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Zwei Fronten auch beim Einzelhandelskonzept
Zwei Fronten auch beim Einzelhandelskonzept
19.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Gernsbach - "Das Einzelhandelskonzept betrifft nicht nur das Pfleiderer-Areal, sondern die gesamte Stadt." Diesen Satz schickte Bürgermeister Julian Christ der Debatte im Gemeinderat voraus. Die verlief auch bei diesem Tagesordnungspunkt teilweise sehr emotional und offenbarte einmal mehr, wie tief der Graben in der kommunalpolitischen Einschätzung grundlegender Themen zwischen Freien Bürgern und SPD auf der einen sowie CDU und Grünen auf der anderen Seite ist.

Letztlich setzte sich der Verwaltungsvorschlag, das Einzelhandelskonzept fortzuschreiben und es als städtebauliches Teilentwicklungskonzept für die Bauleitplanung zu verabschieden, mit 17 (SPD und FBVG) zu zwölf (CDU und Grüne) Stimmen durch. Der Bürgermeister wertete die Entscheidung als einen wichtigen Schritt: "Es geht um den Bestandsschutz unserer Betriebe."

Genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Es sei eklatant, wie viel Kaufkraft aus der Stadt abfließe, betonte Dr. Irene Schneid-Horn. Für die SPD-Fraktionssprecherin müsse Gernsbach als Einkaufsstadt wieder attraktiver werden und "die Funktion, die Gernsbach überhaupt erst zur Stadt gemacht hat, nämlich als zentraler Marktstandort des Murgtals", wieder erreichen. Dafür benötige man einen modernen Vollsortimenter - "das ist die Zukunft", meinte Schneid-Horn. Unterstützung kam von Uwe Meyer. Der Fraktionschef der Freien Bürger nannte das positive Beispiel Rossmann auf dem Salmenplatz, der als Frequenzbringer bestens funktioniere. Deshalb sehe er in einem neuen Vollsortimenter auf dem Pfleiderer-Areal die Möglichkeit, "Kaufkraft wieder in die Stadt zurückzuholen und den Einzelhandelsstandort Gernsbach zu stärken".

Ganz anders argumentierte die CDU. Fraktionschefin Frauke Jung mutmaßte, die von der Stadt beauftragte Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) "sollte genau das Ergebnis für das vorgelegte Nutzungskonzept des Investors auf dem Pfleiderer-Areal bringen - eine Unterdeckung im Nahversorgungsbereich." Genau dort, im Lebensmittelbereich, "haben wir aber keinen Kaufkraftabfluss", ergänzte Wolfgang Müller.

Die CDU kritisierte zudem, die Händler in der Altstadt und des Zentrums seien in dem GMA-Gutachten nicht ausreichend repräsentiert. "Acht der 24 befragten Einzelhändler gibt es schon lange nicht mehr", verwiesen Jung und Müller zum Beispiel auf den Getränkehandel Lorenzen, die Metzgerei Hammann oder Logo Markenschuhe. Deshalb forderte die Fraktion Nachbesserungen im Konzept unter Einbeziehung aller betroffenen Geschäfte.

Streit gab es auch um den Nahkauf in der Hebelstraße. Die Christdemokraten forderten, das Geschäft in den Bereich des zentralen Versorgungsgebiets mit aufzunehmen. Dies lasse die Regionalplanung aber nicht zu, weil die Bahnlinie als klare Grenze im Regionalplan Mittlerer Oberrhein ausgewiesen sei, erwiderte Gerhard Beck von der GMA. Deshalb ließ der Bürgermeister über den Antrag der CDU auch nicht abstimmen, weil er rechtlich nicht umsetzbar sei. Wolfgang Müller bezweifelte dies.

Julian Christ verwies beim Thema Nahkauf auf entsprechende Gespräche mit der Betreiberin, deren Zukunft laut Stadtoberhaupt nicht von der geplanten Entwicklung auf dem Pfleiderer-Areal abhänge. Auch das wies die CDU mit einem Blick auf das GMA-Gutachten zurück, das dem Nahkauf bei der Ansiedlung der zwei Märkte circa 20 Prozent Umsatzeinbußen prophezeit. Dies sei "existenzbedrohend". Mit Verweis auf den "sozialen Service" des Nahkaufs, der 78 seiner Kunden ohne Preisaufschlag nach Hause beliefere, sprach Frauke Jung von einem "kalten Einzelhandelskonzept".

Walter Schmeiser (FBVG) argumentierte dagegen: "Wir brauchen neue, moderne Läden, um die Einkaufsqualität anzuheben. Wo ist der Anspruch Gernsbachs als Mittelzentrum geblieben?" Sein Fraktionskollege Thomas Knapp, selbst Geschäftsinhaber, pflichtete bei: "Wenn wir in Gernsbach nicht moderne Verkaufsplattformen schaffen, gehen auch die kleinen Geschäfte bald unter." Er nahm aber auch die örtliche Branchen in die Pflicht: Man dürfe nicht nur jammern, sondern müsse investieren. Das wiederum gehe nur, wenn die Gernsbacher auch in Gernsbach einkaufen und nicht in Gaggenau, Kuppenheim oder Baden-Baden - oder (und das scheint der größte Konkurrent) im Internet.

Appell: Auch an

ältere Bürger denken

Thomas Hentschel (Grüne) sieht in dem Einzelhandelskonzept keinen zukunftsfähigen Bauleitfaden für die Stadt. Der Landtagsabgeordnete befürchtet vor allem mehr Verkehr durch die beiden Märkte auf dem Pfleiderer-Areal. Das sei zudem "zu weit draußen", als dass die Geschäfte in der Alt- und der Innenstadt davon profitieren könnten. Hentschel appellierte an den Gemeinderat, auch an ältere und weniger mobile Bürger zu denken - sie seien schließlich die Hauptleidtragenden, wenn die Altstadt ausblute.

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