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Der Zipfelmützen-Held in der Krise
Der Zipfelmützen-Held in der Krise
28.01.2019 - 06:34 Uhr
Von Margrit Haller-Reif

Gernsbach - Marktschreierisch wirbt der Kasper für die Vorstellung "Kasper und der Feldhusar" im eigenen Theater. Die Glocke schellt. Das uralte Spiel beginnt im Kaspertheater. Der Kriminalpolizeiinspektor, Baron, Feldhusar und Kasper treten in Aktion, Tod, Teufel und Krokodil sind ebenfalls mit von der Partie. Gezeter, Getöse aus dem Off, vor dem geistigen Auge zieht traditionelles Kaspertheater vorüber. Dann dreht sich die Bühne wie von Zauberhand ...





Das Foyer atmet Jahrmarktatmosphäre bei der Premiere der Gugelhupf-Inszenierung "Kasperblues - Liebe, Schnaps & Rebellion" in der voll besetzten Stadthalle Gernsbach. Gleichermaßen ungewohnt und spannend eröffnen sich den Zuschauern neue Einblicke in die Welt des Kaspertheaters. Der Blick wird diesmal hinter die Kulissen gelenkt, auf die Geschehnisse nach, vor und während einer Aufführung. Er wandert vom Backstage-Bereich für Kaspers Ensemble auf der Rückseite der Kasperbude zum Guckkasten auf der Vorderseite. Und darf sich zwischendurch ebenso an der Biedermann-WG von Tod und Teufel im Keller erfreuen.

Für turbulente Umtriebe ist im brandneuen Abendstück des Gernsbacher Puppentheaters Gugelhupf reichlich gesorgt. Neue Wege beschreitet Frieder Kräuters viertes Kasper-Abendstück bei der Auseinandersetzung mit Figur und Rolle des archaisch-anarchischen Zipfelmützen-Helden.

Nicht nur, dass dieser gleich mehrfach in der Krise steckt. Wenn Kräuter zur Blues-Harp greift oder im Sprechgesang mit Tom Waits-Flair die Sehnsucht nach Gretel beschwört, wallt Kasper-untypische Melancholie auf.

Aber der Reihe nach: Rebellion liegt in der Luft. Das Ensemble von Theaterchef Kasper probt nach fast 200 Jahren den Aufstand: "Wir wollen uns nicht länger täglich bis aufs Holz verprügeln lassen!" Es reicht.

Der Teufel nutzt die Gunst der Stunde und ruft zum Boykott auf. Dem Kasper wird derweil die geliebte Schwarzwälder Torte vergällt. "23 zahlende Besucher, elf davon mit Seniorenpass", schäumt Gretel, "wir sind pleite."

Eine souveräne Spielführung und differenzierte Stimmgebung verleihen den vorwiegend aus Lindenholz geschnitzten Handpuppen pralles, lachkitzelndes Leben (Ausstattung: Annette und Frieder Kräuter). Durchweg Charakterköpfe, allen voran der badisch geprägte Kasper und seine schlagfertig-schlagkräftige Gretel, sind sie in den urkomischen Wortgefechten nie um eine verbale Keule verlegen. Bis das machthungrige Verschwörerduo Teufel und Tod Gretel entführt, wobei letzterer urplötzlich seine Gefühle für sie entdeckt. Aber auch den Kasper hat der Blues im Griff, mental wie musikalisch.

Vater und Sohn setzen vielfältige Akzente

Manch derbe Kasperade wird mit Humor aufgebrochen und die Erwartungshaltung des Publikums ad absurdum geführt. Die erste umfassende Zusammenarbeit von Vater Frieder und Sohn Florian Kräuter setzt vielfältige eigene Akzente. Hier treffen zwei Puppenspielergenerationen aufeinander, die sich gegensichtig inspirieren. Da der alte Hase, ein versierter Puppenspieler und erfahrener Spielgestalter, bei dessen brandneuer Inszenierung Livemusik (bis auf den Moltowitz-Song von Richard Barborka) nicht fehlen darf. Dort der junge Diplom-Puppenspieler und Regisseur am Puppentheater Magdeburg. Seine Handschrift als Regisseur hat er nun eindrücklich auch beim "Kasperblues" hinterlassen.

Auf Knopfdruck verkommt das Kaspertheater zur stereotypen Nummernrevue. Die Anarchie kehrt zurück in vertauschten Rollen - jetzt drischt Kaspers Ensemble aufeinander ein. Das Kaspertheater bezieht seine Wirkung aus Action und Rhythmus. Der szenische Rhythmus war bei der Premiere noch nicht perfekt im Fluss. Im Umgang mit der multifunktionalen, drehbaren Bühne bedarf es sicherlich einiger Übung, umso mehr bei einem Einmanntheater. Ambivalent ist das Happy End: Gretel und der winzige Wackel-Dackel bleiben am Ende alleine zurück. Die Kasperbude dreht sich um ihre eigene Achse. Die Glocke schellt. Das Spiel beginnt aufs Neue. Kasper ist unsterblich! Zum Glück und zumindest im "Kasperblues"! Eine tolle Inszenierung mit gekonnten Perspektivwechseln, die große Heiterkeit und viel Applaus erntete.

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