds, gesponsert vom Land und verschiedenen Naturschutzverbänden. Ich möchte es aber etwas anders formulieren. Man wird nicht entschädigt, sondern bekommt einen finanziellen Ausgleich. Die emotionale Seite, die jedes Haustier wie Hund, Katze, Ziege oder Schaf hat, kann man nicht entschädigen. Die Erfahrung der Tiere, ihre örtliche Kenntnis und ihre Anpassung an unsere Verhältnisse kann man nicht so einfach ersetzen. Außerdem ist es im Moment schwierig, neue Mutterziegen zu kaufen. Der Markt ist leer, gute Tiere sind teuer.

BT: Tötet der Wolf nur Einzeltiere, wenn er Hunger hat, oder gleich eine ganze Herde?

Wiederrecht: In der Vergangenheit wurden bei den mir bekannten Wolfsangriffen zwischen einem und 37 Tieren getötet. Bei einem Angriff in Frankreich stürzten 400 fliehende Schafe in einer Schlucht zu Tode. Der Wolfsangriff konnte aber nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Das ist nicht unbedingt Hunger, sondern oft auch einfach Jagdtrieb. Ein Zaun bedeutet dann nicht nur Schutz. Er kann auch zur Falle werden, wenn die Tiere bei einem Angriff nicht aus einer Einzäunung fliehen können oder sich gar im Zaun verletzen. Wenn sie doch fliehen können und die Herde bricht in Panik aus, gerät auf eine Straße und verursacht dort einen Unfall mit Schwerstverletzten oder gar Toten, dann steht wieder erst einmal der Tierhalter in der Pflicht zu beweisen, dass ein Wolf der Verursacher war und nicht ein schlechter Zaun.

BT: Was kann man aus Sicht des Praktikers tun?

Wiederrecht: Ich glaube nicht, dass wir wirklich etwas tun können. Solange den Weidetieren nichts passiert, ist für Herdenhalter alles in Ordnung. Wie lange aber die Tierhalter weiter beweiden werden, wenn es zu vermehrten Nutztierrissen kommt, ist fraglich. Viele sind sicherlich nicht bereit, sich diesen vor allem auch emotionalen Stress auf Dauer anzutun. Jeden Morgen aufzustehen und Angst zu haben vor dem, was einen auf der Weide erwartet, wird niemand lange mitmachen.

BT: Kann man die Weidetiere nachts nicht in Ställe bringen?

Wiederrecht: Diese nachts aufzustallen, wie viele vorschlagen, ist unter unseren Verhältnissen keine echte Option. Es würde bedeuten, die Tiere früh morgens und abends teilweise mehrere Kilometer weit zum Stall zu treiben. Hinzu käme der zusätzliche Heubedarf und, und, und. Außerdem gibt es Berichte, zum Beispiel aus Frankreich, dass es auch tagsüber zu Wolfsübergriffen gekommen ist.

BT: Gibt es Spuren auf Aufenthalte oder Sichtungen von Wölfen im Murgtal?

Wiederrecht: In Bad Wildbad ist ein Wolfsangriff auf Schafe nachgewiesen, bei Freudenstadt wurde Rotwild gerissen. In Tierhalterkreisen kursiert ein Bild von einem Wolf, der einen toten Terrier mit Halsband im Maul trägt. Dieses Bild soll in Simmersfeld von einer Wildkamera aufgenommen worden sein.

Miteinander von Wolf, Mensch und Herden?

BT: Gibt es eine Chance für ein Miteinander von Wolf, Mensch und Herdentieren im Schwarzwald?

Wiederrecht: Ich weiß es nicht! In der Schweiz glaubt man, mit großen Herden und entsprechendem Herdenschutz weiterhin Weidetiere halten zu können. In Frankreich geben wohl viele Schäfer schon auf und große Flächen fallen brach. Wenn der Mensch seine Kulturlandschaft erhalten will und ein Miteinander mit Wolf wünscht, dann müssen die Mehrkosten für den Herdenschutz von der Allgemeinheit getragen werden. Es kann nicht von Schäfern erwartet werden, diese alleine zu schultern. Es wird spannend, ob man überhaupt eine große Schäferei für den Nordschwarzwald gewinnen kann.

BT: Was denken Sie, wie wird sich das Thema Wolf im Nordschwarzwald entwickeln?

Wiederrecht: Ich persönlich glaube, dass sich der Wolf bei uns weiter etablieren und auch stetig weiter vermehren wird. Schon in zwei bis drei Jahren können wir das erste Wolfsrudel hier haben. Die Tierhalter mit kleinen Beständen können keinen Herdenschutz bezahlen oder leisten und werden wahrscheinlich einer nach dem anderen aufhören. Dann könnte es wieder so sein wie vor 700 Jahren. Schade für die, die sich an einer Wiese erfreuen, schön für die, die große dunkle Wälder lieben. Dass diese großen dunklen Wälder keinen Lebensraum für Heuschrecken, Schlingnattern oder Hausrotschwanz bieten, wird man wahrscheinlich erst dann merken. Unsere Welt wird sich durch den Wolf verändern, Manches positiv und Manches negativ. Jeder wird das aus seiner Sicht beurteilen.

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