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Vorne am Strand bekommt man vom Elend nichts mit
10.02.2018 - 00:00 Uhr
Gernsbach/Sansibar - Es gibt Orte auf der Welt, deren Name allein träumen lässt: von Urlaub, paradiesischen Stränden, exotischen Gewürzen. Sansibar ist ein solcher Ort. Gleichzeitig ist die zu Tansania gehörende Inselgruppe vor der Küste Ostafrikas von Armut und Elend geplagt. Seit 1. Januar bekommt das Teresa Wörner hautnah mit. Die 20-Jährige aus Reichental absolviert dort über die Organisation "Umoja", die in Berlin registriert ist, ein Fremdpraktikum. Per E-Mail-Korrespondenz hat sie BT-Redakteur Stephan Juch davon erzählt.

BT: Was genau machst du auf Sansibar?

Teresa Wörner: Ich studiere Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart im dritten Semester. Meine praktische Ausbildungsstelle ist der Allgemeine Soziale Dienst des Jugendamts Rastatt. Im Rahmen des Studiums ist ein dreimonatiges Fremdpraktikum im dritten Semester vorgesehen. Da ich bereits vor dem Studium einen Freiwilligendienst auf Costa Rica absolviert habe und diese Erfahrung als sehr wertvoll empfunden habe, war für mich schon zu Beginn des Studiums klar, dass ich das Fremdpraktikum wieder im Ausland machen möchte, was mir das Landratsamt und die Hochschule auch ermöglichten.

Interview

Auf Sansibar arbeite ich nun in einem sogenannten "Trainingscenter" der Organisation "Umoja-Netzwerk für Afrika". Sie bietet ganztägige Bildungsangebote für alle Altersgruppen. Meine Aufgabe besteht primär im Unterrichten der zweiten bis sechsten Klasse in den Fächern Englisch, Naturwissenschaften, Sport und Kunst. Einmal pro Woche bieten wir einen Deutschkurs für Erwachsene an, und nachmittags gebe ich Nachhilfe für schwächere Schüler. Wir Volontäre haben zudem verschiedene Arbeitsgruppen gegründet, die sich mit der Organisation und Umsetzung verschiedener Projekte beschäftigen.

BT: Das bedeutet etwas konkreter?

Wörner: Beispielsweise gibt es ein "Eco-Project", das die Bevölkerung über Mülltrennung und Recyclingmöglichkeiten aufklärt. In Zuge dessen haben wir mit den Schülern auch Mangroven angebaut, was ihnen viel Freude bereitet hat. Weiterhin gibt es eine "Fundraising-Group", die sich mit der Organisation der Spenden beschäftigt. In dieser Gruppe bin auch ich tätig.

BT: Wie finanziert sich das Umoja-Netzwerk und was wird dringend benötigt?

Wörner: Die Organisation finanziert sich fast ausschließlich über Spenden und ist auf diese angewiesen. Aktuell werden dringend Gelder benötigt, um das Schulgebäude zu vergrößern. Es werden derzeit immer zwei Klassen in einem Raum parallel unterrichtet, was zu einem enormen Lärmpegel führt und kein adäquates Lernumfeld darstellt. Darüber hinaus braucht der Schulhof eine Sanierung und muss kindgerecht gemacht werden. Der Kindergarten findet ausschließlich im Freien auf dem "Hof" statt, welcher aber eine einzige Baustelle ist, keine Spielmöglichkeiten bietet, dafür aber ein sehr hohes Verletzungsrisiko birgt.

BT: Wie funktioniert die Verständigung mit den Kindern und mit den erwachsenen Ansprechpartnern?

