www.spk-bbg.de/branchensieger
Zehn Variationen voller Humor und Spöttelei
Zehn Variationen voller Humor und Spöttelei
06.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Veronika Gareus-Kugel

Gernsbach - Mit "Gretchen 89 FF." konnten die Schauspieler Adelheid Theil und Stefan Roschy, Regie führte Hendrik Pape, am Samstag in der Alten Turnhalle Hilpertsau Premiere feiern. Zu Spiel-Ende wurde alle Drei mit minutenlangem rhythmischem Beifall belohnt. Die Zugabe-Rufe konnte das Trio jedoch nicht erfüllen. Es gibt nur diese von Lutz Hübner verfassten zehn Szenen.

Wie viel Goethe steckt in "Faust" und was verkörperte für den alternden Dichterfürsten das Gretchen? Da man Johann Wolfgang von Goethe nicht mehr selbst fragen kann, müssen sich Regisseure und Schauspieler eben ihre eigenen Gedanken dazu machen.

"Gretchen 89 FF.", gemeint ist die sogenannte Kästchenszene, ist ein selbstironisches, unterhaltsames Theaterstück, das seine Uraufführung am Deutschen Theater in Berlin erlebte. Hübner schrieb den Text 1998 für das experimentierfreudige Team der "Baracke" um Thomas Ostermeier, heute einer der bestimmenden Theatermacher Europas.

Es war in dieser Form die erste größere Regiearbeit von Pape, wie dieser im Anschluss an die Aufführung im Gespräch bekannte. Das Gelächter, Szenenapplaus und der überwältigende Schlussapplaus adelten seine Regiearbeit. Doch auch das Schauspielduo entfaltete sein ganzes Können, offenbarte eine große schauspielerische Bandbreite, um Gretchens Schlüsselszene auf die Bühne zu bringen.

Das Epos rankt sich um einen alternden Wissenschaftler. Die Jugend verloren und voller vermeintlicher Unkenntnis, lässt er sich mit Mephisto ein. Hübner setzt an der Stelle an, an der Gretchen, noch völlig von der ersten Begegnung mit Dr. Faust emotional gefangen, die Szenerie betritt. Er entwirft dazu zehn Variationen voller Humor und Spöttelei. Sie sind der Einstieg in ein Spiel, das schlaglichtartig, klug und scherzhaft den Theaterbetrieb beleuchtet.

Doch zuvor befleißigen sich Theil und Roschy einer durch und durch poetischen Variante, in dem sie zunächst den Szenen klassisches Handpuppenspiel entgegenstellen. Die Hauptrolle spielen jeweils ein Regisseur, jeder mit einer anderen Neurose behaftet, und die Schauspielerin, die das Gretchen gibt. Die Palette der vorgestellten Typen reicht dabei vom "alten Haudegen", regieführend an einem Landestheater, über den "Schmerzensmann" (Staatstheater) oder der "Dramaturgin", tätig in der freien Szene, bis hin zum "Freudianer" oder der "Diva". Jeder Aufzug ist an einer anderen fiktiven Spielstätte verortet. Da ist derjenige, der mit assoziativen Kollagen neue Maßstäbe setzen will, oder die übermotivierte Anfängerin, die zum Schluss erkennen muss, dass Schauspielschule und fünf sündhaft teure Workshops nichts brachten.

Treffgenau werden die einzelnen Charaktere inszeniert. Wie beispielsweise "Der Schmerzensmann", ein entwöhnter Kettenraucher, der das Extreme sucht, ein Dokument der Dauerkrise, der kein schönes Theater will, sondern die Wahrheit. Der "Freudianer", der im Schmuckkästchen das Gretchen zu Hause findet, ein phallisches Symbol sieht und den Schauspieler gerne auseinandernimmt, um ihn hernach wieder neu zusammensetzen zu können.

Eine gekonnte Stichelei präsentierten die Komödianten unter der Überschrift "Das Tourneepferd", in dem Roschy einen alternden Wiener Regisseur verkörpert, der von allen geliebt werden möchte, vor allem von den jungen Schauspielerinnen. Zu köstlich der vom Schauspieler dargebotene authentische österreichische Dialekt. Das Stück lebt vom schauspielerischen Können der Akteure und deren Fähigkeiten, innerhalb kurzer Zeit in die nächste Rolle schlüpfen zu können. Eben noch verhuschtes Hascherl und im Anschluss überzeugende Diva oder völlig entrückter stinkstiefelhaft auftretender "Meisterregisseur".

Es war die erste von zehn Aufführungen des Stücks in der Alten Turnhalle. Ein nächstes Mal sind Roschy und Theil am kommenden Mittwoch in der Komödie zu sehen. Beginn der Vorstellung ist um 19.30 Uhr.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Baden-Baden
Imponierender Celloklang

03.05.2019
Imponierender Celloklang
Baden-Baden (kst) - Zum achten Mal seit 2012 formierten sich im Weinbrennersaal des Kurhauses auf Anregung des Sponsors und Cellisten Friedhelm Sommer etwa dreißig Cellisten zu einem wahrhaft imponierenden Klangkörper - ergänzt von drei Kontrabassisten (Symbolfoto: AFP). »-Mehr
Gaggenau
Waghalsige Fahrgeschäfte und viele Leckereien

30.04.2019
Gaggenauer Maimarkt
Gaggenau (red) - Von Freitag, 10., bis Montag, 13. Mai, locken Schausteller, Gastronomen, Fahrgeschäfte und Krämer zum Maimarkt auf den Annemasseplatz. Bereits ab Freitag, 16 Uhr, drehen Karussells und Co ihre Runden. Von 17.30 bis 18 Uhr gibt es Freifahrten (Foto: Stadt). »-Mehr
Sinzheim
Er kennt alle 250 Fliedersorten mit Namen

30.04.2019
Fliederfest in Ebenung
Sinzheim (cn) - Emil Kopp (Foto: cn) hat beim Aktionstag "Gläserne Produktion" eine Gruppe von Besuchern auf der Ebenunger Gemarkung Egelsbach begrüßt. Der Winzer feierte an diesem Sonntag zum zweiten Mal das Fliederfest, und viele Gäste folgten der Einladung. »-Mehr
Gernsbach
Der Käsekuchen-König von Berlin

20.04.2019
Der Käsekuchen- König von Berlin
Gernsbach (sazo) - Thomas Neuendorff versteht sein Handwerk. Der Bäckermeister aus Berlin hat den Feinschliff vor fast 30 Jahren bei Bäckermeister Eckard Häfele in Gernsbach erlernt. Der Unternehmer ist in der Hauptstadt inzwischen als Käsekuchen-König bekannt (Foto: pr). »-Mehr
Bühl
Gefertigt mit Liebe und Herzblut

15.04.2019
Kreative Ideen im Bürgerhaus
Bühl (urs) - Der Markt "Kunst und Handwerk" im Bürgerhaus Neuer Markt in Bühl lässt sich mit zwei Adjektiven beschreiben: ausgefallen und ausgezeichnet. Die Aussteller zeigten, dass sie mit viel Können und Liebe zum Detail fast jedes Material verarbeiten können (Foto: urs). »-Mehr
Umfrage

Am Donnerstagabend findet die Bambi-Gala erstmals in Baden-Baden statt. Werden Sie sich die Übertragung im Fernsehen anschauen?

Ja.
Nein.
Das weiß ich noch nicht.


https://www.eyesandmore.de
Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz