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Gelbe Hand setzt starke Zeichen gegen Rassismus
10.08.2018 - 00:00 Uhr
Gernsbach - Seit zehn Jahren ist Giovanni Pollice ehrenamtlicher Vorsitzender des bundesweiten gewerkschaftlichen Vereins gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus "Mach meinen Kumpel nicht an!". Pollice kam 1966 im Alter von zwölf Jahren aus dem süditalienischen Bergdorf Capracotta als Sohn des Gastarbeiters Donato Pollice nach Hilpertsau. Nach der Schlosserlehre begann er seine berufliche Laufbahn in der Badischen Karton- und Pappenfabrik (Smurfit Kappa). Dort startete auch seine spätere Karriere als Gewerkschafter. Im Gespräch mit BT-Redakteur Stephan Juch blickt der 64-Jährige auf die aktuelle Situation bei seinem früheren Arbeitgeber, die Aktivitäten des sogenannten Kumpelvereins und auf besorgniserregende gesellschaftliche Entwicklungen.

BT: Herr Pollice, Sie haben in den 1970er Jahren in der Badischen Karton- und Pappenfabrik in Hilpertsau damit begonnen, sich - erst als Jugendvertreter, dann als Betriebsrat - für die Rechte der Arbeitnehmer einzusetzen. Damit starteten Sie ihre spätere berufliche Karriere als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär beim DGB-Bundesvorstand in Düsseldorf. Wie eng sind die Kontakte noch zum alten Arbeitgeber?

Giovanni Pollice: Zum alten Arbeitgeber nicht direkt, dafür habe ich aber nach wie vor enge Kontakte zu vielen Kolleginnen und Kollegen aus meiner Zeit, die dort noch beschäftigt sind. Sehr gute Kontakte habe ich selbstverständlich zu den Kollegen vom IG BCE-Bezirk Karlsruhe, die den Betrieb betreuen.

Interview

BT: Sie haben sicher mitbekommen, dass Smurfit Kappa die Werke an die Münchner Investorengruppe Livia verkauft hat. Bei der Belegschaft herrscht Unsicherheit, einige haben den Betrieb bereits verlassen. Was raten Sie als Gewerkschafter den Kollegen?

Pollice: Zunächst einmal muss ich sagen, dass es mir sehr leidtut, dass es so weit gekommen ist. Als ich damals in dem Betrieb beschäftigt war, haben noch 700 Kolleginnen und Kollegen dort gearbeitet. Einen Rat in dieser Situation zu geben, ist schwierig. Zunächst, das heißt in den nächsten drei, vier Jahren, glaube ich, wird nicht viel passieren und der Betrieb wird weiterlaufen. Es bleibt abzuwarten, wie sich dann die Situation entwickelt. Die Hoffnung ist da, dass sich das Ganze stabilisiert, weil die Verpackungen, die produziert werden, eng mit dem Konsum von Lebens- und Verbrauchsmitteln zusammenhängen; denn gegessen und konsumiert wird immer. Allerdings kann ich niemandem, der eine Möglichkeit sieht, den Arbeitsplatz zu wechseln, abraten, es zu tun. Ich rate aber jedem, der noch nicht Mitglied der IG BCE ist, es zu werden, da die Tarifverträge nur für Gewerkschaftsmitglieder gelten. Außerdem steht die IG BCE jedem Mitglied beratend zur Seite, sollte es Konflikte beziehungsweise Entlassungen geben - auch vor Gericht.

BT: Zu Ihnen. Sie sind seit zehn Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender des bundesweiten gewerkschaftlichen Vereins gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus "Mach meinen Kumpel nicht an!". Wie sind Sie zu dem Verein gekommen?

Pollice: Den Verein und das Symbol kenne ich schon seit meiner Tätigkeit als Betriebsrat in der "Badischen", wo ich mich damals schon stark auch für die Rechte der ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Betrieb eingesetzt habe. Als ich dann 1988 als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär zum DGB-Bundesvorstand in die Abteilung "Ausländische Arbeitnehmer" wechselte und somit bundesweit für ausländische Kolleginnen und Kollegen zuständig war, veranstalteten wir immer wieder mit der DGB-Jugend und dem Kumpelverein gemeinsame Aktionen und Aktivitäten. Im Zuge meiner langjährigen gewerkschaftlichen Arbeit im Bereich der Migrations- und Antirassismuspolitik, später auch als Abteilungsleiter bei der IG BCE, wurde ich dann 2008 ehrenamtlicher Vorsitzender des Kumpelvereins. Somit feiere ich, wenn man so will, in diesem Jahr mein zehnjähriges Jubiläum als Vorsitzender.