Wörner: Der Kindergarten und die Schule sind bilingual, wodurch die Kinder von Anfang an Englisch lernen. Den Unterricht halten wir auf Englisch. In den älteren Klassen funktioniert dies gut, und auch die Lehrkräfte sprechen gut Englisch. Mit den jüngeren Kindern findet die Verständigung eher mit Händen und Füßen statt. Dies ist aber weniger problematisch. Häufig wollen die Kinder einfach nur ein bisschen Zuneigung und Aufmerksamkeit. Da die wenigsten Familien Chancen haben, ihren Status über finanzielle Mittel zu definieren, zählt hier die Anzahl an Kindern als Statussymbol. Dies führt dazu, dass die Kinder sehr viele Geschwister haben. Darüber hinaus müssen die Eltern meist von morgens bis abends arbeiten, um den Lebensunterhalt einigermaßen sicherzustellen. Manche Kinder, deren Eltern in der Tourismusbranche tätig sind, sind auch über Tage hinweg allein daheim und müssen sich schon in jungem Alter um sich selbst und auch um jüngere Geschwister kümmern. Daher ist es gerade im Kindergarten wichtig, den Kindern einfach nur ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken und sie Kind sein zu lassen.

Hin und wieder wäre es dennoch hilfreich, richtig Kiswahili sprechen zu können, gerade wenn es zu Konflikten und Streitigkeiten kommt. Ist dies der Fall, können wir jedoch auch immer die Lehrkräfte um Unterstützung bitten, die dann ein autoritäres Wort auf Kiswahili sprechen.

BT: Sansibar gehört zu den ärmsten Inseln der Welt. Wie erlebst du das in deiner aktuellen Umgebung?

Wörner: Ich habe mich bereits vor meiner Reise über die wirtschaftliche Lage von Sansibar informiert und mir war von Anfang an klar, dass Sansibar ein sehr armes Land ist und eben nicht nur tolle Strände und Luxusurlaub zu bieten hat. Dennoch ist es in der Realität teilweise absurd und erschreckend. Am Strand reiht sich ein Luxushotel an das nächste. Es gibt Swimmingpools und ganztägig Buffet, während keine zehn Meter dahinter die Menschen ohne fließendes Wasser und Strom auskommen müssen und in einfachsten Verhältnissen leben. Die Kinder, die bei uns zur Schule gehen, verfügen größtenteils über Sponsoren, die die Schulgebühren und auch die Schuluniform finanzieren, weshalb die Kinder weitgehend gepflegt sind. Auf der Straße sieht man aber auch Kinder, die sehr verwahrlost wirken, verfaulte Zähne haben, keine Schuhe und zerlöcherte Klamotten tragen. Vorne am Strand bekommt man davon jedoch nichts mit.

BT: Wie kommt man als junge Frau aus Reichental auf den Gedanken, ausgerechnet dort Entwicklungshilfe zu leisten? Hattest du keine Angst vor dieser Reise ins Ungewisse?

Wörner: Da für mich klar war, ins Ausland zu gehen, stellte sich mir natürlich die Frage, in welches Land. Die südamerikanische Kultur habe ich schon gut kennengelernt und auch in die asiatische und amerikanische Kultur habe ich durch Reisen einen Einblick erlangen können. Afrika hat mich ebenfalls schon immer sehr fasziniert und ich wollte das Fremdpraktikum als Chance nutzen, diese Kultur kennenzulernen - und auch, um einen kleinen Beitrag zu leisten, den Menschen dort Chancen auf ein besseres Leben zu ermöglichen. Auf die Einrichtung bin ich über eine Kommilitonin gestoßen, die ihr Fremdpraktikum dort absolviert und die Organisation weiterempfohlen hat.

Deutsche verfügen über "Glücksvorschuss"

Da ich kurz vor der Abreise noch Prüfungen geschrieben habe, hat sich die Abreisestimmung wirklich erst kurz vor dem Abflug bei mir eingestellt. Natürlich habe ich mich gefragt, was wohl auf mich zukommen wird und gehofft, dass alles gut gehen wird. Mittlerweile habe ich mich aber schon eingelebt und komme mit dem Leben hier gut zurecht.

BT: Wie sehr nehmen dich die Einzelschicksale mit, von denen du sicher schon einige miterlebt hast?

