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"Steffen Sontheimer ist der Beste!"
03.04.2018 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Gernsbach - Für den Kanadier Daniel Negreanu sind die Asse auf dem Tisch klar verteilt. Der 43-Jährige aus Toronto hat zwar mit geschätzten 36,5 Millionen Dollar die meisten Preisgelder eingesackt und gilt bei vielen als der größte Pokerspieler aller Zeiten - für die aktuelle Nummer eins im "No Limit Hold'em" (NLHE) aber hält sich Negreanu nicht. "Steffen Sontheimer ist vermutlich derzeit der Beste!", verpasst der sonst nicht unter überbordender Bescheidenheit leidende Negreanu dem 27-Jährigen aus Gernsbach den ultimativen Ritterschlag.

So weit wäre der Wirtschaftsingenieur bei der Nabelschau nie gegangen. Sicher, in der Weltrangliste, die ein etwas "seltsames System" zur Ermittlung der Topspieler habe, liege er im Poker-Global-Index ungefähr um Platz 35. Aber ohne Bluff sei er vielleicht in den Top 5, wenn man als Maßstab die meist sehr aussagekräftigen Buchmacher-Quoten auf Siege von ihm oder die Drafts vor großen Turnieren nehme - da werden die besten Spieler als Erste herausgepickt. Noch entscheidender vielleicht: Laut der Geldrangliste des Jahres 2017 hat Sontheimer mehr als sieben Millionen Dollar gewonnen!

Dass er deshalb aber nun gleich zum zigfachen Millionär aufstieg, das dementiert der talentierte Tischtennisspieler aus dem Murgtal. "Von den 7,5 Millionen Dollar an Preisgeldern gehen allein schon 3,5 Millionen als Buy-in ab." Diese Startgelder lassen sich die Profis häufiger von betuchten Fans oder sogar "Investoren", wie Sontheimer berichtet, bezahlen - die erhalten dafür im Falle eines hohen Preisgelds einen Löwenanteil. Allein beim Poker Masters in Las Vegas betrugen die Startgelder während der Fünfer-Serie viermal 50000 und einmal gar 100000 Dollar - der Einsatz lohnte sich aber für die "Investoren". Sontheimer räumte 2,7 Millionen Dollar ab und wurde schlagartig weltweit berühmt.

In der europäischen Szene war der mittlerweile in Wien lebende Murgtäler da aber schon ein Begriff. Ende April hatte er bei der Poker Stars Championship im Glücksspiel-Eldorado Monte Carlo für Rang sechs 380000 Euro abgeräumt. Einen Monat später folgte mit Platz zwei beim Aria Super High Roller Platz zwei, der mit 1,2 Millionen Dollar belohnt wurde. Nach einem weiteren Erfolg im montenegrinischen Budva trumpfte Sontheimer bei der Poker-Europameisterschaft in Velden auf, was ihm knapp 430000 Euro bescherte.

Sontheimers Karriere begann spät. Sein Mannschaftskamerad in der ersten Tischtennis-Mannschaft des TV Gernsbach, Stephan Kurz, machte den damaligen Zivi auf "eine Poker-Webseite aufmerksam". Mit den 50 Dollar Startguthaben ließ es sich gut an, die reichten auch völlig aus angesichts der bescheidenen Einsätze von ein, zwei Cent bis zwei Dollar. "Es ging sofort aufwärts", erinnert sich Sontheimer an seine Anfänge. Den Spaß daran verlor er jedoch am legendären "Black Friday" am 29. Juni 2011. Das US-Justizministerium machte die Webseiten "Pokerstars" und "Full Tilt Poker" unter dem Vorwurf der Geldwäsche und Betrugs dicht. Die sauer erspielte Kohle war zunächst weg.

So endete die kurze Passion. "Ich hakte es ab. Als Student konnte ich mir keine Zockerei leisten. Es war ja auch nur ein Hobby - statt abends Fernsehen zu gucken." Als "Pokerstars" wieder ein Jahr später online war, der ausstehende Zaster floss und eine neue Variante, Zoom, anbot, nutzte dies Sontheimer zum Comeback. Bei dieser Variante, für die Supersprinter Usain Bolt wirbt, kann man an zahlreichen Tischen gleichzeitig gegen permanent wechselnde Gegner spielen. Wofür man im Casino einen Tag bräuchte, wird hier in Windeseile an Karten ausgeteilt und ausgespielt. "Das artet dann rasch in ein Rumgeklicke aus", erläutert der drahtige ehemalige Fußballer des FC Gernsbach.

