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Starkes Signal gegen jede Form von Antisemitismus
Starkes Signal gegen jede Form von Antisemitismus
12.11.2018 - 00:00 Uhr
Gernsbach (wof) - Mit diesem Besucherinteresse hatte niemand gerechnet: Dicht an dicht standen die Menschen am frühen Freitagabend in der Museumsstube des Alten Amtshofs, um an der Eröffnung der Ausstellung "Am Sabbat auf dem Weg zur Synagoge" teilzunehmen. So wurde die Erinnerung an die einstige Gernsbacher Synagoge zu einem starken bürgerschaftlichen Signal gegen jede Form von Antisemitismus.

"Ich freue mich riesig", sagte Regina Meier vom veranstaltenden Arbeitskreis Stadtgeschichte angesichts des Andrangs. Sie wies darauf hin, dass die Ausstellungseröffnung als Hinführung zum Sabbat bewusst auf einen Freitagabend gelegt worden war. Bürgermeister Julian Christ griff diesen Gedanken in seiner Ansprache auf, als er darlegte, dass der Sabbat beginne, wenn man "einen grauen Wollfaden nicht mehr von einem blauen unterscheiden kann".

Als Hausherr des städtischen Ausstellungsraums konnte er neben Altbürgermeister Dieter Knittel unter anderem die Pfarrer Hans-Joachim Scholz (Paulusgemeinde), Ulrich Eger (St. Jakobsgemeinde) und Michael Keller (katholische Seelsorgeeinheit) begrüßen. Ein besonderes Willkommen galt Familie Lorsch als Nachfahren von Heinz Lorsch, der zu den letzten neun Gernsbacher Juden gehörte, die 1940 deportiert worden waren.

Christ erinnerte daran, dass die jüdischen Mitbürger einst ein selbstverständlicher und integraler Bestandteil der städtischen Gesellschaft waren, ehe die nationalsozialistische Propaganda wirkte und "aus Nachbarn und Freunden Sündenböcke" wurden. Er forderte dazu auf, gerade auch heute dem "Antisemitismus couragiert entgegenzutreten".

Stadtarchivar Wolfgang Froese führte inhaltlich in die Ausstellung ein. Diese thematisiert die Erbauung der Synagoge in der Austraße vor 90 Jahren und ihre Zerstörung im Zuge der deutschlandweiten Pogrome am 9. und 10. November 1938 und veranschaulicht zugleich mit vielen Exponaten, die zu einem Gutteil von der Israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden ausgeliehen werden konnten, das jüdische religiöse Leben. "Wissen schafft Verständnis", betonte er und verwies in diesem Zusammenhang mit Hermann Maas auf einen Pionier der christlich-jüdischen Verständigung, der einst in Gernsbach gemeinsam mit dem späteren jüdischen Kinderarzt Eugen Neter die Schulbank gedrückt hatte.

Der Kunsthistoriker Dr. Ulrich Schumann ging in seinem Redebeitrag auf den Bau der Synagoge und ihren Karlsruher Architekten Richard Fuchs ein. Er zeigte auf, dass sich in dem Sakralbau tradierte jüdische Vorstellungen des "Schtetl" mit einer spezifisch badischen Bautradition im Geiste des berühmten Oberbaudirektors Friedrich Weinbrenner verbinden, der einst um 1800 auch der oberen Gernsbacher Altstadt nach dem Brand von 1798 sein bis heute bestimmendes Gepräge gab. Fuchs wurde am 10. November 1938 wie 30 000 andere jüdische Männer, so auch aus Gernsbach, verhaftet und in das KZ Dachau eingeliefert.

Pfarrer Scholz sprach in einer spontanen Wortmeldung die "starke Herausforderung für das heutige jüdische Leben" an. Er forderte dazu auf, die Verbundenheit mit den jüdischen Gemeinden aktiv zu zeigen und stimmte ein hebräisches Lied an. Dr. Abraham Steinberg, ein gebürtiger Israeli und seit 39 Jahren ein "reingeschmeckter Badener" aus Bühl, erinnerte an den großen Stellenwert des Feierns in der jüdischen Kultur. Auch er appellierte, nicht nebeneinander zu leben, sondern "etwas miteinander zu machen. Es ist was in der Luft, wir können es nicht ignorieren", sprach er rassistische Hetze an. Auch damals habe "alles mit Worten" begonnen.

Die Ausstellungseröffnung war Auftakt zu einer ganzen Serie von Veranstaltungen zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht. Am Freitagabend gab es im Marienhaus eine Sabbatempfangsfeier mit Dr. Steinberg, die gemeinsam vom Katholischen Deutschen Frauenbund und dem Arbeitskreis Stadtgeschichte organisiert wurde. Am Samstagnachmittag lud der Arbeitskreis zu einem zweistündigen Rundgang ein, der den Weg der einzelnen jüdischen Familien zur Synagoge nachempfand. Am Abend erinnerte dann das Ensemble Rubato in der Pauluskirche mit Liedern, Klezmermusik und Texten an den jüdischen Kinderarzt und Pädagogen Janusz Korzak.

Die Ausstellung im Alten Amtshof ist noch an den beiden nächsten Sonntagen jeweils von 15 bis 17 Uhr zu sehen.

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