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Keiner Ehre wert
16.02.2018 - 00:00 Uhr
Von Volker Neuwald

Gernsbach - Hitler, Himmler, Göring, Goebbels - diese Namen verbindet man mit der NS-Diktatur. Vielleicht noch Heydrich, Ribbentrop und Speer; oder die Militärs Rommel, Guderian und Manstein. Aber wer war Walter Buch? Und warum ist dieser Nazi und Judenhasser bis heute Ehrenbürger von Gernsbach?

Der gerade einmal fünf Monate amtierende Bürgermeister Julian Christ (30) hat ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte aufgerollt. Er konfrontierte die Gäste seines ersten Neujahrsempfangs am 12. Januar damit, dass die zu festlichen Anlässen getragene Amtskette des Stadtoberhaupts von jenem Walter Buch gestiftet und dass die ihm 1936 verliehene Ehrenbürgerwürde nie aufgehoben wurde.

Jedes Jahr im Oktober gedenkt die Stadt der letzten neun Gernsbacher Juden, die 1940 in das französische Internierungslager Gurs verschleppt wurden. Vertreter von Politik, Kirchen und Schulen lesen zusammen mit den Nachfahren am Gedenkstein unter der Linde am Nepomukplatz die Namen vor und zünden Kerzen an, um die Erinnerung wachzuhalten. Sechs starben, nur die drei Kinder überlebten den Holocaust.

Zugleich ist ein Mann Ehrenbürger, der als einer der obersten Repräsentanten des NS-Staats Juden als "Fäulniserscheinung" bezeichnete und Mitverantwortung für den Tod von rund 100 jüdischen Bürgern während der Reichspogromnacht 1938 trug. Und niemand will das gewusst haben.

Wer also war Walter Buch?

Robert Kempner, der Stellvertreter von US-Chefankläger Robert H. Jackson bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen, verhörte den Inhaftierten am 1. Mai 1947. Das Protokoll befindet sich heute im Archiv des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Buch spielte seine Rolle während des "Dritten Reichs" und der Zeit davor herunter: Er habe nur ein Parteiamt innegehabt, kein Staatsamt. "Zum Führer" habe er seit 1936 keinen Zugang mehr gehabt. Von der Ermordung von Russen, Polen und Juden im Osten habe er nichts gewusst. Genauso wenig davon, dass Parteimitglieder Menschen ermordeten. Kempner nahm Buch das nicht ab und bohrte nach, doch aus der Lektüre des Protokolls kann man den Eindruck gewinnen, dass er einen Mitläufer verhörte, ein "kleines Rädchen" im Getriebe des Unrechtsregimes.

Im Badener Tageblatt vom 19. Oktober 1936 klang das noch ganz anders. Die gleichgeschaltete Presse berichtete in großer Aufmachung über die Einweihung des Gernsbacher Kriegerehrenmals auf dem Rumpelstein tags zuvor. Der "Herr Reichsleiter Major Walter Buch" war Ehrengast der Zeremonie. Bereits am Morgen um 8.30 Uhr war ihm der Ehrenbürgerbrief der Stadt verliehen worden. Bürgermeister Dr. Viktor Mainzer erwähnte "große Verdienste", die sich Buch um Scheuern und Gernsbach erworben habe. Details nannte er nicht. Man darf davon ausgehen, dass die Stadt keinen kommunalen Wohltäter ehrte, sondern nur etwas vom Glanz eines engen Freundes des Führers abbekommen wollte.

"Major Buch zog in seine bewegten Dankesworte pietätvoll den Mann hinein, der ihm den Weg zum Führer gewiesen habe: seinen Vater", so der Bericht weiter. "In seinem Elternhaus auf dem Bergle in Scheuern sei die erste nationalsozialistische Kampfschrift entstanden. Das Schönste aber auf seinem harten Wege sei das Bewusstsein gewesen, am Werk mittun zu dürfen und nichts Kostbareres gäbe es für ihn, als der Freundschaft des Führers gewiss zu sein, des Mannes, dem er seit 1920 dient."

