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Alter Brauch, rätselhafter Spruch
02.02.2018 - 00:00 Uhr
Von Friedbert Zapf

Gernsbach - Heute ist Mariä Lichtmess. Im Kirchenjahr liegt das Fest 40 Tage nach Weihnachten und ist stark durch die Lichtsymbolik geprägt. Der Name Lichtmess erklärt sich daraus, dass die Kerzen für das kommende Jahr geweiht wurden. Mariä Lichtmess spielte aber auch im profanen Jahresablauf eine wichtige Rolle, es begann das sogenannte Bauernjahr, und Zahlungsfristen und Arbeitsverhältnisse bezogen sich auf das Datum. Demzufolge gab es zahlreiche Bräuche, Wetterregeln und Sprichwörter.

Ein ziemlich rätselhaft anmutender Spruch ist auch aus Reichental überliefert: "Mariä Lichtmess - Spinne vergess', bei Tag z'Nacht ess'!" Was hat es mit dieser seltsamen Aussage auf sich?

Historisches

Dass man Spinnen vergessen solle, bezog sich natürlich nicht auf das achtfüßige Spinnentier, sondern auf das traditionelle Spinnen mit dem Spinnrad. Die Handspinnerei war notwendig, um die Weber mit Garn zu versorgen. 1912 ist in der Reichentaler Pfarrchronik vermerkt: "Früher gab es hier 4 Weber, die sämtlich voll beschäftigt waren. Der alte Weber Lorenz Kast hatte sogar noch 2 Gesellen. Auf den Feldern wurden viel Hanf und Flachs angebaut. Gegenwärtig arbeitet nur noch Ferdinand Götz - immer weniger und weniger."

Zum Spinnen traf man sich an den Winterabenden reihum in den Wohnstuben. Der sogenannte Lichtgang, das "z'Lichtgehen", war ein ausgesprochen kommunikatives, geselliges Ereignis. Der Reichentaler Heimatchronist Rochus Dörrer hat 1908 als Bub einen solchen Lichtgang miterlebt: "Um sieben Uhr stellten sich dann in stattlicher Zahl die Maidle und Burschen ein. Die Maidle hatten ihre Spinnrädle, alle fein aufgekunkelt, mitgebracht. Und dann wurde gesponnen, erzählt und gesungen. Später tischte Mutter auf: Zwei mordsgroße Brotlaibe, selbst gebacken. Warme Ripple und Salzfleisch wurden gereicht, Vater schenkte Most ein, die Gläser klirrten, man prostete sich zu, während die Spinnrädle mal für eine Weile still in der Ecke stehen durften." Das "z'Lichtgehen" endete traditionell an Mariä Lichtmess und damit auch das Spinnen, also "Spinne vergess'!". Das Spinnrad wurde verstaut, und man stellte sich auf die kommende Feldarbeit ein.

Als mit den industriell hergestellten billigen Garnen die traditionelle Handspinnerei um 1900 langsam einschlief, gab es Rettungsversuche. 1912 ist in der Pfarrchronik zu lesen: "Die auf Anregung der Großherzogin Louise alle 2 Jahre hier abgehaltenen Spinnkurse gewähren dem Spinnen in Reichental noch ein künstliches Leben. Ringsherum ist es erloschen." Der erste Spinnkurs ist 1902 erwähnt, 1906 wird berichtet, dass seit mehreren Jahren "die Gemeinde Spinnkurse veranstaltet, die sich einer lebhaften Teilnahme erfreuten und zu deren feierlichem Abschluss der Gemeinderat jeweils einen Geldbetrag bewilligte".

Und für 1905 gibt es folgende Schilderung: "Im vergangenen Winter wurde unter Leitung der früheren Stricklehrerin Martha Dörrer ein Spinnkurs abgehalten, an welchem sich 11 Mädchen von hier beteiligten. Der Kurs wurde Ende Mai unter Anwesenheit des Herrn Amtmannes Rein aus Rastatt mit einem Preiswettspinnen geschlossen. Die Preise waren von der Gemeinde gestiftet. An die Verteilung derselben reihte sich ein Kaffeekränzchen, wobei die Spinnmädchen fröhliche Lieder erklingen ließen und die Herren Amtmann, Pfarrkurat und Bürgermeister Ansprachen hielten."

"Mariä Lichtmess - Spinne vergess', bei Tag z'Nacht ess'!": Die zweite Hälfte des rätselhaften Spruchs ist schnell erklärt. Waren um den 21. Dezember herum in Reichental die Belzemärtel noch in der längsten Nacht beziehungsweise dem kürzesten Tag des Jahres unterwegs, so hat mittlerweile die Tageslänge deutlich zugenommen.

Sie hat gegen Mariä Lichtmess einen so großen Sprung gemacht - von "einer ganzen Stund" ist die Rede -, dass man jetzt bei Tageslicht zu Abend essen kann.

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