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Aus einem anderen Holz
05.04.2018 - 00:00 Uhr
Von Thomas Ihm

Gaggenau - Nördlich von Bad Rotenfels, am Rande des Dörfchens Winkel, fand vor 120 Jahren ein wissenschaftlicher Versuch statt, der den Wald in Deutschland verändern sollte. An manchen der seltsam geschuppten Bäume finden sich noch Nummern und Markierungen. Hier wachsen Hickories, die bei uns in der Eiszeit ausgestorben sind. Zusammen mit seinen Studenten versucht Professor Raphael Klumpp vom Wiener Institut für Waldbau die Versuchsbäume neu zu vermessen. Der Klimawandel gibt seinen Forschungen eine neue, aktuelle Bedeutung.

Äußerlich unterscheidet sich das Waldstück nicht von seiner Umgebung. Allerdings wirken die länglichen Schuppen einiger Laubbäume ungewöhnlich. Sie biegen sich am oberen und unteren Ende ab. Außerdem ist der Waldboden voller Nussschalen. Drei junge Studenten, die Förster werden wollen, und ihr Professor vermessen die Bäume und deren Standorte. Sie führen einen Versuch fort, der Ende des 19. Jahrhunderts begonnen wurde. Ihr besonderes Interesse gehört dabei Carya ovata und Carya tomentosa, zwei Arten des amerikanischen Hickory-Baums.

Klumpp spricht von einem Schatz. Am liebsten würde er eine Hinweistafel anbringen, um die Menschen auf die Besonderheit in ihrem Wald hinzuweisen. Um 1880 versuchten ehrgeizige Förster in Deutschland, die Bewirtschaftung der Wälder mit wissenschaftlichen Methoden zu verbessern. Aus Fossilienfunden wusste man, dass die Artenvielfalt vor der Eiszeit viel größer war als heute. So suchte man gezielt nach Baumarten, die ökologisch in den deutschen Wald passten und wirtschaftliche Gewinne versprachen. Namentlich die Versuchsanstalten der preußischen, braunschweigerischen und badischen Forstverwaltung unternahmen systematische Anbauversuche. Anhand von Recherchen in alten Registern und gezielten Nachfragen bei Forstämtern hat Klumpp die Pflanzung bei Bad Rotenfels und eine weitere bei Langensteinbach in der Nähe von Karlsruhe wiedergefunden.

Dank der Pionierarbeit einiger Forstleute kamen vor mehr als hundert Jahren Hickory und Roteiche, Mammutbaum und Douglasie hierher. Der Hickory war für die Förster zunächst eine Enttäuschung. Gerade in jungen Jahren wächst er sehr langsam. Die amerikanischen Roteichen der Versuchspflanzung bei Winkel sind schon doppelt so dick wie ihre Hickory-Nachbarn. Während die Skiindustrie, die sehr auf heimischen Hickory hoffte, längst zu Kunststoffen übergegangen ist, sind die Bäume im Murgtal immer noch nicht erntereif. Klumpp meint ohne jede Ironie, dass man deren Wachstum mindestens weitere 100 Jahre beobachten sollte. Erst 30 Jahre später werden die Versuchsbäume ins Erwachsenenalter kommen; die Altersgrenze dürften sie dann in rund weiteren 300 Jahren erreicht haben.

Ein "Lothar" lässt sie ungerührt

Das machte Hickory für die Forstwirtschaft sehr schnell uninteressant. Vielleicht war das voreilig, denn für Raphael Klumpp ist ein anderer Aspekt entscheidend: der Klimawandel. Kaum ein Baum kommt mit extremen Wetterlagen so gut zurecht. In Winkel erkennt das auch der Laie: Als der Orkan "Lothar" 1999 durch diesen Wald fegte, blieben die Hickories ungerührt stehen. In den Zwischenräumen wachsen inzwischen junge Hickory-Bäume, die ihre Existenz Eichhörnchen verdanken, die vergessen haben, ihren Vorrat wieder auszugraben.

In den ersten Jahrzehnten seines Lebens wächst der Hickory-Baum eher nach unten denn nach oben. Er entwickelt eine dicke, fleischige Pfahlwurzel, die ihn später Stürme, Trockenzeiten und sogar Waldbrände überleben lässt. Wenn das Schicksal einen jungen Hickory fällt, dann treibt aus der Wurzel ein neuer Baum hervor, der meist schöner und stärker ist als sein Vorgänger.

2009 wurden die Versuche der frühen badischen Forstverwaltung aus dem Versuchsregister gestrichen. Professor Klumpp ist sich aber sicher, dass der Bestand weiter beobachtet werden muss. Unterstützung bekommt er von den Forstkollegen vor Ort. So gibt es in Baden-Württemberg schon seit Jahren eine Arbeitsgemeinschaft, die sich speziell mit Nussbaumarten beschäftigt und diesen Schatz zu schätzen weiß. Auch Wolfgang Hertel vom Forstamt Rastatt weist darauf hin, dass wir dringend mehr Wissen über die richtige Pflege von Hickories brauchen.

"Auf guten Standorten kann Hickory sicher die Vielfalt unserer heimischen Wälder erhöhen und gleichzeitig den Waldbesitzern und der Holzindustrie mehr Sicherheit bei der Produktion von wertvollem Holz geben", sagt Klumpp. Seine drei Studenten kehren jetzt mit den Daten, die sie bei Bad Rotenfels und Langensteinbach gesammelt haben, nach Wien zurück, um diese These zu untermauern. Mit ihren Bachelor-Arbeiten tragen sie so dazu bei, dem exotischen Baum mit seinen Allround-Qualitäten eine zweite Chance zu geben.

Autor Thomas Ihm (56) aus Baden-Baden ist Redakteur bei SWR2, unter anderem Moderator des SWR2-Forums - und Hickory-Golfer. Sein Beitrag über die Hickories wird zu einem späteren Zeitpunkt in SWR2 ausgestrahlt.

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