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"Ein Fass an Erinnerungen aufgemacht"
Autor Achim Rietz (links) mit den Herausgebern Peter und Vera Finkbeiner.  Foto: Vogt
26.06.2018 - 00:00 Uhr
Von Katharina Vogt

Forbach - "Lieber Vater, in jedem Brief von daheim stehen jedes Mal zwei oder drei Gefallene drin. Wenn das so weiter geht, kommen nicht viele zurück nach Hause." Alfred Krämer, der diese Zeilen von der Front nach Hause schrieb, war selbst ein blutjunger Mann, als er mit der Wehrmacht in den Krieg ziehen musste. Von der fernen Front hielt er mit Briefen den Kontakt zur Heimat und dort wurden diese Frontbriefe über Jahrzehnte aufbewahrt. Ortsvorsteher Achim Rietz hat über sechs Jahre lang mit Zeitzeugen gesprochen, Briefe, Vereinschroniken und Tagebücher gelesen sowie in Archiven geforscht. Seine Arbeit hat er jetzt in einem fast 300 Seiten starken Buch zusammengefasst, das Finkbeiner Medien (Forbach) verlegt.

"Aufbruch in eine neue Zeit - Dachten wir - Dorfchronik einer verlorenen Generation" lautet der Titel des Buchs. Auf dem Cover ein Foto: Ein paar Freunde haben gefeiert und drängen sich für ein Gruppenbild fröhlich lachend zusammen. Dass es kein aktuelles Bild ist, erkennt man an einem Detail, das erst auf den zweiten Blick deutlich wird: Im Hintergrund hängt ein Porträt von Adolf Hitler.

"Es geht in dem Buch nicht darum, Schuld zuzuweisen", erklärt Achim Rietz seine Motivation für dieses Buch. Damit die Erinnerungen seiner Mutter nicht mit ihrem Tod verloren gehen, hatte er vor Jahren bereits begonnen, alte Dorfgeschichten nach ihren Erzählungen aufzuschreiben. So wurde sein Interesse am Dorfgedächtnis geweckt und er begann, auch andere ältere Mitbürger zu befragen. "Als diese Zeitzeugen gemerkt haben, dass da jemand ist, der zuhört und gezielt nachfragt, da habe ich ein Fass von Erinnerungen aufgemacht."

In den vergangenen Jahren hat Achim Rietz mit rund 50 Zeitzeugen gesprochen und viele Briefe und Tagebücher gelesen. "Es ist oft sehr erschütternd, wenn man die Frontbriefe, die Erinnerungen und die anderen Aufzeichnungen gegenüberstellt." Manchmal konnte er nicht weiterarbeiten, brauchte eine Pause, denn vieles hat ihn emotional tief berührt - eine Erfahrung, die auch seine Helfer am Buchprojekt bestätigen.

Einfache Worte von jungen Frontsoldaten

Die jungen Frontsoldaten erzählen in einfachen Worten von ihren Erfahrungen, hoffen in den schlimmsten Kriegswirren, dass es den Lieben daheim gut geht und sie ohne ihre Hilfe die Alltagsarbeit schaffen können, so wie der 1945 kurz vor Kriegsende verschollene Pius Kleehammer, von dem 100 Soldatenbriefe erhalten sind. Für viele Briefe brauchte es auch kundige Übersetzer, die die altdeutsche Schrift noch lesen konnten. Gregor Krämer, Georg Krämer und Irma Fenzl haben ihm dabei geholfen.

Manche der Schreibenden erleben eine Wandlung: Der getreue Gefolgsmann des Führers wandelt sich: zuerst vorsichtige Kritik, später dann nur noch die Hoffnung, dass der Krieg bald vorüber ist und man wieder zurück in die Heimat kann. "Ich weiß, dass das Buchprojekt nicht überall gut ankommen wird, aber das nehme ich in Kauf. Ich finde, dass die Erfahrungen der alten Gausbacher bis heute wirken sollten."

Rietz ist fest davon überzeugt, dass das Buch aktueller denn je ist. "Die heutige Generation hat das Elend des Zweiten Weltkriegs vergessen, deshalb kommt der nationalistische Geist in vielen Ländern wieder hoch. Viele Parolen erinnern an die Demagogen von 1930. Ist dieser böse Geist einmal aus der Flasche, dann wird es schwierig werden, ihn wieder zurückzudrängen." Den Erinnerungen von damals stellt er die Erzählungen von Zeitzeugen gegenüber, ergänzt um sachliche Informationen und Überleitungen.

Das Buch deckt die Zeit von 1930 bis 1948 ab, auch die Erinnerungen an die Spätheimkehrer und die "Hamsterzeit". Dabei geht es Rietz nicht um die große Weltpolitik, sondern um das Erleben und Überleben der Menschen auf dem Dorf und wie sie mit ihren Erfahrungen umgegangen sind.

Damit diese schreckliche Zeit nicht in Vergessenheit gerät, möchte er das Denkmal für die Gefallenen des Weltkriegs ergänzen um eine Mahnstelle für die Gausbacher Opfer von Euthanasie, Zwangskastrierung, politische Verfolgung und auch Fahnenflucht.

"Nach dem Krieg herrschte eine Art Heldenverehrung, wenn man an die gefallenen und vermissten Soldaten dachte, aber es gab außer den Soldaten auch noch andere Naziopfer", unterstreicht Rietz. Da die Gausbacher Kirche dem Seligen Bernhard geweiht ist, der als Friedensbotschafter gilt, würde er sich freuen, wenn das Denkmal für die Naziopfer dort stehen könnte. Erste Gespräche führte Rietz schon.

Das reich bebilderte Buch ist zum Preis von 27,90 Euro ist bei der Papierbox Finkbeiner in Forbach erhältlich, weitere Vertriebswege werden geprüft. Für das Spätjahr planen Rietz und Herausgeber Peter Finkbeiner Lesungen in der Region. Autor Rietz empfiehlt, das Buch abschnittsweise zu lesen: "Es sind wahre Geschichten, die das Leben geschrieben hat - und deswegen sind viele auch so brutal."

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