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Ein Staatskabarettist packt aus
Ein Staatskabarettist packt aus
10.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Margrit Haller-Reif

Gaggenau - "Eine Menge Lehrer san wieder da, man sieht's, bei manchen sogar die Fächerkombination." Han's Klaffl hat offenbar ein Auge dafür, hinter welchen klag-Besucherinnen und -Besuchern sich Vertreter der Pädagogenzunft verbergen. Schließlich war er fast 40 Jahre leidenschaftlicher (Musik-) Lehrer an Münchner Vorstadtgymnasien.

Inzwischen pensioniert, kann er sich nun ganz dem Kabarett widmen. Einer sichtlichen Berufung, die sich in seinem Programm "40 Jahre Ferien. Ein Lehrer packt ein ..." widerspiegelt. Für die einen mit reinem Unterhaltungswert, für manch andere zusätzlich mit nicht vernachlässigbaren Wiedererkennungswert.

Gleich eingangs durfte das Publikum einer nächtlichen Korrektursitzung von Klaffl alias "Oberstudienrat K." beiwohnen: "Der Tenor ist der Sopran der Männer. Nein, Kevin, geh nicht über Los." Oder: "Von Händel stammt das berühmte Lied ,Hallo Julia' (gemeint ist seine Komposition Halleluja)." Auch nicht schlecht: "Bei einer Blockflöte reicht der Schall immer bis zum ersten Loch."

Der Inhalt der Rotweinflasche nimmt ab, der Zustand des Pädagogen schwankt zwischen Verzweiflung und verzweifelter Belustigung. Zwischendurch dämmert es ihm ("Jo, mei, was hab' ich eigentlich g'fragt?!"), dass solche Stilblüten doppelt aussagekräftig sind. Die zwangsläufig schlechten Noten belegen nicht nur die intellektuellen Grenzen von Schülern, sondern verweisen ebenso auf eventuelle didaktische Defizite bei den Lehrern. An Selbstironie mangelt es "Oberstudienrat K." jedenfalls nicht.

Zur Bestätigung haut Klaffl in die Klaviertasten und sinniert im bayrisch konnotierten Singsang über das Lehrerdasein und seine schmerzlichen Begleiterscheinungen. Gründe, den Lehrerberuf zu ergreifen, gab es zu seiner Zeit einige. "Da ist oft der Gedanke der Wunsch des Vaters." Und: "Ich war jung, brauchte das Geld, zählte zur 68er-Generation und wollte Grenzen überschreiten." Vier Grundtypen von Lehrern waren die Folge. "Jo, ppffff" entspricht dem achselzuckenden Kommentar vom Typ A. Einer, der nicht "schmutzt", also keine konferenzverlängernden Kommentare von sich gibt. In den 70er Jahren gerne im Cordsamtanzug vertreten, in den 80er Jahren eher im Lodenmantel. Die allgemeine Schulordnung, gelesen vom damaligen Innenminister Edmund Stoiber, gab es als "Jahresgabe" auf 18 CDs gratis dazu.

Typ B war der stets tief betroffene Bedenkenheitsträger, ein potenzieller Burnout-Kandidat und Meister des Projektunterrichts. Das Ideal von Typ C ist die körperliche Ertüchtigung, der Schüler sein natürlicher Feind und in Verbindung mit den Eltern gar ein e kriminelle Vereinigung. Den "ganz alten" Sprachen hat sich Typ D verschrieben, mündliche Noten mit zwei Kommastellen sind bei ihm die Regel.

Tinnitus wegen

der "Blödflocken"

Der selbst ernannte "Staatskabarettist auf Lebenszeit" zieht lebendig und schauspielerisch beredt vom Leder, auch beim Thema Lehrerkonferenz und den speziellen Spielarten zu deren erträglicher Gestaltung; etwa mit der Bildzeitung auf A4 kopiert oder dem im Tetrapack abgefüllten Weißbier. Apropos Sportunterricht: Die Unterbindung des Geruchsprozesses in Turnbeuteln stellt für ihn das einzig vernünftige Argument für G8 dar.

Neben der Ganztagsschule nimmt Klaffl die sich altersbedingt verlagernden Lehrerinteressen aufs Korn ("marodierende Geriatrie"). Die wachsende Stressanfälligkeit von Schülern gerät zur köstlichen Beschreibung einer Generation, bei der "gestern zwischen Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis liegt". Der Elternsprechtag im Allgemeinen wird noch übertroffen von der Lehrer-/Eltern-Diskrepanz zwischen gemessener und gefühlter Schülerintelligenz im Besonderen. Dass sich beim "Blödflocken" - sprich Blockflöten-Chor - von 35 Kids ein "Tinnitus für Fortgeschrittene" einstellt, ist durchaus nachvollziehbar.

Klaffl untermauert seine Bestandsaufnahme des Schulalltags und Bildungswesens an Klavier und Kontrabass. Die Lieder ähneln eher rauen Sprechgesängen, die Botschaft ist eindeutig: In diesem System werden die Menschen nicht zwingend klüger. Insofern und zur allgemeinen Erheiterung hat Han's Klaffl seinen "Bildungsauftrag" mehr als erfüllt!

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