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"Wir sind nicht hinterm Mond"
Im 25. Jahr des Bestehens hat der Waldorfkindergarten in Gernsbach wieder viele kleine Schützlinge zu betreuen.  Foto: Metz
21.06.2018 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Gernsbach - "Wir sind nicht hinterm Mond, wie manche glauben", unterstreicht Heike Junge. Vor rund fünf Jahren haben das manche Eltern gedacht, als der Waldorfkindergarten nur noch zwölf Kinder umsorgte. Doch danach erfolgte wohl ein Umdenken bezüglich des exzessiven Smartphone-Gebrauchs schon beim Nachwuchs: Eine traditionellere Erziehung wurde wieder modern. Im Jubiläumsjahr herrscht Andrang in Gernsbach.

Passend zum 25-Jährigen buddeln draußen im Garten 25 Kinder im Sand. Zehn Krippenkinder im Alter von eins bis drei gesellen sich dazu. Im Vergleich zu 1993, als in Scheuern der Grundstein des Waldorfkindergartens gelegt wurde, hat sich viel gewandelt. Damals hat die Anthroposophie und die Lehre von Waldorf-Gründer Rudolf Steiner (1861-1925) eine größere Rolle gespielt. "Alle wollten das Konzept unbedingt", erinnert sich Gabi Löffler, die sich ebenso wie Birgit Luft-Fedder an der Elterninitiative beteiligte, die in Scheuern einen ersten Raum für ihr Projekt anmietete. Als dieser zu klein wurde, "arbeiteten alle Eltern sehr gut zusammen und brachten sich beim Bau ein", erinnert sich Luft-Fedder an den Umbau vor 21 Jahren, als in der Hepplerstraße aus dem alten Gebäude von 1921 ein Schmuckstück für die Kinder geschaffen wurde.

Im Gegensatz zu anderer Pädagogik, die vor allem auf frühes kognitives Lernen Wert legt, setzt die Anthroposophie andere Schwerpunkte. Digitale Medien werden vermieden, Selbsterleben und -erfahren stehen im Vordergrund. Die drei bis sieben Jahre alten "Murgtäler Wichtel" genießen ihren "rhythmischen Tages-, Wochen- und Jahresablauf, der sich an den christlichen Feiertagen orientiert", wie Junge erläutert. Dieser beginnt um 7.30 Uhr mit etwa zwei Stunden langem "Freispiel". Auf die "autonome" Phase folgen eine Aufräumzeit, Fingerspiele, Reigen und ein Gebet vor dem Frühstück. "Das bereiten wir gemeinsam mit den Kindern vor. Sie müssen nichts mitbringen", betont die Leiterin der Waldorfeinrichtung, die zudem auf gesundes Essen achtet.

Eine zweite "Freispiel"-Phase schließt sich bei jedem Wetter im Freien an. Die Erzieherinnen Christiane Merklein, Corinna Jung, Katharina Morstadt und die als Helferin im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) engagierte Dilara Türk dienen dabei als "Vorbild" und sollen ihre kleinen Schützlinge gemäß Steiners Prinzipien zur "Nachahmung" animieren. Mehrere "Aus- und Einatem-Phasen" bestimmen den Tag, erzählt die 56-jährige Junge. Um 12.30 Uhr geht es zurück ins Gebäude, wo Märchen, Puppenspiele oder Geschichten den Vormittag abschließen.

Löffler überzeugt das Konzept bis heute: "Hier gibt es nicht nur Plastikspielzeug, sondern auch manches aus Naturmaterialien", lobt die 48-jährige Hilpertsauerin das Konzept. "Wir brauchen keine Technik. Den Bagger erschaffen sich die Kinder selbst", ergänzt Junge, "so werden alle Sinne gefördert und geschärft."

Weltweit 1800 Waldorfkindergärten

Die seit zehn Jahren in Gernsbach tätige Leiterin engagiert sich auch für Traumapädagogik sowie seit einem Erdbeben bei einer Waldorf-Einrichtung in Nepal. In Baden-Württemberg gibt es aktuell 144 Waldorfkindergärten, weltweit etwas mehr als 1800 in knapp 70 Ländern. Im Murgtal hat der Waldorfkindergarten ein Alleinstellungsmerkmal. Eltern aus Kuppenheim bis Forbach, die das Konzept überzeugt, schicken ihren Nachwuchs hin. Luft-Fedder hat nicht nur 1995 ihre Tochter Madeleine dem Team der früheren Leiterin Maike Vierling anvertraut. Inzwischen pilgert auch Enkel Luis Fedder seit 2017 in den Kindergarten. "Das war der Wunsch meiner Tochter und finde ich wunderbar", wertet das die 57-jährige Weisenbacherin als Beleg, dass sie es als Mutter damals nichts falsch machte - zumal Madeleine Fedder selbst Erzieherin wurde, wenn auch in einem normalen städtischen Kindergarten.

"Das ist schön, wenn heute ehemalige Kinder ihren Nachwuchs zu uns schicken", sieht Junge das Waldorf-Konzept bestätigt. Die Hördenerin freut sich darüber, wenn sie von den ehemaligen Schützlingen hört, dass "viel hängen blieb und sie noch immer in die Kirche gehen oder Festtage feiern. Das ist toll, so etwas zu erleben".

Nach dem Tief vor ein paar Jahren, als es über die Sommerferien hinweg finanziell eng wurde mit den Löhnen, scheinen die Zukunftsaussichten wieder rosig - auch dank der Unterstützung der Stadt Gernsbach. Die Kommune deckt rund 85 Prozent des Etats von 200000 Euro. Den Rest steuern die Familien mit ihren Beiträgen bei. Kostenlos trägt außerdem Ulrike Kell einmal in der Woche ihr Scherflein bei. Sie gilt als "Oma des Kindergartens".

Wofür die Einnahmen und Spenden aus den Jubiläumsveranstaltungen (siehe "Zum Thema") fließen, weiß Junge bereits: "Unser großer Wunsch ist eine Wasserspielanlage für die Kinder. Je nachdem, wie die Gelder fließen, fällt die Wasserspielanlage mehr oder weniger groß aus."

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