Auf dem Weg von der grenzenlosen Freiheit zur Barrierefreiheit
'Weg vom Inklusionsgedöns': Christoph-Benedikt Scheffel lebt seit fünf Jahren in Gaggenau. Foto: Ulrike Klumpp
14.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Thomas Senger

Gaggenau - Wenn Dr. Christoph-Benedikt Scheffel von seinen Aufenthalten in Nordamerika erzählt oder vom europäischen Ausland, dann wird seine Begeisterung fast körperlich spürbar - "und sobald ich in Frankfurt am Flughafen ankomme, ist die Welt eine andere", berichtet der 58-Jährige. Seit 17 Jahren ist er Rollstuhlfahrer, über anderthalb Jahrzehnte haben in ihm seither das Bewusstsein reifen lassen: "Inklusion ist mehr als nur ein paar behindertenfreundliche Eingänge." Was anderswo in der Welt selbstverständlich sei, will er auch in Deutschland forcieren: das normale Miteinander.

In seiner neuen Heimatstadt will der promovierte Politikwissenschaftler und Wahl-Gaggenauer nun dabei helfen Brücken zu bauen - von der Welt der Nichtbehinderten in den Alltag der Menschen mit körperlichen Einschränkungen hinein. Der große Aktionstag in der Gaggenauer Innenstadt am Freitag, 8. Juni, geht auf seine Initiative zurück. Zwölf Stunden lang, von zehn bis 22 Uhr, werden Vorführungen, Informationen und insbesondere Mitmachangebote vom Marktplatz die Hauptstraße entlang bis in die Bahnhofstraße hinein im Mittelpunkt stehen

"Weg vom Inklusionsgedöns" will Scheffel, denn in wenigen Jahren werde mit der demografischen Entwicklung das Thema Barrierefreiheit ohnehin eine ganz andere, eine gewaltige Dimension eingenommen haben.

Aus eigener Erfahrung weiß der ehemalige Flieger im Rang eines Oberstleutnants, dass die Leistungsfähigkeit eines behinderten Menschen oft als zu gering eingeschätzt werde. "Hätte sich ein Einstein als Rollstuhlfahrer genauso intellektuell durchsetzen können?", fragt er provokant.

"Inklusion aus der anderen Richtung machen", Verständnis aufbauen, dazu soll der Aktionstag beitragen. "Erstmalig besteht in der Region die Möglichkeit, in die Welt der Menschen mit Einschränkungen einzutauchen und selbst zu erleben, welch sportliche Leistungen beispielsweise im Rollstuhl oder als erblindete Person möglich sind."

In entspannter Art und Weise dürfen sich die Innenstadtbesucher mit Leistungssportlern auseinanderzusetzen und darüber hinaus selber ausprobieren, wie Sport im Rollstuhl ist oder beim "Blindenschießen" das Zielen nur mit dem Gehör üben. Oder das Kochen nach Schlaganfall: Auch so etwas will gelernt sein.

"Eine gesunde, nette Normalität in das Thema hineinbringen", sei ihm wichtig, betont Scheffel. Als er bei Leistungssportlern anfragte, war die Resonanz überwältigend: "Mehr, als man unterbringen kann." Anna-Lena Forster (Paralympics-Siegerin in der Super-Kombination/Slalom), Britt Weingand (Karate-Weltmeisterin), Norbert Koch (Vize-Weltmeister Handbike), Vivian Hösch (Weltmeisterschaftsdritte im Biathlon) oder Michael Huhn (Landestrainer des Nordic Paraskiteams) haben ihr Kommen zugesagt.

Behinderte Boccia-Spieler werden im Wettkampf die nicht behinderten Teilnehmer und die Zuschauer verblüffen, Rollstuhl-Basketball mit den Rolling Chocolates aus Heidelberg zählt ebenso zu den Attraktionen wie die Rollstuhl-Rugby-Landesauswahl.

Die Innenstadt wird brummen, da sind sich die Lebenshilfe und die Stadtverwaltung als Mitorganisatoren sicher. Gaggenauer Schulen sind eingeladen, "damit die jungen Leute eine gewisse Normalität kennenlernen", wie es Scheffel nennt. 300 Rollstuhlfahrer gebe es in Gaggenau - also gut ein Prozent der Bevölkerung. OB Florus ergänzt: Insgesamt rund 1200 Menschen mit einer Behinderung leben in der Großen Kreisstadt. Man sei in einer "Phase des Umdenkens", erläutert das Stadtoberhaupt und verweist auf den geplanten behindertengerechten Umbau von öffentlichen Toiletten in der Stadt.

"Schockierend, auf einmal wieder im Kinderwagenniveau" das waren Scheffels erste Erfahrungen, als er mit 41 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen war. "Spannende Abgründe", bezeichnet er die Erfahrungen, wenn man nicht als Mann, sondern als Kind wahrgenommen werde. Aber "nicht belehrend, sondern erklärend" wolle er wirken, "quasi eine Tür öffnen, damit andere einen Einblick bekommen."

"Ich fühlte mich zu jung, um mich lebendig zu begraben", erinnert er sich an seine Zeit in Schleswig-Holstein. Seine Lebensgefährtin Martina Jäschke, Olympiasiegerin 1980 im Turmspringen, fand darauf hin Arbeit als freie Sporttherapeutin - unter anderem in der Leisberg-Klinik in Baden-Baden. Seither ist ihrer beider Lebensmittelpunkt Gaggenau.

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