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Aus der Zeit gefallen
17.02.2018 - 00:00 Uhr
Von Volker Neuwald

Gernsbach - Das Ehrenmal auf dem Rumpelstein gehört zur gewohnten Gernsbach-Silhouette wie die beiden Kirchen, der Alte Amtshof, die Brückenmühle oder Schloss Eberstein. Fast unscheinbar schmiegt sich das Denkmal an den Berg, als wäre es immer schon dort gestanden. Erst bei einer Besichtigung erkennt man, warum es Zeit ist für eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Monument.

Warum wird gerade jetzt über das Denkmal diskutiert?

Dafür ist der "vergessene" Ehrenbürger Walter Buch verantwortlich, dem am kommenden Montag vom Gemeinderat diese Würde aberkannt wird. Buch war seit 1920 ein Gefolgsmann Hitlers und stieg in der NS-Zeit zum Obersten Parteirichter auf. Im Oktober 1936 war der Judenhasser Ehrengast bei der Einweihung des Denkmals für die im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten aus Gernsbach.

Woran erkennt man, dass das Ehrenmal aus der Nazi-Zeit stammt?

Der Stil der großen Nazi-Monumentalbauten (zum Beispiel der Flughafen Tempelhof und das Olympiastadion in Berlin oder das Zeppelinfeld in Nürnberg) findet sich in kleinerer Dimension am Ehrenmal wieder. Die neoklassizistisch anmutende Steinkonstruktion weist eine schlichte, nach oben ausgerichtete Symmetrie auf. Die Fassade ist asketisch-karg gestaltet, mit wenigen dekorativen Elementen. In der Mitte thront ein übergroßer Stahlhelm auf einem altarähnlichem Steinblock, was die für NS-Bauten typische kultisch-sakrale Inszenierung unterstreicht. Auf der zum Berg zeigenden Seite erkennt man die Überreste des Reichsadlers und darunter einen leeren Kreis - dort prangte einst das Hakenkreuz als Symbol der NS-Terrorherrschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden an der Außenseite des Fundaments die Namen der aus Gernsbach stammenden Gefallenen verewigt.

Wie wird das Ehrenmal heute genutzt?

Für Spaziergänger und Wanderer ist es nach kurzem Anstieg gut zu erreichen. In der Vergangenheit erinnerte die Stadt jedes Jahr am Volkstrauertag mit einer Gedenkfeier an die Opfer von Krieg und Gewalt. Bürgermeister Julian Christ wählte in Absprache mit den Kirchengemeinden 2017 einen anderen Weg: Die Gedenkfeier war am Volkstrauertag erstmals in den Gottesdienst der St. Jakobsgemeinde eingebunden. "Damit werden weitaus mehr Bürger Gernsbachs erreicht als mit der bisherigen Gedenkfeier am Ehrenmal", lautete seinerzeit die Begründung für den Ortswechsel. Am Ehrenmal lasse die Stadt "selbstverständlich wie bisher Kränze niederlegen". Früher wurde das Monument an Weihnachten, Silvester und am Volkstrauertag beleuchtet. Vor einigen Jahren wurde diese Praxis aufgegeben.

Soll man den Nazi-Bau abreißen oder verfallen lassen?

Dafür ist er zu gut erhalten. Ein Abriss würde viel Geld kosten. Das Denkmal verfallen zu lassen, würde Jahrzehnte dauern und die Stadt nicht von ihrer Verkehrssicherungspflicht entbinden. Zudem wäre der Verfallsprozess vom Tal aus deutlich sichtbar.

Welche Alternative gibt es?

Der Historiker Wolfgang Benz, von 1990 bis 2011 Leiter des renommierten Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, hat gefordert, dass aus den "nationalsozialistischen Großbauten Gedenk- und Lernorte werden müssen". Es gelte Wege zu finden, "die inszenierte Magie der Monumentalbauten (...) zu brechen und sie fruchtbar zu machen für das aktive Gedenken an die Gewaltherrschaft." Das lässt sich - wenngleich kleiner - auch auf das Ehrenmal übertragen. Es könnte zu einem Denkmal gegen Krieg und Terror, gegen Flucht und Vertreibung sowie vor allem gegen Rassismus und Antisemitismus werden. Es könnte gewissermaßen mit neuen Inhalten aufgeladen werden, ohne etwas an der Bausubstanz zu verändern.

Wie wäre es mit einem "Platz der Menschenrechte" wie in Karlsruhe? Auf dem Gelände verteilte Informationstafeln können Zusammenhänge erläutern und Erklärungen liefern, mit Auszügen aus der Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen und der Genfer Flüchtlingskonvention. So ließe sich auch ein angemessener Rahmen für das Gedenken an die Vertriebenen finden.

Was haben die Vertriebenen damit zu tun?

In Sichtweite zum Ehrenmal, am oberen Ende der Freitreppe, steht eine Steinplatte, die mutmaßlich aus den 50er oder 60er Jahren stammt. Der stellenweise stark verwitterte Stein zeigt die Wappen von 22 alten deutschen Siedlungsgebieten. Die Wappen umrahmen eine Darstellung Deutschlands in den Grenzen von 1936/37. Korrekt ist die Karte nicht: Pommern ist durch einen Streifen Land über Danzig mit Ostpreußen verbunden, Polen hat also keinen Zugang zur Ostsee. Bei den Wappen sind zudem Thüringen, Sachsen, Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg aufgeführt, was seit der Wiedervereinigung 1990 überholt ist. Quer über die Karte zieht sich der Spruch "Heimat im Osten, dich sucht unsre Seele; Tote der Heimat, Euch birgt unser Herz."

Was ist daran problematisch?

Karten mit Deutschland in den Grenzen von 1936/37 wurden bis in die 70er Jahre hinein verwendet. Aus heutiger Sicht problematisch kann die direkte Blickbeziehung zwischen der Betonplatte und dem Ehrenmal erscheinen. Anders gesagt: Vom Vertriebenen-Denkmal hat man die beste Sicht auf das Nazi-Ehrenmal und auf den Reichsadler. Man kann unterstellen, dass diese Anordnung kein Zufall war.

Was also tun?

Der Abriss der Steinplatte könnte eine gute Lösung sein. Ob ein neues Monument errichtet wird oder der Standort an der Freitreppe für die neuen Informationstafeln verwendet wird, könnte ein Gestaltungskonzept klären. Klar sollte sein: Das Leid der Vertriebenen gehört in den historischen Kontext des Ehrenmals. 2020 jährt sich eine der größten humanitären Katastrophen des Landes zum 75. Mal: 1945 und in den Jahren danach strömten aus den abgetrennten deutschen Ostgebieten bis zu 14 Millionen Flüchtlinge in das verbliebene Deutschland. Die noch lebenden Zeitzeugen sind hochbetagt. Aber viele in Gernsbach und Umgebung lebende Familien haben in ihrem Stammbaum Vorfahren aus jenen Gebieten. Die Erinnerungen an Pommern, Schlesien und Ostpreußen sollten bewahrt werden, aber auch an Bessarabien, die Bukowina oder die Dobrudscha. Gernsbach könnte ein Zeichen setzen.

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