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Und die Diva wird zum Mann
Und die Diva wird zum Mann
11.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Margrit Haller-Reif

Gaggenau - "My Way". Die Diva schminkt sich ab, entblättert sich, wird zum Mann. Travestielegende "Mary" lässt grüßen. Aber hier spielt sich noch etwas anderes ab. Brustpolster fliegen durch die Luft, ein Griff in die reinweiße Unterhose, das falsche Gemächt wird zur roten Clownsnase. Der Mann wird zum Greis. "Das Rollenspiel hat nun ein Ende." Sekunden später erstickt der Mensch da oben, also Christine Prayon, am Schweizer Kräuterzucker-Bonbon eines klag-Gastes. Es folgt ein Werbeblock.

Ein Meisterstück mit Symbolkraft, dieser Auftritt gleich nach der Pause: Die schauspielerische Wucht schlägt unmittelbar in ihren Bann, gleichzeitig macht sich Verwirrung breit. Prayon fordert das klag-Publikum als multiple Persönlichkeit mit einer grandiosen Gedankenachterbahnfahrt. Vielschichtig angelegt, erobern sie Augen und Hirn. Das erfordert höchste Aufmerksamkeit, erst recht, weil der rote Faden fehlt. Und doch will man an diesem Abend permanenter Überraschungen keine einzige verpassen. Die Bühnenpräsenz der gelernten Schauspielerin und mehrfach ausgezeichneten Kabarettistin reißt hin und mit.

Als festes Ensemblemitglied der quotenstarken ZDF-Satiresendung "heute show" kann sie inzwischen eine große Fangemeinde auf sich verbuchen. Die mag womöglich enttäuscht gewesen sein beim klag-Auftritt der "Diplom-Animatöse" Christine Prayon. Bleibt doch ihre Kunstfigur Birte Schneider aus der "heute-show" völlig außen vor. Weder bedient sie den Massengeschmack noch die Erwartungshaltungen. Sie spiele das Programm seit fast zehn Jahren und "es gibt ganz viele Varianten davon", erklärte die Wahl-Stuttgarterin eingangs. "Jedes Mal, wenn ich im Zug sitze und zum nächsten Veranstaltungsort fahre, überlege ich, welche ich spielen soll." "Bestätigungskabarett" wolle sie den im "eher linksextremen Spektrum" angesiedelten Leuten in Gaggenau keinesfalls zumuten.

Kleinbürgermief und Pseudo-Feminismus

Im ersten Programmteil lern te das Publikum die Hauptprotagonistin aus dem "Scarlett-Schlötzmann-Zyklus" kennen, einem unvollendeten Briefroman. Anhand von Tagebucheinträgen und dem Briefwechsel aus unterschiedlichen Lebensphasen entsteht ein tragikomisches Frauenporträt, in eine witzig-bissige Sprache gegossen. Vor dem geistigen Auge ziehen hintergründige Zeitgeistbilder vorüber, die Kleinbürgermief und Pseudo- Feminismus entlarven, Klischees ad absurdum führen. Mit einem Schmähgedicht "gegen Nichtskönner" watscht sie nebenbei die gesamte Slam-Poetry-Szene ab.

"Kommen Sie wieder, es wird ganz anders im zweiten Teil", läutete Christine Prayon die Pause ein. Niemand ging. Es lohnte sich. Denn nun kam ihre Wandlungsfähigkeit besonders eindrücklich zum Tragen. Auf der Bühne wimmelt es von multiplen Persönlichkeiten. Die singende Carla Bruni-Sarkozy-Macron-Persiflage ist grandios, vor allem die mit Botox-steinerner Miene nuschelnd und quietschend demonstrierte Püppchenerotik. Einen Auszug aus dem Lyrik-Zyklus "Männer sind doof, aber glücklich" widmet sie dem Comedian Mario Barth. Im Badeanzug, mit Badekappe, Schwimmbrille und süffisanter Häme deklamiert sie schneidend dessen Handtaschengeschichte "Nussloch".

Kurze, knappe Statements reißen Themen lediglich an. In treffsicheren Figurenskizzen werden sie mit charakteristischer Mimik und Gestik verdichtet. So bildet die Karikatur eines italienischen Machos und Möchtegern-Casanovas körpersprachlich pointiert tradierte Muster männlichen Verhaltens ab - herrlich anschaulich und herrlich böse. Die Spottlust steht ihr ins Gesicht geschrieben, sie irritiert und gleichzeitig offenbart ihr Kuriositätenkabinett Ernst und eine klare politische Haltung.

Fest steht: Christine Prayon ist eine "Diplom-Animatöse" wie sonst keine. Aber eine, die man nicht so schnell vergisst. Diese Frau macht auf der Bühne einfach ihr Ding. Und das verdammt gut, sei es noch so schräg und noch so bizarr.

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