Oberster Parteirichter des Terror-Regimes

Das tat Buch 17 Jahre lang in einer Funktion, deren Bedeutung in der NS-Forschung bis heute unterschätzt wird - als oberster Parteirichter. Der Jurist Nils Block hat das 2001 in einer rechtswissenschaftlichen Dissertation herausgearbeitet: Demnach war die Parteigerichtsbarkeit ein parteiinternes Mittel zur Disziplinierung und Überwachung von geschätzten 8,5 Millionen Deutschen, die bis 1945 der NSDAP angehörten. "Buch leistete damit einen Beitrag, Hitler die uneingeschränkte Macht innerhalb der Partei zu sichern und zu erhalten (...) Er baute die Gerichtsbarkeit zu einem wohlorganisierten System aus, das Hitlers Herrschaft über die Partei sorgfältig schützte." Durch Willkürentscheidungen leisteten die Parteigerichte einen großen Beitrag zum Funktionieren des Terror-Regimes.

Der US-Journalist William Lawrence Shirer (1904-1993), Augenzeuge und Autor des Werks "Aufstieg und Fall des Dritten Reichs", hat sich mit dem Treiben Buchs beschäftigt. Bereits in die Entmachtung der SA-Führung Ende Juni/Anfang Juli 1934 ("Röhm-Putsch") sei der Parteirichter involviert gewesen. Zwischen 90 und bis zu 200 Menschen starben damals, darunter an diesem innerparteilichen Machtkampf völlig unbeteiligte Regimegegner.

Zu den Pogromen im November 1938 verfasste Buch einen Geheimbericht, der den Krieg überdauerte. In einigen Fällen sei es "zu Vergewaltigungen gekommen, die das Parteigericht für schlimmer erachtete als Mord, da sie gegen die Nürnberger Rassegesetze verstießen", zitiert Shirer. Wer nur einen Juden ermordet habe, "kann dafür nicht bestraft werden, denn er hat ja nur Befehle ausgeführt". Buch sorgte dafür, dass die Mörder freigesprochen wurden - und vermittelte ein authentisches Bild der Justiz im Dritten Reich.

Im Dezember 1940 leitete Buch einen Brief seiner Bekannten Else von Löwis an den Reichsführer SS weiter. Sie kritisierte darin in deutlichen Worten die Ermordung von Kindern in der TötungsanstaltGrafeneck, die Kinder-Euthanasie. Im Begleitschreiben ("Mein lieber Himmler") äußerte Buch Sorge, dass der wahre Zweck der Tötungsanstalt Grafeneck öffentlich bekannt werden könnte. Dieser Brief wurde in den Nürnberger Prozessen als Beweismittel eingeführt, die Harvard Law School Library hat ihn online gestellt.

"Fäulnis und Verwesung"

Buch hat eine ganze Reihe von Schriften hinterlassen, die seinen abstoßenden Antisemitismus belegen. In einem Artikel in der "Deutschen Justiz" von Oktober 1938 schrieb er beispielsweise: "Der Jude ist kein Mensch, er ist eine Fäulniserscheinung."

In der Sprache der Nazis waren Bilder gesellschaftlicher Krankheit und Gesundheit weit verbreitet - vom "gesunden Volkskörper", der durch Parasiten, Fremdkörper und Keime bedroht sei. Der Soziologe Andreas Kemper vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung hat sich mit dieser Krankheits- und Ungeziefer-Metaphorik beschäftigt und Vergleiche zu Reden heutiger Rechtsextremisten gezogen. Diese würden sich ganz unverhohlen des Nazi-Jargons bedienen, sagt Kemper. So habe Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im thüringischen Landtag, 2016 bei einem Auftritt in Büdingen behauptet, dass Deutschland bedroht sei - von "Fäulnis und Verwesung".

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