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Wo donnerstags die Arbeitnehmer schlechter gelaunt sind
Wo donnerstags die Arbeitnehmer schlechter gelaunt sind
09.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Senger

Gaggenau - Draußen, vor dem Rathaus, im persönlichen Gespräch, zieht Joachim Fischer eine auch für sich ernüchternde Bilanz: Das Projekt werde er sicher nicht als ein erfolgreiches verbuchen können. Zuvor, in der Sitzung des Gemeinderats am gestrigen Montagabend, war die Ratlosigkeit des Gremiums mit Händen zu greifen angesichts des Abschlussberichts, den der Leiter des Forschungsprojekts "Ein gutes Jahr mehr" gerade vorgelegt hatte. "Was hat uns das denn gebracht?", war die eine, die mehr oder weniger unausgesprochene Frage, die während und auch nach seinem Vortrag im Raum stand.

Immerhin, und das dürfen Gemeinderäte und Stadtverwaltung als beruhigenden Fakt mitnehmen - es hat nix gekostet. Zumindest die Stadt nicht, sieht man mal von dem üblichen Aufwand für eine Reihe von Veranstaltungen ab. Doch ohne dass gestern abgestimmt worden wäre, ist sicher: Das Pilotprojekt wird in Gaggenau nicht verlängert.

Zu abstrakt, zu wenig konkret ist der Erkenntnisgewinn für die Gaggenauer - dies ist die eine Seite der Medaille. "Schön wäre, wenn man mal gezeigt bekommen würde", was ein Ergebnis sei, unkte Andreas Paul für die CDU. Gerlinde Stolle (SPD) war da weniger nachsichtig. Sie habe das Projekt immerhin gut für ihre Beiträge bei der Grokage-Fastnacht verwenden können: "Es ist für mich nicht nachvollziehbar, was hier läuft."

Die andere Seite, und dies wird Fischer nicht müde darzulegen: Seine Wissenschaftler hätten erst mal Grundlagenarbeit verrichten müssen. Erkenntnisse daraus seien eben bislang nicht wissenschaftlich belegt gewesen - auch wenn sie landläufig als Allgemeinplatz gelten. Wissenschaft und Praxis: Diese zwei Welten, sie sind sich in Gaggenau begegnet, aber sie haben drei Jahre lang nicht zueinandergefunden. Dies manifestierte sich auch in dem einen oder anderen Satz von Professor Dr. Fischer - und es summierte sich letztlich zu einer guten Stunde Gemeinderat, die stellenweise satirischen Unterhaltungswert hatte. Beispiel: Donnerstags sind Arbeitnehmer deutlich schlechter gelaunt als samstags und sonntags; freitags bessert sich die Befindlichkeit angesichts des bevorstehenden Wochenendes. Bei nicht Berufstätigen ist dieser Sachverhalt nicht so ausgeprägt. Diese Erkenntnis wusste Fischer anhand einer Graphik darzulegen. Da wurde auch Eric Peplau von den Grünen deutlich - obwohl oder vielleicht gerade, weil er einiges an sozialwissenschaftlichem Wissen im Laufe seiner universitären Ausbildung ansammeln konnte: "Das hätte ich Ihnen auch so sagen können", quittierte er Fischers Erkenntnisgewinn.

Aber - es wurde eben bislang nicht in Gaggenau erforscht, könnte man nun Peplaus Spott entgegenhalten. Letztlich bleibt der Erkenntnisgewinn: Die Symbiose aus Wissenschaft und Praxis, sie war nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Da hilft es auch nicht entscheidend weiter, dass sowohl OB Christof Florus als auch Carmen Merkel vom Amt für Gesellschaft und Familie durchaus positive Aspekte herausstellten. Das Denken darüber, was ein konkretes Vorhaben für die Lebensqualität bedeuten könne, das habe durch das Projekt "Gesundheitsstrategie" gewonnen, argumentierte der OB. Er muss sich fragen lassen: Wie wurden vorher Entscheidungen begründet?

Über Gründe, warum das Projekt nicht in Gaggenau angekommen ist, mag man trefflich diskutieren. Professor Fischer sieht eine Mitschuld bei den überregionalen Medien: Das bundesweite Echo auf den Start des Pilotprojekts habe Erwartungen geweckt, die man nie habe wecken wollen - weil man sie im Sinne der Wissenschaft auch nie postuliert habe. Schlagzeilen wie "Gaggenauer sollen ein Jahr länger leben" seien eben falsch gewesen. "Ich habe nie eine Pille versprochen, mit der man ein Jahr länger leben wird", betonte Fischer im BT-Gespräch.

Unterm Strich, so räumt er ein, habe man in Gaggenau kein konkretes nennenswertes Vorhaben benannt. Die Erkenntnisse aus drei Jahren Forschung werde man aber andernorts umsetzen. Zum Beispiel in Heidelberg bei der Begrünung des Patrick-Henry-Viertels. Denn in Gaggenau fühlen sich die Leute besser als beispielsweise in Mannheim -, weil es mehr grüne Bäume pro Flächeneinheit gebe. Fischer räumt ein: Auch in dieser Frage habe die Forschung genau das Ergebnis geliefert, das man erwartet habe. Dreimal 150 000 Euro jährlich konnte Fischers Institut für Public Health an Landesmitteln an Land ziehen. Die kleine Große Kreisstadt an der Murg ihrerseits durfte im Gegenzug einige Male in der bundesweiten medialen Aufmerksamkeit sonnenbaden.

Jan Stenger (FWG) freute sich über "die Bestätigung, was wir schon alles richtig gut machen" - zum Beispiel bei der Entwicklung des Helmut-Dahringer-Hauses zum Quartiershaus. Ansonsten bleibt für den Gemeinderat die Erkenntnis, die Gerd Pfrommer für die SPD-Fraktion zum Ausdruck brachte: "Wir sollten das Ganze mit Fassung tragen."

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