Wörner: Mit schwierigen Lebenssituationen bin ich auch während meiner Ausbildung im Jugendamt konfrontiert. Wichtig dabei ist eine professionelle Distanz zu den Klienten zu bewahren, was ich allerdings noch lernen muss. Was mir hier besonders nahe geht, ist beispielsweise, wenn wir sehen, dass Kinder mit Verletzungen zur Schule kommen, die von häuslicher Gewalt rühren, wir dagegen aber - anders als in Deutschland - gar nichts machen können. Gewalt ist hier schon ein Erziehungsmittel und gesetzlich auch nicht verboten. Deshalb müssen wir das einfach so hinnehmen. Die Schulleiterin ist aber ebenfalls strikt gegen Gewalt und befasst sich auch viel mit den familiären Hintergründen der Kinder. Gemeinsam mit ihr versuchen wir, die häuslichen Situationen einiger Kinder zumindest ein Stück weit über Gespräche mit den Eltern zu verbessern. In unserer Schule ist die Anwendung von Gewalt verboten.

BT: Das durchschnittliche Jahreseinkommen auf Sansibar beträgt 250 US-Dollar, mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Wie fühlt man sich da als Mensch, der aus einer sehr wohlhabenden Gegend Deutschlands kommt?

Wörner: Man wird sich bewusst, dass wir Deutschen über einen gewissen "Glücksvorschuss" verfügen, da wir in einer wohlhabenden Gegend geboren sind, in der Bildung für alle selbstverständlich ist. Kommt man in ein so armes Land, wird man sich darüber klar, welche Privilegien wir genießen dürfen, und man lernt, diese auch mehr zu schätzen. Gleichzeitig wächst dadurch in mir aber ein Gefühl der Pflicht und der Verantwortung, den weniger privilegierten Menschen, soweit es mir möglich ist, zu helfen und sie zu unterstützen.

BT: Wie reagieren die Einheimischen auf dich als freiwillige Helferin in ihrem geplagten Land?

Wörner: Vorne am Strand sind die Menschen fast schon übertrieben freundlich zu einem. Läuft man aber als Weiße durch das Dorf, haben wir gerade zu Beginn unseres Aufenthalts die Erfahrung gemacht, dass bei einem großen Teil der Einheimischen Skepsis gegenüber den Touristen vorherrscht, was ich aber sehr gut verstehen kann, wenn ich sehe, wie respektlos sich viele Touristen gegenüber den Einwohnern und der Kultur verhalten. Gerade von den Frauen haben wir zu Beginn sehr feindselige Blicke zugeworfen bekommen, obwohl wir Beine und Arme immer bedecken, wenn wir durch das Dorf gehen. Mittlerweile sind wir im Dorf aber schon als "Teacher" bekannt, werden freundlich begrüßt und wurden sogar schon mehrmals von Einheimischen zum Essen eingeladen.

BT: Wann kommst du zurück ins Murgtal, und wie werden dich die Sansibar-Erfahrungen als Person verändern?

Wörner: Am 31. März geht mein Flieger zurück nach Deutschland. Danach habe ich wieder Theoriephase an der Hochschule in Stuttgart. Bis dahin werde ich sicher noch viele Erfahrungen und Eindrücke sammeln, die mich persönlich und auch mein berufliches Leben prägen werden. Durch das Praktikum fühle ich mich in meiner Studien- und Berufswahl bestärkt. Mich für andere Menschen einzusetzen scheint mir eine erfüllende Tätigkeit, die interessant, abwechslungsreich und sicher niemals langweilig sein wird.

BT: Du absolvierst ein Studium "Soziale Arbeit". Kannst du dir vorstellen, eine berufliche Karriere - beispielsweise als Entwicklungshelferin - im Ausland einzuschlagen oder bevorzugst du doch eher die heimatlichen Gefilde?

Wörner: Momentan befinde ich mich im dritten Semester und das Studium im Jugendamt macht mir sehr viel Spaß, weshalb ich mich erstmal darauf konzentrieren möchte. Dennoch kann ich mir gut vorstellen, irgendwann noch mal längere Zeit ins Ausland zu gehen. Dies mit meiner Berufswahl zu verbinden, wäre natürlich optimal. Für immer kann ich mir aber nicht vorstellen in einem Entwicklungsland zu leben.

Es ist mir sehr wichtig, dass die Schule, an der ich mit einem sehr engagierten Team tätig bin, weiterhin bestehen kann und bessere Rahmenbedingungen bekommt. Bildungsangebote sind für die Menschen und vor allem für die Kinder sehr wichtig. Über Unterstützung aus meiner Heimat würde ich mich sehr freuen.

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