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Hinter dicken Schwarten pulsiert das Leben vergangener Zeiten
23.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Dagmar Uebel

Gernsbach - Wolfgang Froese ist normalerweise allein an seinem Arbeitsplatz und als Historiker dabei "ganz in seinem Element". Mitten in Obertsrot, beste Lage direkt in Kirchennähe; helle, übersichtliche Räume, das eigentliche Magazin klimatisiert. Auf dem Schild neben der Eingangstür ist zu lesen: Stadtverwaltung Gernsbach, Stadtarchiv, und darunter die Öffnungszeiten. Klingelt es an der Tür, weiß Froese, was seine Besucher wollen, so ungefähr jedenfalls. Auf das "ungefähr" hat er sich dann meistens schon vorbereitet, besonders, wenn die Anmeldungen per Telefon erfolgten.

Die Gäste können gleich am Besuchertisch Platz nehmen, um Einsicht in alte Akten und Urkunden, Zeitungen, und nicht zuletzt auch Bücher zu erhalten. Neben etwa 2 500 Druckwerken zählen dazu zahlreiche Handschriften in gebundener Form. Sie alle warten darauf, entdeckt und genutzt zu werden. Um im ältesten gedruckten Buch, einer Lutherbibel, zu blättern, braucht auch Froese viel Behutsamkeit. Schließlich stammt das großformatige, schwergewichtige, in dickes Leder gebundene und mit m etallenen Beschlägen versehene Exemplar aus dem frühen 18. Jahrhundert. Auf dem in Rot und Schwarz ausgeführten Schmuckblatt ist zu lesen: "Die ganze Heilige Schrifft Alten und Neuen Testaments, nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers". Auf dem Vorsatz befinden sich Einträge der Vorbesitzer. So ist handschriftlich vermerkt, dass "Anno 1734, alß dem 22. Mai, die Hausfrauw Dorothea Maria, geborene Würtzin, nachdeme sie 8 Tage lang krankh gelegen, seelig gestorben" ist.

Als noch beeindruckender erweist sich das Urteilsbuch, ein ungedrucktes, fast ebenso großes, mindestens ebenso schweres Buch mit ausnahmslos handschriftlichen Urteilen, die im 16. Jahrhundert gefällt und dokumentiert wurden. Beispielsweise klagte im Jahr 1553 in einem Zivilstreit Hanns Klehammer gegen Friderich Boß. Dieser habe Kleehammer bei einer Auseinandersetzung einen Gegenstand an die Stirn geworfen. Das Urteil fiel relativ milde aus. "Der erforderten viIer gulden halb, soll antworter (Beklagter) dem Clager an statt denselbigen, ein Gulden auszurichten schuldig sein." Außerdem wurde Boß zur Zahlung von 30 Schilling an die Herrschaft (Baden und Eberstein) und dreieinhalb Schilling an das Gericht verurteilt.

Wohl keiner der Besucher, der Einsicht in die beiden Testamentsbücher bekommt - das erste beginnt 1533, das zweite endet im Jahre 1685 -, kann sich dem Zauber dieser dokumentierten Zeit entziehen. Noch 1675 findet sich zum Beispiel im "Letzten Willen" einer hochbetagten Witwe der Wunsch, mit den noch aus dem Dreißigjährigen Krieg herrührenden Schulden ihre Kinder nicht zu belasten. An erster Stelle aber ging es ihr darum, dass "die Seele zu Christus, dem Erlöser, finden und der Leib der Erde ehrlich zu bestatten sey".

Wenn der Archivverwalter ein weiteres schwergewichtiges Buch öffnet, bekommt der Besucher Einblicke in regelmäßig veröffentlichte "Fürstliche neue Verordnungen". 1780 erschien die "Nachricht, dass Kinder bey ihren Müttern oder nahen Anverwandten, wo nicht durchgängig, doch größtentheils, nach der natürlichen Liebe und Sorgfalt, besser versorgt und eher, nach eines jeden besonderen Neigungen und Eigenschafften behandelt werden, als es in Waysenhäusern zu erwarten ist".

Und auch um unangebrachte Völlerei mussten sich unsere Altvorderen kümmern. Weil entsprechende Reglementierungen nicht beachtet wurden, wies Markgraf Karl Friedrich Wirte, Schulmeister, Küster, Hebammen und Totenwärter an, als übertrieben empfundenen Aufwand bei Kindstaufen, Hochzeiten und Begräbnissen anzuzeigen. Bei Unterlassung drohten Geldstrafen von fünf Reichstalern oder sogar Inhaftierung.

Ein "Renner" im 19. Jahrhundert waren die vielbändigen Almanache "Weltgeschichte für das deutsche Volk", vom Historiker Friedrich Christoph Schlosser herausgegeben, ein Muss für wohl jeden damaligen Bildungsbürger-Haushalt. Durch Literatur und Philosophie glaubte Schlosser, den Zeitgeist seiner Epoche erfassen zu können. Natürlich subjektiv empfunden, erzielten seine Sichtweisen und Geschichtsschreibung höchste Wirkung im Vormärz und im Jahrzehnt nach dem Scheitern der 1848er Revolution.

Bei den ebenfalls zahlreichen modernen Büchern fallen Veröffentlichungen über das Schicksal des Kaspar Hauser und auch den mysteriösen Tod der Gräfin Laura von Arnim auf, die 1886 am Ufer der Murg leblos aufgefunden worden war.

Damit schon fast in der Gegenwart angekommen, eröffnet sich für den Besucher damit nur ein ganz kleiner Teil des Gernsbacher Stadtarchivs. In Regalen und Schränken lagern Zehntausende von Quellen zur lokalen Geschichte. Manche von ihnen sind zwar aus persönlich-rechtlichen Gründen mit einer vorübergehenden Sperrfrist belegt, aber verloren geht, vergleichbar mit dem Internet, im Gernsbacher Stadtarchiv nichts.

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