Zu Beginn war es vor allem eine große, öffentlichkeitswirksame Kampagne im gewerkschaftlichen Jugendmagazin "Ran". Willy Brandt, Götz George (Schimanski), Nena, Udo Lindenberg, der Journalist Günter Wallraff - viele prominente Persönlichkeiten unterstützten in der Anfangszeit die Gelbe Hand, um ein starkes gesellschaftliches Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Das war wichtig, um die Botschaft in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Mittlerweile ist der Verein auch stärker inhaltlich unterfüttert.

Gernsbacher betreut Mitgliedermagazin

BT: Was macht der Verein genau?

Pollice: Eine unserer zentralen Aktivitäten ist die jährliche Ausschreibung unseres Jugendwettbewerbs "Die Gelbe Hand". Azubis, Berufsschülerinnen und -schüler sowie die Gewerkschaftsjugend sind jedes Jahr aufgerufen, sich kreativ mit Projekten gegen Rassismus und für ein solidarisches Miteinander in Vielfalt zu engagieren. Die besten Aktionen werden dann bei unserer Preisverleihung prämiert, die jeweils durch einen Ministerpräsidenten und einen Gewerkschaftsvorsitzenden vorgenommen wird. Letztes Jahr konnten wir die Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), und den Vorsitzenden der IG BCE, Michael Vassiliadis, als Schirmfrau und Schirmherr gewinnen. Dieses Jahr ist es uns gelungen, den sächsischen Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und die Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Michaela Rosenberger, dafür zu gewinnen. Die Preisverleihung wird am 12. März 2019 in der Staatskanzlei Dresden stattfinden. So wollen wir vor allem das Engagement der Jugend in dem Bereich fördern. Wir machen Bildungsarbeit, Workshops und Seminare in den Betrieben, wir sensibilisieren und wirken präventiv, um Diskriminierung in der Arbeitswelt zu verhindern. Wir stehen aber auch bei der Konfliktlösung und konkreten Vorfällen beratend zur Seite. In einem unserer Projekte, "Aktiv im Betrieb", entwickeln wir mit Partnerbetrieben (Evonik Industries Marl, Rheinbahn Düsseldorf) gerade antirassistische Unterrichtsmodule, um dieses Thema in der Ausbildung nachhaltig zu implementieren.

Mittlerweile wird der Kumpelverein vom DGB und allen Mitgliedsgewerkschaften unterstützt und gefördert, so dass wir beim gewerkschaftlichen Engagement gegen Rassismus eine Art Scharnierfunktion einnehmen. Das ist wichtig, denn wir müssen - mehr denn je - die Kräfte bündeln. Daher vernetzen wir die aktiven Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter im Kampf gegen Rechts und unterstützen die Kolleginnen und Kollegen mit unseren Infomaterialien und Publikationen bei ihrer Arbeit vor Ort. Einmal im Monat erscheint unser Magazin, in dem wir über das betriebliche, gewerkschaftliche und gesellschaftliche Engagement gegen Diskriminierung berichten; Redakteur ist ein Gernsbacher, nämlich Marco Jelic.

BT: Wie viele Mitglieder hat der Verein?

Pollice: Bundesweit hat der Verein mittlerweile rund 1800 Fördermitglieder, darunter auch die Justizministerin Katarina Barley und die Umweltministerin Svenja Schulze sowie Arbeitsminister Hubertus Heil (alle SPD). Auch viele Bundes- und Landtagsabgeordnete fördern uns - eine davon ist meine alte Bekannte, die Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Rastatt/Baden-Baden, Gabriele Katzmarek (SPD). Kürzlich konnten wir auch den Arbeitsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Laumann (CDU), als Fördermitglied gewinnen.

BT: Engagiert sich der Verein auch in der Region? Können Sie Beispiele nennen?

Pollice: Vor ein paar Wochen haben wir an einer Tagung vom DGB Baden-Württemberg in Karlsruhe teilgenommen und unsere Arbeit vorgestellt. Außerdem haben wir als Fördermitglieder sowohl Kollegen von der IG Metall Gaggenau als auch Kollegen des Betriebsrats von Daimler Gaggenau. Ich bin im Gespräch mit den Kollegen, um eventuell im Herbst eine gemeinsame Aktion durchzuführen. Natürlich haben wir auch insgesamt Fördermitglieder aus Baden-Württemberg - zurzeit sind es 120, es könnten aber ruhig mehr sein.

BT: Welche Möglichkeiten haben interessierte Kollegen aus den Betrieben, wenn sie Projekte und Aktionen gegen Rassismus initiieren wollen? Welche Unterstützung können Sie anbieten?