Bachelor-Arbeit über Poker

2016 lief es "anfangs noch nicht so Bombe", erzählt Sontheimer. Seine erneuten Fortschritte in dem Genre erklärt sich Sontheimer mit "guten theoretischen Kenntnissen". Die fußen gewiss auf seiner Bachelor-Arbeit, mit der er an der Uni Karlsruhe sein Studium zum Wirtschaftsingenieur abschloss: "Verhaltensökonomie im Poker - Eine Untersuchung von Investitionsentscheidungen in No Limit Texas Holdem" lautet die 52-seitige Abhandlung, die auch für Spielkarten verdammende Leser spannend und lehrreich ist.

Selbst Negreanu muss wohl dazulernen. Erst jetzt verstehe er, warum Nachwuchsstars wie Sontheimer manchmal "zwei Minuten nachdenken" über ihr weiteres Vorgehen. Es sei ein "neuer Weg, über Poker zu sinnieren", befindet der Kanadier und nahm sich eine mehrmonatige Auszeit für das "tägliche Studium und um die Spieltheorie zu verstehen". Sontheimer erklärt seinen Erfolg bescheiden mit "guten theoretischen Kenntnissen und einem guten Grundlevel". So sei es immer weiter "vorwärts gegangen". Bis ins Zocker-Mekka Las Vegas. Seinem Spitznamen "Goose" wurde er vor allem in der Wüste Nevadas gerecht, wenn man es schelmisch sieht: Dort nahm der 27-Jährige seine Gegner wie eine Weihnachtsgans aus und kassierte in vier Turnieren rund 2,7 Millionen Dollar, davon alleine 1,512 Millionen Dollar bei einem seiner beiden Siege - dabei wollte er eigentlich gar nicht dort spielen! "Ich hatte am 13. September Geburtstag, außerdem war da das Altstadtfest", beweist der Gernsbacher Heimatverbundenheit.

Verschlug es den Murgtäler zunächst nach Abschluss seiner Bachelor-Arbeit ins englische Seebad Brighton, residiert Sontheimer seit Anfang 2017 in Wien. Die Donau-Metropole sei die "deutschsprachige Poker-Hochburg mit über 100 Leuten", erläutert er den Umzug. Die Deutschen helfen sich und "merzen ihre Schwächen" gegenseitig aus. "Wir sind klar die beste Truppe und haben alles gewonnen", ergänzt der 27-Jährige unter anderem mit Blick auf den äußerst erfolgreichen Fedor Holz, der sich ebenfalls in Wien ansiedelte.

Bei Turnieren lernt der Poker-Star auch manches Ass fern des Tisches kennen: Neben Sprint-Legende Usain Bolt auf den Bahamas vor allem Boris Becker in Tschechien. Der Hobby-Tennisspieler saß mit dem Wimbledon-Sieger an den Tischen - die Karten waren da aber ganz anders verteilt. "Na ja, Becker wurde eingekauft und flog früh raus", sieht er den Einsatz von "Bobbele" eher als Marketing-Gag. Bei unerfahrenen Spielern hört Sontheimer "extrem viel aus der Stimme heraus", wenn es darum geht, ihr Blatt zu taxieren. "Ich quatsche die Leute daher immer voll", verstrickt er die Mitspieler gerne in lohnende Gespräche.

Plaudertasche erkennt viel an der Stimme

Langfristig will die fröhliche Plaudertasche ihr Leben aber nicht in Casinos vergeuden, sondern sucht einen Beruf, "auf den ich Bock habe, denn manchmal ist Poker auch langweilig". Bodenständig, wie der Murgtäler ist, begründet er die berufliche Veränderung auch mit: "Ich bin froh, wenn ich mal acht Wochen nicht fliegen muss", nervt Sontheimer die ständige Reiserei - so attraktiv sie klingen mag - von Monaco in die Dominikanische Republik, Australien, Bahamas, Barcelona oder USA. "Dieses Jahr wird es leider nicht weniger." Vor allem die Termine in Las Vegas passen ihm wieder gar nicht in die Planung: "Dieses Jahr ist erneut gleichzeitig das Altstadtfest! Besonders megahart und bitter ist eine weitere Überschneidung mit dem WM-Finale im Fußball, wenn die Deutschen drin stehen."

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