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Die Frauen tragen die Kirche
Die Frauen tragen die Kirche
22.12.2018 - 00:00 Uhr
Gernsbach - Der Katholische Deutsche Frauenbund in Gernsbach schloss die Feiern zu seinem 90-jährigen Bestehen mit einem Vortrag von Johanna Rahner ab. Die Professorin ist Lehrstuhlinhaberin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen. Sie ist in Hörden aufgewachsen und hat am Goethe-Gymnasium in Gaggenau ihr Abitur abgelegt. Gestern wurde Johanna Rahner 56 Jahre alt. Im Gespräch mit BT-Mitarbeiter Wolfgang Froese äußert sie sich zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit, der Glaubwürdigkeitskrise und der Rolle der Frau in der katholischen Kirche, dem Stellenwert von Weihnachten und ihrem persönlichen Bezug zum Murgtal.

BT: Frau Rahner, Sie lehren in Tübingen Dogmatik, Dogmengeschichte und ökumenische Theologie. Was ist das Spannende an Dogmatik?

Johanna Rahner: Im alltäglichen Sprachgebrauch wird dogmatisch häufig mit engstirnig assoziiert. Theologisch geht es aber um eine vernünftige Rechenschaftsablegung über den Glauben und seine Inhalte. Es macht Spaß, sich mit der kirchlichen Tradition auseinanderzusetzen und diese in ein Gespräch mit der Gegenwart zu bringen, so wie moderne Menschen heute ticken.

BT: Dogmen sind also historisch zu verstehen und einzuordnen?

Johanna Rahner: Sie sind in einem bestimmten historischen Kontext entstanden. Es geht darum, die damaligen Problemstellungen und die darauf gefundenen Antworten mit den Mitteln der Hermeneutik ...

BT: . . . also der geisteswissenschaftlichen Methode des Verstehens ...

Rahner: . . . so zu bearbeiten, dass wir die Verbindlichkeit des Damals in das Heute bringen. Mit dem Festhalten allein ist es nicht getan. Wir müssen die Aussage in die heutige Zeit übersetzen.

BT: Die eigene Glaubwürdigkeit bildet die Grundlage, um Glauben überzeugend vermitteln zu können. Hat die katholische Kirche hier - Stichwort Missbrauchsskandal - nicht ein Problem, das nicht nur die einzelnen Täter, sondern die Institution Kirche als Ganzes betrifft?

Rahner: Es ist deutlich, dass hier auch ein institutionelles Problem vorliegt. Im Kern geht es tatsächlich um die Glaubwürdigkeit. Wenn der Kirche nicht mehr zugetraut oder ihr abgenommen wird, die Sinnfragen der Menschen beantworten zu können, stecken wir in einer Krise. Kirche muss der Ort bleiben, wo man Sinnfragen stellen kann.

BT: Wie lässt sich Glaubwürdigkeit wiederherstellen?

Rahner: Erforderlich ist eine kritische Analyse, die das Personal, die Strukturen, die Verantwortlichkeiten und die Machtverhältnisse in den Blick nimmt. Dabei müssen auch die konkreten Probleme angesprochen werden: Wie repräsentativ sind unsere kirchlichen Entscheidungsstrukturen? Wie steht es mit der Mitverantwortung von Laien? Wie steht es mit einem Amt für Frauen in der Kirche, die ja die Hauptarbeit im konkreten Alltag unserer Gemeinden leisten?

Interview

BT: Sie sagen, dass sich an der Frauenfrage die Zukunft der Kirche entscheidet. Ist der Zugang zum Weiheamt für Frauen das ausschlaggebende Thema, vor dem die katholische Kirche aktuell steht?

Rahner: Hier kommen mehrere Ebenen zusammen. Zum einen wieder die Glaubwürdigkeit: Ist eine Institution, die Frauen nicht angemessen repräsentiert, heute noch glaubwürdig? Die Kirche wirkt hier rückständig und hat ein Problem mit ihrer mangelnden Beteiligungsgerechtigkeit. Zum anderen geht es um den Innenblick: Viele Frauen engagieren sich heute auch seelsorgerisch in der Kirche. Tatsächlich sind es die Frauen, die die Kirche vor Ort tragen, im Gottesdienst, im Beten, in den Bildungswerken, in der karitativen und der pastoralen Arbeit. Warum soll das eigentlich nicht amtlich anerkannt werden als Sakrament? Daher hat Papst Franziskus ja auch angeregt, über den Diakonat für Frauen neu nachzudenken.

BT: In der evangelischen Kirche ist die Frauenordination seit vielen Jahrzehnten eingeführt. Aber auch sie hat, was Kirchenaustritte und die schwindende Anzahl der Gottesdienstbesucher betreffen, mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Rahner: Ich sag es mal salopp: Evangelisch werden kann jeder. Mir geht es um die Veränderungs- und Reformbereitschaft der katholischen Kirche. Die Evangelischen haben ihre eigenen Probleme, und die sind mir in diesem Zusammenhang relativ egal. Insofern ist Ihre Frage obsolet. Es ist die katholische Kirche, die sich anders aufstellen muss.

Der Kirche wird immer noch etwas zugetraut

BT: Wir stehen kurz vor Weihnachten. Damit verbinden viele die Sehnsucht nach Frieden, Harmonie oder Eintracht der Familie, aber nicht unbedingt mit christlichen Glaubensinhalten. Können Sie als Theologieprofessorin damit leben?

Rahner: Diese Sehnsucht nach Frieden und Harmonie ist nicht einfach a-religiös. Es sind doch existenzielle Fragen und Sehnsüchte, die alle Menschen umtreiben. Hoffnung auf Frieden in einer friedlosen Zeit und Glaube an Gerechtigkeit auch angesichts erfahrener Ungerechtigkeit - das sind Suchbewegungen, in denen Menschen heute die Frage nach Sinn stellen.

In der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es, dass sich der Glaube auch in den Problemen der Welt abspielt. Wir können das nicht so fein auseinanderhalten, wie es manche gerne hätten. Die Frage nach dem Glauben drückt sich heute anders aus. Wir müssen als Kirche daraus lernen, wie sich Sinn- und Existenzfragen heute artikulieren. Wenn die Gottesdienste zu Weihnachten so voll sind, dann zeigt es mir, dass unserer Kirche und den biblischen Geschichten, die sie erzählt, noch etwas zugetraut wird.

BT: Sie sind im Murgtal aufgewachsen, aber seit Ihrem Studium aus beruflichen Gründen immer wieder umgezogen. Wie stark fühlen Sie sich noch dem Murgtal verbunden?

Rahner: Ich fahre viel mit der Bahn. Wenn ich in der S-Bahn sitze und diese nach Rotenfels einschwenkt, dann spüre ich, dass hier meine Heimat beginnt. So bleibt es. Nur wer weiß, wo er herkommt, weiß, wer er ist.

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