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Historiker jubeln: Sensationeller Fund in Zehntscheuern
Historiker jubeln: Sensationeller Fund in Zehntscheuern
23.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Cornelia Zorn

Gernsbach - Bei den Sanierungsarbeiten in den Zehntscheuern ist eine kleine Sensation entdeckt worden: ein 28 Seiten umfassendes, vollgeschriebenes liniertes Heft im Format von etwa 20 auf 13 Zentimetern. Der Inhalt wirft ungewöhnliche Schlaglichter auf Schulstoff und Herrscherlob des frühen 19. Jahrhunderts.

Alle Seiten des Hefts sind nicht erhalten, ein Deckblatt fehlt. Ab S eite 13 liegen gravierende Schäden vor, die, wie der mit der Sanierung der Zehntscheuern befasste Architekt Bernd Säubert vermutet, durch Mäuse verursacht wurden. Ab Seite 21 ist der Text bis auf Reste zerstört. Gerade die letzten Seiten 21 bis 28 enthalten aber einen für die Datierung wichtigen Lobgesang auf Ludwig (von 1818 bis 1830 Großherzog von Baden).

Die fraglichen sieben Seiten müssen einmal 14 Strophen mit um die 90 Zeilen enthalten haben. Erhalten sind aber nur drei fast vollständige Strophen, also 21 Prozent des gesamten Texts. Zunächst wird Ludwigs hochverehrter Vater Karl Friedrich (Markgraf von Baden-Durlach 1738-1771, danach Markgraf der vereinigten Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach, erster Großherzog von Baden 1806- 1811) angesprochen: "Der unsers Landes Zier/Karl Friedrich singen wir/Heil ewig Heil!/Dir, den uns Gott geschickt/Der unser Land beglückt/Singen wir von Lieb entzückt."

Dann wendet sich der Lobgesang dem Großherzog Ludwig zu. Als jüngster Sohn Karl Friedrichs aus erster Ehe bestieg er den Thron 1818 und regierte bis zu seinem Tod 1830. Der Dichter lässt ihn hochleben mit den Worten: "Jahre lang noch/Leb er, sein (Karl Friedrichs) Ebenbild/Der unsre Wünsch erfüllt/Uns unsre Treu vergilt/Ludwig heut hoch!"

Keine poetische



Glanzleistung

Ton und Stil des Gedichts wirken heute pathetisch, entsprachen aber durchaus dem damaligen Zeitgeschmack. Im weiteren Verlauf tauchen hymnische Formulierungen auf wie " ... dem Festaltar/Nicht feile Niedrigkeit/Ist's die ihm Weihrauch streut/Die reinste Liebe beut/Ihm Opfer dar" oder "Wo seine Saat erblüht/Und dank im Busen glüht/Dir töhnt das frohe Lied/Heil Ludwig Heil". Der Lobgesang endet mit "lauter Jubelklang/Verkünd heut und noch lang/Heil Ludwig Heil!"

Eine vorsichtige Datierung lässt eine Entstehung um das Jahr 1818 oder wenig später vermuten. Das Gedicht ist keine poetische Glanzleistung, hält aber offenbar ein strenges Reimschema ein und bewegt sich in den üblichen Ausdrucksformen der Zeit.

Bis Seite 20 enthält das Heft Abschriften von geistlichen und weltlichen Liedern, die sich größtenteils in evangelischen Gesangbüchern und Liederbüchern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts wiederfinden. Am bekanntesten ist das Lied "Zufriedenheit" (Was frag ich viel nach Gut und Geld, wenn ich zufrieden bin), das von dem evangelischen Theologen, Aufklärer und Freimaurer Johann Martin Miller (1750-1814) verfasst und von Christian Gottlob Neefe (1748- 1798), Komponist, Organist, Kapellmeister und Lehrer von Ludwig van Beethoven, vertont wurde. Auch Mozart und Beethoven vertonten diesen Liedtext.

Dieses und noch ein weiteres Lied (Der Gärtner) finden sich in dem sogenannten "Mildheimischen Liederbuch", das 1799 zum ersten Mal erschien und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein zahlreiche Auflagen erlebte. Das Buch diente als Medium der "Volksaufklärung".

In Verbindung mit seinem "Noth- und Hülfsbüchlein" wollte der Autor und Herausgeber Rudolph Zacharias Becker (1752-1822), Volksschriftsteller, Journalist und Lehrer, besonders die Landbevölkerung und darüber hinaus untere und mittlere Schichten im Sinne der Aufklärung in einer leicht fasslichen und das Gemüt ansprechenden Form an nützliche Informationen heranführen und sie zu einer eigenverantwortlichen, positiven und tugendsamen Lebenshaltung ermuntern.

Nach Inhalt und Form des Heftes könnte es sich im Besitz eines Schülers befunden haben. Die Schrift ist ordentlich, die einzelnen Lieder durch gezeichnete Schmuckbänder optisch voneinander getrennt. Bei dem Lied "Hinauf, hinauf zur Ewigkeit" hat der Schreiber für die Strophen fünf, sechs und sieben Platz gelassen, wahrscheinlich, um sie später nachzutragen.

Über den Schüler oder den Lehrer (der eventuell auch den Lobgesang verfasst haben könnte) macht das Heft keine Angaben.

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