Pollice: Wie schon betont, arbeiten wir zu diesen Themen mit allen Gewerkschaften sehr gut zusammen. Im Kampf gegen Nationalismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus ziehen wir als Gewerkschaften an einem Strang. Zum einen schulen und vernetzen wir Multiplikatoren auf unseren Tagungen, zum anderen unterstützen wir die gewerkschaftlichen Untergliederungen vor Ort, zum Beispiel mit Materialien bei Demos und Aktionen oder mit unserer Bildungsarbeit. Über das Engagement der Gewerkschaften berichten wir dann, um positive Good-Practice-Beispiele zu geben und weitere Menschen zu motivieren, aktiv zu werden.

Die interessierten Kollegen können sich gerne an unsere Geschäftsstelle in Düsseldorf wenden. Je nach Interessenlage können wir Infomaterialien zum Beispiel für Aktionsstände zukommen lassen. Wir beraten und unterstützen bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen im Betrieb beziehungsweise vor Ort. Unser Referenten-Team, die Geschäftsführerin oder ich als Vorsitzender kommen bei Bedarf auch gerne vorbei und bieten unser Know-how und unsere Fachkompetenz bei den Themen an - sei es bei einem Workshop oder einem Vortrag. Doch nicht nur präventiv zur Sensibilisierung, sondern auch wenn es konkrete Vorfälle von Diskriminierung, rechten Parolen und Schmierereien im Betrieb gibt, stehen wir den Kollegen jederzeit beratend zur Seite.

BT: Und wie kann man die Gelbe Hand unterstützen?

Pollice: Neben einmaligen Spenden gibt es die Möglichkeit zur Fördermitgliedschaft, beginnend bei einem Mindestbeitrag von 36 Euro im Jahr. Als Fördermitglied bekommt man die Einladungen zu unseren Veranstaltungen und monatlich auch unser Magazin in Papierform nach Hause geschickt. Über den finanziellen Aspekt hinaus kann man uns unterstützen, indem man sich aktiv engagiert und die Gelbe Hand als gewerkschaftliches Symbol gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in die Betriebe, Verwaltungen und in die Gesellschaft trägt und ein Zeichen setzt für eine demokratische, solidarische und weltoffene Gesellschaft! Dafür müssen wir kämpfen - Tag für Tag!

BT: Sie waren bis 2014 Leiter der Abteilung Politische Schwerpunktgruppen beim Hauptvorstand der IG BCE in Hannover. Zu Ihrer Zuständigkeit gehörte die Migrations-, Integrations- und Antirassismuspolitik. Wie besorgt sind Sie angesichts der zuletzt in ganz Europa erstarkten rechtspopulistischen Kräfte? Und was ist aus Ihrer Sicht zu tun, um diese Entwicklung zu stoppen? Welchen Beitrag können die Gewerkschaften leisten?

Pollice: Die Situation in Deutschland ist wie in ganz Europa durchaus besorgniserregend. Im Bundestag sitzt mittlerweile eine offen rassistische Partei, die Ängste schürt und die Gesellschaft spaltet - ohne wirkliche Lösungen anzubieten. Ja, auch im reichen Deutschland gibt es soziale Schieflagen, Ungerechtigkeiten, prekäre Lebensverhältnisse und Armut. Darum müssen gerade wir Gewerkschaften uns kümmern, Ängste nehmen, soziale Sicherheit und gute Arbeit gewährleisten. Soziale Probleme zu kulturalisieren, wie es die Rechten tun, ist keine Lösung! Digitalisierung und Globalisierung bedingen rasante Wandlungsprozesse, die Abstiegsängste befördern - da müssen wir im Dialog solidarische, soziale Antworten auf die Zukunftsfragen geben.

Soziale Schieflagen im reichen Deutschland

Der Rechtsruck, den wir jetzt auch in Form von Wahlerfolgen haben, ist der nachgeholte Ausdruck dessen, was erodiert ist an Werten. Ich bin verblüfft, wie Teile der Bevölkerung bereit sind, Werte, die dieses Land ausmachen, aufzugeben - oder nicht zu verteidigen. Wir müssen uns fragen, in welchem Land wir leben wollen? Die Leute, die eine andere Flüchtlingspolitik wollen, die wollen auch eine andere Europapolitik, eine andere Frauen- und Bildungspolitik. Wir können über alles diskutieren, aber wir dürfen nicht alles zur Disposition stellen, was uns als offene Gesellschaft im Kern ausmacht. Mit aller Kraft müssen wir uns einsetzen für eine plurale, freiheitliche Demokratie, für eine moderne, gerechte und solidarische Einwanderungsgesellschaft - gegen die rückwärtsgewandte, nationalistisch-völkische, menschenfeindliche Politik der Ausgrenzung und der Spaltung. Mit aller Kraft. Mehr denn je.

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