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Gummigeschosse sollen Wölfe vergrämen
Gummigeschosse sollen Wölfe vergrämen
05.11.2018 - 06:30 Uhr
Murgtal/Wien - Mit Gummigeschossen den Wolf von Weidetieren fernhalten: Was in Niederösterreich Eingang in die Gesetzgebung gefunden hat, empfiehlt Forstwissenschaftler Professor Dr. Raphael Klumpp auch für Baden-Württemberg. Er stammt aus dem Murgtal und forscht in Wien. Im Interview mit BT-Redakteur Thomas Senger erläutert er das Thema aus seiner Sicht.

BT: Herr Professor Klumpp, was war der Auslöser, dass in Niederösterreich Wölfe mit Gummigeschossen vergrämt werden dürfen?

Raphael Klumpp: Umfragen in der Bevölkerung, aber besonders bei Tourismusexperten gaben wohl den Ausschlag: Die Bevölkerung auf dem Land ist extrem verunsichert, allen Beteuerungen wolfs-freundlicher NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) zum Trotz. In Österreich ist das besonders der WWF, aber auch der ÖNB (entspricht dem BUND). Auch Südtirol hat entsprechende Gesetze in Arbeit, die sogar die Tötung von Wölfen zum Ziel haben.

"PR-Tricks und Beschwichtigungen" BT: Wären Gummigeschosse auch für Baden-Württemberg eine Möglichkeit, Herden zu schützen?

Klumpp: Der Wolf leidet unter den Schwächen der Politiker: Im Falle von Baden-Württemberg wäre eine rasche Änderung der Gesetze, die Genehmigung von Schreckschüssen mit scharfer Munition (Lärm) oder mit Gummigeschossen eine äußerst wirksame Möglichkeit, Wölfe von Weidetieren und Siedlungen fernzuhalten. Das würde ein positives Image besser fördern als alle PR-Tricks, die von den Bürgern ohnehin durchblickt werden. BT: Was meinen Sie mit PR-Tricks?

Klumpp: Wenn man die Diskussion in Niederösterreich oder Baden-Württemberg verfolgt, dann klingt das wie ein Ritual, und der Ablauf scheint überall in Mitteleuropa gleich: Im Vorfeld (bevor Wölfe auftauchen) wird in aufwendigen PR-Aktionen dafür geworben und alles ganz harmlos dargestellt. Sobald die Schäden sich häufen, wird von NGOs und (nicht nur grünen) Politikern versucht zu beschwichtigen; Sorgen der Landbevölkerung werden von Politikern nicht ernst genommen. BT: Der Wolf ist nun mal streng geschützt. Gleichwohl nimmt man sich seitens der Politik des Themas an.

Klumpp: Die EU und ihre Regelungen werden als Ausrede hergenommen, dass man nichts gegen den Wolf tun darf ( !), und immer betont man, er sei streng geschützt. Die EU ist immer der "bad guy", obwohl eigentlich im Fall des Wolfes die grünen Politiker eine ihrer Wählergruppen, die "Wild-Natur-Fanatiker", bevorzugt behandeln und die EU-Regelungen nur den Vorwand darstellen, die eigene Klientel nicht zu vergrämen. Tatsächlich wird dadurch das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der EU nachhaltig erschüttert BT: Immerhin werden nun Schutzmaßnahmen forciert, zum Beispiel Zäune, um Tierhaltern und Tieren Schutz vor Wolfschaden zu gewähren.

Klumpp: Konkrete Kriterien, wann ein Wolf als Schadwolf gilt, werden von Politikern möglichst umgangen. Und die Empfehlungen der Schutzzäune ändern sich mit den Schäden: Zunächst reichen 80 Zentimeter Elektrozaun, dann werden ein Meter und jetzt 1,2 Meter empfohlen, als ob diese Erfahrungen in anderen Teilen der EU nicht schon vor Jahren gemacht worden wären. BT: Sind die Zäune hoch genug, muss man nicht schießen, das ist die Intention.

Klumpp: Die Bürger wollen endlich logisch nachvollziehbare Problemlösungen statt leerer Versprechungen..

Interview BT: Es heißt, Wölfe werden nicht in Siedlungsgebieten auftauchen.

Klumpp: Wölfe werden bei ihren Streifzügen in unserer dicht besiedelten und bewirtschafteten Landschaft immer wieder an Siedlungen und Weiden vorbeikommen. In den meisten Fällen werden sie dabei von Menschen nicht bemerkt. Dabei dürfen die siedlungsnahen Bereiche nicht zum bevorzugten Jagdrevier werden. Wichtig ist es aus wissenschaftlicher Sicht, den Wölfen die Chance zu geben, zu lernen. Es muss für Wölfe gefährlich sein, in Siedlungsnähe aufzutauchen! Schreckschüsse sind dabei ein wirksames Mittel zusätzlich zu den Zäunen, weil sie einen Schreck oder Schmerz vermitteln, der prägsam ist. BT: Aber eine Gefahr für Menschen gehe vom Wolf nicht aus, betonen Experten.

Klumpp: Grundsätzlich stimme ich mit einer Reihe von Wolfexperten überein, dass der Wolf a priori dem Menschen nicht gefährlich wird. Trotzdem gibt es in Ländern mit Wolfspopulationen, etwa in Kanada oder USA, klare Regelungen, dass solche "siedlungsnahen Großraubtiere" entweder eingefangen und in entlegenen Gebieten ohne Siedlungen freigelassen oder getötet werden. Das Risiko von zufälligen Konfrontationen mit Menschen kann schließlich nicht mehr ausgeschlossen werden. BT: Wie beurteilen Sie den Wolf von Reichental?

Klumpp: Ich persönlich komme zu der Einschätzung, dass es schwierig werden wird, GW852m "umzugewöhnen". Da der Wolfsriss in Reichental nur 150 Meter vom Ortsrand stattfand, muss man davon ausgehen, dass Streifzüge in Siedlungsnähe zu den typischen Verhaltensmustern dieses Wolfes gehören. Damit sind andere Haustiere, etwa freilaufende Katzen, real gefährdet.

Ein Abschuss von Wolf GW852m wäre nach internationalen Kriterien bereits nach dem Blutrausch von Bad Wildbad im April dieses Jahres notwendig gewesen. Eine entsprechende Entscheidung der Landesregierung ist somit überfällig.

BT: Ihre Schlussfolgerung?

Klumpp: Die Zögerlichkeiten, das Herumeiern der Politiker hat hier bereits erheblichen Schaden angerichtet. Ich persönlich kann nur an die Verantwortlichen in der Landesregierung appellieren, sich ohne weitere Verzögerungen auf die Maßnahmen zu einigen, die bereits in Ländern mit "Wolfserfahrung" als notwendig erkannt worden sind. BT: Was schlagen Sie also vor?

Klumpp: Erstens: Sicherheitszonen um Siedlungen müssen eingerichtet werden. Wölfe, die sich dort häufig aufhalten, müssen vergrämt oder entnommen werden.

Zweitens: Schreckschüsse auf Großraubtiere müssen gesetzlich möglich sein.

Drittens: Abschüsse von Schadwölfen müssen rasch umgesetzt werden. Die jüngsten Gesetzesänderungen in Niederösterreich und Südtirol können hier Vorbild sein. "Das Rad" muss nicht dauernd neu erfunden werden.

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