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Vom Großvater bis zum Säugling, vom Ziegenbock bis zum Hühnerei
Vom Großvater bis zum Säugling, vom Ziegenbock bis zum Hühnerei
19.02.2019 - 00:00 Uhr
Gaggenau (red) - Unter den Fastnachtsumzügen in der Region nimmt Schmalzloch-Hörden mit seiner über 100-jährigen Tradition eine besondere Rolle ein. Die Historie verdeutlicht, wie sich fastnächtliche Gestaltungsformen im Lauf der Jahrzehnte verändert haben. Während bei vielen Umzügen heute alemannisch geprägte Häs- und Holzmasken und vor allem Hexengruppen dominieren, war dies früher nicht der Fall. Noch weit in die 1990er Jahre hinein standen jährlich wechselnde Kostümgruppen und der Bau von Motivwagen im Vordergrund. Ein Beispiel ist der erste Nachkriegsumzug in der Region, der fast genau vor 70 Jahren in Hörden veranstaltet wurde.

"Die französische Militärregierung hatte Karnevalsumzüge verboten, dann wurde jedoch vom badischen Innenministerium für das Jahr 1949 verfügt, dass in Gemeinden mit althergebrachten Gebräuchen wieder Fastnacht gefeiert werden durfte", beschreibt der Historiker der Schmalzlocher Narrenzunft, Rolf Schnepf, die Anfänge des Hördener Umzugs in den Nachkriegsjahren. Noch im Jahr 1948 war dies im Flößerdorf undenkbar, denn wie der ehemalige Ochsenwirt Casimir Anselm berichtete, hatten nach dem Zweiten Weltkrieg die Franzosen in Hörden Quartier genommen und stellten den oberen Saal im "Ochsen" ihren aus Marokko stammenden Soldaten zur Verfügung. Diese verwandelten die spätere Hochburg des Schnurrens mit Gemälden und Tüchern in eine Wüstenoase.

Als in der Fastnacht erste Hördener wieder mit ihren Kostümen und Masken auftauchten, nahmen die im Dorf stationierten Besatzungstruppen - vorwiegend Marokkaner - schleunigst Reißaus. Wie ältere Hördener berichteten, konnte man sie überall finden: im "Ochsen" unter den Tischen, auf Speichern und selbst in Heuböden.

Der kurz nach 1900 geborene Julius Dörflinger berichtete: "Im Schulhof standen Lindenbäume. Die waren voll gesät mit Marokkanern mit Pluderhosen und Turbanen auf dem Kopf." Doch die Aufregung legte sich schnell: Nachdem man sich von offizieller Stelle überzeugt hatte, dass die Hördener nur Fastnacht machen wollten, wurde die Erlaubnis erteilt für den ersten Nachkriegsumzug in der Region.

In einer Vorschau auf die Hördener Fastnacht des Jahres 1949 schrieb das Rastatter Tagblatt: "Hinter verschlossenen Türen tagten einige maßgebende Männer von Hörden und überlegten, ob es in Anbetracht der vielen Sorgen und der großen Not nicht verfrüht sei, die im Dorfe traditionelle Fastnacht schon in diesem Jahre wieder zu begehen. Von all dem scharfen Denken standen ihnen die Haare zu Berge. Sogar die drei Härchen, die ein Glatzkopf unter ihnen noch besitzt, wippten bedenklich hin und her ..." Schließlich entschied sich der Elferrat unter Vorsitz von Otto Schwaab zur Durchführung der traditionellen Fastnacht in Hörden.

Neben der feierlichen Aufstellung des Narrenbaums am alten Kirchlplatz gab es am Fastnachtsonntag einen Umzug, den trotz Schauerwetters rund 12 000 Menschen besuchten. Die 31 Gruppen mit rund 1 000 Akteuren aus Schmalzloch sorgten für ein lange entbehrtes Narrenspektakel, wobei Fastnachtsmotive aus den 30er Jahren wieder aufgenommen wurden. Unter anderem waren die große Altweibermühle, Zwerg und Riesendame, Flößer, die Schmalzlocher Damenkapelle, Narrenglucke mit Jungen und viele Dominos unterwegs. Die 15 Wagenmotive, die zum Teil noch von Kühen und Pferden gezogen wurden, behandelten unter anderem Geld- und Steuerfragen, wie etwa das "einzige steuerfreie Geschäft" oder die gewünschten "sensationellen Preissenkungen".

Im Mittelpunkt des Narrenwurms stand Prinz Carneval mit seinem Hofstaat. Wie der Fastnachtsumzug 1949 verdeutlicht, prägten in Schmalzloch jährlich wechselnde Kostümgruppen und Motivwagen den Umzug, der sich so jedes Jahr wieder aufs Neue erfindet. Schon vor 70 Jahren stand zum Hördener Umzug im BT zu lesen, das ganze Dorf habe mitgemacht - "vom Urgroßvater bis zum Säugling, vom Ziegenbock bis zum Hühnerei". Nur die heute überall präsenten Holzmasken und Häsgruppen hatten damals noch nicht ihren Weg ins Murgtal gefunden und sind erst viel später entstanden. Holzmasken hatten sich damals schon aus Kostengründen nicht durchgesetzt und wurden lediglich als Einzelmasken eingesetzt. Der Aufschwung trat erst vor wenigen Jahrzehnten mit der Möglichkeit des Kopierfräsens ein, was auch zur Ausbreitung der alemannischen Fastnachtsformen in unserer Region führte.

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