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Geburtsstunde der nächsten Industriebrache
28.02.2018 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Forbach - Normalerweise ist die Festhalle in Langenbrand ein Ort ausgelassener Stimmung. Am 21. November 2007 war das anders: Noch nie zuvor in der Geschichte des Hauses dürfte die Gemütslage der Anwesenden so gedrückt gewesen sein wie an jenem Mittwochabend. Damals verkündeten die Interimsmanager der IBET Industriebeteiligungen GmbH das endgültige Aus der Papierfabrik Wolfsheck, nachdem auch für die letzte Papiermaschine im traditionsreichen Werk kein Käufer gefunden werden konnte. Nicht nur die verbliebenen rund 135 Arbeitnehmer verloren ihren Job, es war quasi die "Geburtsstunde" der nächsten Industriebrache im Murgtal.

Es folgte ein letztes Aufbäumen der stolzen Wolfsheck-Belegschaft, die sich mit diesem "wirtschaftlichen Raubrittertum" nicht abfinden wollte. Auf ihrem Rücken wurde vor zehn Jahren ein Rechtsstreit zwischen mehreren involvierten Unternehmen ausgetragen, in dem es um das finanziell lukrative Laufwasserkraftwerk ging, das sich auf dem Werksgelände befindet.

Um das betreiben zu können, benötigt man die entsprechenden Grundstücke, mit deren Besitzverhältnissen sich unter anderem das Landgericht Baden-Baden befasste. "Die Wasserrechte sind denen wichtiger als die Menschenrechte", machte die damalige Bezirksleiterin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Gabriele Katzmarek, ihrer Abneigung gegenüber solchen Geschäftspraktiken Luft.

Die heutige SPD-Bundestagsabgeordnete kämpfte um eine angemessene Abfindung für die Beschäftigten, die damals trotz des absehbaren Endes der Papierproduktion bis zum letzten Tag malocht haben. Bei vielen ging die Angst um, Hartz IV drohte. Ein knappes Drittel der einst rund 190 Arbeitnehmer hatte das sinkende Schiff bereits vor dem Untergang verlassen und einen neuen Job gefunden. Der Rest machte sich Anfang Januar 2008 sogar mit zwei voll besetzten Bussen auf den Weg ins bayerische Innernzell, um dort auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. In dem 1800-Seelenörtchen im Landkreis Freyung-Grafenau legten sie vor der Firmenzentrale der Unternehmensgruppe Karl einen Kranz als mahnendes Zeichen nieder.

Diese dementierte damals zwar, etwas mit dem Konstrukt der Wolfsheck-Betriebsgesellschaft und mit dem Aus der Papierfabrik zu tun zu haben. Das Werksgelände auf Gemarkung Langenbrand, das seither weitgehend brach liegt, gehört ihr zehn Jahre später aber immer noch. Ob sich dort mal wieder was entwickelt, steht nach wie vor in den Sternen. Bereits im Sommer 2009 hatte sich die Projektgruppe "Gewerbepark Wolfsheck" gegründet, deren Bestreben es seither ist, das brachliegende Gelände wieder wach zu küssen - im Idealfall als Gewerbepark mit Gründerzentrum.

Aktuell liegt der Gemeinde ein Angebot des Eigentümers vor, wie Bürgermeisterin Katrin Buhrke bei der jüngsten Haushaltsverabschiedung mitteilte (wir berichteten).

Zurück ins Jahr 2008: Der Wegfall der Papierfabrik Wolfsheck hatte nämlich nicht nur für die betroffenen Arbeiter Konsequenzen, sondern auch für die Bürger der Gesamtgemeinde Forbach, die sich auf steigende Wasserpreise einstellen mussten. Das Problem war folgendes: Das qualitativ hochwertige Quellwasser muss mit Aufbereitungsanlagen und Personal, die diese bedienen, in die Haushalte gebracht werden; ohne die Papierfabrik reduziert sich die gewerbliche Wasserabgabe um rund 50000 Kubikmeter, wodurch der Gemeinde viel Geld verloren geht, die hohen Fixkosten aber bleiben dieselben.

Auch deshalb beschäftigte sich wenige Monate nach dem Aus von Wolfsheck der Wirtschaftsausschuss des baden-württembergischen Landtags mit der Gemeinde Forbach. Dabei wurde bekannt, dass Wolfsheck kein Einzelfall ist. Das undurchsichtige Geschäftsgebaren des Eigentümers sei einem nordwürttembergischen SPD-Landtagsabgeordneten bekannt vorgekommen. Er sagte, dass der Konzern bereits vor dem Kauf der Papierfabrik Wolfsheck in seiner Heimatgemeinde negativ aufgefallen sei.

Die Kehrseite der freien Wirtschaft

Auch dort habe die Unternehmensgruppe eine insolvente Papierfabrik aufgekauft und die Maschinen kurze Zeit später ins Ausland transferiert. Die Folge sei dieselbe gewesen wie in Forbach - eine Industriebrache. "Ein solches Verhalten ist die Kehrseite der freien Wirtschaft", steht im Sitzungs-Protokoll der damaligen Tagung des Wirtschaftsausschusses.

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