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Eine Reise in die dunkle Welt der Immobilienbranche
Über den Status Baustelle bislang nicht hinaus gekommen: Seit mehr als fünf Jahren warten Wohnungsinteressenten vergebens darauf, dass in die Villa Luise 'Leben einzieht'. Foto: Juch
23.06.2018 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Gernsbach - "Ich darf gar nicht dran denken, sonst kommen mir die Tränen." Maria Pollmann klingt immer noch verzweifelt, wenn sie über das Kapitel "Villa Luise" spricht. Zusammen mit ihrem Ehemann Peer-Hartwig wollte sie sich in Scheuern zur Ruhe setzen - in einer der sieben barrierefreien Eigentumswohnungen, die in der denkmalgeschützten Villa an der Friedrichstraße entstehen sollten. Doch daraus wurde nichts. Jahrelang seien die Eheleute vom Projektentwickler hingehalten worden, bis sie die Reißleine zogen - mit großen finanziellen Verlusten und erheblichen psychischen Folgen.

"Vor allem meine Frau hat sehr darunter gelitten", betont Dr. Peer-Hartwig Pollmann. Der 73-jährige Arzt, der in der Klinik Ebersteinburg beschäftigt war, erzählt von dem Hochglanzprospekt, das in ihnen vor mehr als sechs Jahren den Traum reifen ließ, in der Papiermacherstadt den Altersruhesitz zu erwerben. "Gernsbach finden wir schön, meine Frau kommt aus dem Murgtal", erklärt Pollmann: "Schöne Wohnung, schöne Lage, das wäre ideal gewesen." Unter anderem wird für das Projekt mit hohen steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten geworben.

Im März 2012 unterschreibt das Ehepaar den Kaufvertrag, in dem als Fertigstellungstermin für die Wohnung Juni 2013 genannt wird. Es beginnt eine Reise in die dunkle Welt der Immobilienbranche. Damals plante Bauherr Rainer Buhné noch, auf dem rund 30000 Quadratmeter großen ehemaligen Schwesternheimareal bis zum Jahr 2018 im Rahmen des Projekts "Murgtal-Terrassen" in mehreren Abschnitten acht "Punkthäuser" mit insgesamt 96 barrierefreien Eigentumswohnungen für Senioren zu bauen. Weiter sollte auf dem Gelände eine zentrale stationäre Pflegeeinrichtung mit 62 Plätzen entstehen. Die Villa Luise befindet sich auf diesem Grundstück - in sie sollte als erstes "Leben einziehen", hieß es damals.

Die Pollmanns waren eine von vier Parteien, die dort investierten. "Anfangs ging es auch vorwärts", erinnert das Ehepaar im BT-Gespräch an den Abriss des alten Schwesternheims und die beginnende Renovierung der denkmalgeschützten, um 1910 errichteten Villa, in die sie im Sommer 2013 einziehen wollten. Doch plötzlich geriet das Projekt ins Stocken.

Ursprünglich hatte es geheißen, die Sanierung der Villa Luise sei getrennt vom Baufortschritt auf dem restlichen Areal zu sehen. Das hat sich später als falsch herausgestellt, wie die Pollmanns heute wissen. Die Leitungen unter dem Grundstück waren allesamt kaputt, die Erschließung sei völlig neu zu machen, erklärte Buhné, weshalb sich der avisierte Bezug der Villa Luise verzögert. Hinzu kam, dass der Projektentwickler keinen Betreiber für seine geplante Pflegeeinrichtung finden konnte. Trotz weiterer Vermarktungsversuche folgte Stillstand, bis der Gemeinderat im Mai 2015 den vorhabenbezogenen Bebauungsplan (Service-Wohnen Murgtal-Terrassen) aufhob.

Während Buhné in der Folge das ehemalige Schwesternheim-Areal an einen Investor (Architekturbüro Wolfgang Reisser, Ludwigsburg) veräußerte, blieb die Villa Luise in seinem Besitz. Trotz weiterer Beteuerungen, die Wohnungen darin fertigstellen zu wollen, warteten die Pollmanns vergeblich darauf, sich ihren Traum verwirklichen zu können.

Im März 2017 seien sie dann im Internet "zufällig" auf die Absicht Buhnés gestoßen, die Villa für 1,4 Millionen Euro verkaufen zu wollen - ohne dass sie darüber informiert worden wären. Daraufhin beauftragten sie einen Rechtsanwalt mit der Rückabwicklung des Kaufvertrags.

Rund 40000 Euro Verlust, große Sorgen

Am 18. April dieses Jahres endete schließlich für Maria und Peer-Hartwig Pollmann das traurige Kapitel Altersruhesitz in Gernsbach. Die Anwälte einigten sich auf die Rückerstattung von 250000 Euro. Das ist aber bei weitem nicht das, was das Ehepaar in all den Jahren investiert hat. Es musste über fünf Jahre lang monatliche Kreditkosten in Höhe von 2000 Euro bezahlen, hinzu kam die Miete, die man weiter berappen musste (jährlich etwa 12000 Euro), weil die beiden in die Wohnung, für die sie den Kredit aufgenommen haben, nicht einziehen konnten. Hinzu kommen Anwaltskosten.

Insgesamt schätzt Pollmann den Verlust auf rund 40000 Euro. "Ganz zu schweigen von dem psychischen Stress und den Sorgen", unterstreicht das Ehepaar: "Wir sehen uns um die Möglichkeit gebracht, eine entsprechende Wohnung kaufen zu können - auch angesichts der stark gestiegenen Immobilienpreise. Für uns gilt leider: Altbau wurde Alptraum."

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