Smurfit plant Verkauf beider Murgtal-Werke
Unruhe herrscht bei der Belegschaft von Smurfit Kappa im Murgtal, seit die Verkaufspläne bekannt sind. Foto: Lauser
09.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Gernsbach/Weisenbach - Paukenschlag in der Murgtäler Papierindustrie: Am Montag sind die Belegschaften der beiden Werke von Smurfit Kappa (Baden Karton in Hilpertsau und Packaging in Weisenbach) in außerordentlichen Mitarbeiterversammlungen darüber informiert worden, dass sich das Unternehmen von den zwei Fabriken trennen will. Entsprechende BT-Informationen bestätigte Geschäftsführer Thomas Ruth gestern auf Anfrage: "Wir sind in Gesprächen mit der Livia-Group und auf einem sehr guten Weg bezüglich der Übernahme beider Betriebe. Die Verhandlungen laufen noch."

Die Investorengruppe mit Sitz in München sei ein "potenter, für uns guter Käufer für den Standort", betonte Ruth. Die Verkaufsabsichten von Smurfit Kappa hätten nicht zwingend etwas damit zu tun, dass es schlecht laufe im Murgtal. Vielmehr gehöre die Produktion und Verarbeitung von Faltschachtelkarton, wie sie in Hilpertsau und Weisenbach betrieben werde, nicht zum Kerngeschäft des Unternehmens, das im Bereich der Sekundärverpackungen liege, so Ruth. Das sind Umverpackungen, die nicht in direktem Kontakt zum verpackenden Gegenstand stehen und die meist Schutz- und Kontrollfunktion haben.

Mitbestimmung bleibt zunächst außen vor

Smurfit Kappa produziert laut Konzernangaben an 28 Standorten in Deutschland und gehört mit 46000 Mitarbeitern in 35 Ländern zu den führenden Anbietern von papierbasierten Verpackungslösungen weltweit. Wie es mit der Belegschaft im Murgtal (insgesamt etwas mehr als 300 Beschäftigte) nach dem Verkauf der beiden Werke (sofern er zustande kommt) weitergeht, dazu könne Ruth nichts sagen: "Das ist Sache des Käufers."

Die Livia-Group - eigenen Angaben zufolge eine unabhängige Industrieholding sowie die private Investmentgesellschaft von Professor Dr. Dr. Peter Löw - hat sich trotz mehrfacher Anfragen dieser Zeitung bis gestern Abend nicht zu dem bevorstehenden Geschäft geäußert.

Anders die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), die den geplanten Deal kritisch sieht. Gewerkschaftssekretär Dirk Schmitz-Steinert beklagte - nach Rücksprache mit den Betriebsratsgremien von Karton und Packaging -, dass die gesetzlich vorgeschriebene Informationspflicht und die betriebliche Mitbestimmung in diesem Fall nicht eingehalten worden seien.

Im Betriebsverfassungsgesetz ist in Paragraf 80 unter anderem geregelt, dass der Betriebsrat über derlei Entwicklungen und Maßnahmen "rechtzeitig und umfassend vom Arbeitgeber zu unterrichten" ist, damit er seiner Aufgabenstellung gerecht werden kann. So spontan aber sei eine Vertretung der Belegschaft kaum möglich, monierte Schmitz-Steinert - zumal der Verkauf seinen Informationen zufolge "zeitnah, bis Ende des Monats, über die Bühne gehen soll". Heute werde sich der Gewerkschaftssekretär mit den Betriebsräten vor Ort zusammensetzen und das weitere Vorgehen diskutieren.

Angesichts dessen, dass die Livia-Group bislang nicht in der Papierbranche engagiert sei und mit einem Konstrukt aus zahlreichen Holdings und Tochterunternehmen praktiziere, beschleiche Schmitz-Steinert "ein mulmiges Gefühl", was die Zukunft der Beschäftigten in Hilpertsau und Weisenbach betrifft. Es sei oberstes Ziel, die Produktion an beiden Standorten langfristig zu sichern, damit die Mitarbeiter eine Zukunftsperspektive haben. Zunächst werde man eine Ist-Analyse erstellen und einen externen Sachverständigen mit ins Boot holen, mit dem man mehrere Szenarien durchspielen werde, kündigte der Gewerkschaftssekretär an: "Was könnte passieren, wie können beziehungsweise müssen wir reagieren?"

Unterdessen herrscht bei den etwas mehr als 300 Arbeitnehmern Ungewissheit. "Es gab keinerlei Anzeichen für einen bevorstehenden Verkauf, das kam total aus heiterem Himmel", sagten Beschäftigte, die vom BT kontaktiert wurden. Die Unruhe ist groß, man macht sich Sorgen um den Arbeitsplatz.

Die ehemalige Badische Karton- und Pappenfabrik in Hilpertsau gehört zu den traditionsreichsten Standorten der Papierindustrie überhaupt. Ihre bewegte Geschichte begann im Jahr 1882, als die Mannheimer Familie Klemm die Wasserkräfte oberhalb von Obertsrot zu nutzen begann und eine Holzschleiferei und eine Anlage zur Herstellung von Handpappen erstellte.

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