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Todesfahrt im Alkohol- und Drogenrausch
Todesfahrt im Alkohol- und Drogenrausch
14.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Senger

Gaggenau/Rastatt - Gestern endete vor dem Schöffengericht in Rastatt die Beweisaufnahme zu dem tödlichen Unfall vom 13. Juli 2018. Erneut wurden alle Besucher kontrolliert und war die Mitnahme von Handys in den Sitzungssaal verboten. Der Tod einer 54-jährigen Frau und ihres sieben Monate alten Enkelkindes sowie die Flucht des Unfallverursachers hatten bundesweit für Aufsehen gesorgt.

Eine Reihe von Zeugen wurde auch am gestrigen, zweiten Verhandlungstag gehört. Im Mittelpunkt stand erneut die Frage, wann genau sich die Kollision vor dem Daimler-Ausbildungszentrum in der Goethestraße ereignet hatte - und ob der Verursacher gemerkt haben musste, dass sein Auto mit Menschen kollidierte.

Der 48-jährige Angeklagte hatte seine Schuld eingeräumt, aber versicherte, er habe keinerlei Erinnerungsvermögen an den Unfall und das unmittelbare Geschehen danach. Er habe mit dieser Aussage bewusst bis zur gestrigen Zeugenanhörung gewartet. Er habe abwarten wollen, ob durch deren Aussagen sein Erinnerungsvermögen zurückkehren würde. Dies sei nicht der Fall. Auf Nachfrage von Richterin Angelika Binder sagte er, er könne sich an seine Abholung durch die Polizei erinnern und dass er morgens nach Hause gebracht wurde. Wie er nach dem Unfall noch am selben Abend zu seinem Arbeitgeber gekommen sei oder an Gespräche mit anderen Personen könne er sich nicht erinnern.

Um 20.45 oder 20.46 Uhr geriet der Gaggenauer mit seinem Renault Mégane in der lang gezogenen Linkskurve auf den Fuß- und Radweg; dort krachte er gegen die 54-Jährige, die ihren Enkel im Kinderwagen vor sich her schob. Dieser Zeitpunkt ergibt sich insbesondere aus der Schrankenschließzeit am Bahnübergang Sulzbacher Straße. Dort musste der Unfallverursacher warten, ehe er in die Goethestraße einbiegen konnte.

Gut zwei Promille

im Blut

Aus dem Schreckensbild, das sich Helfern und Polizeibeamten bot, rekonstruierte Sachverständiger Wolfgang Mangold von der Dekra das Geschehen. Auch das Unfallauto hat er untersucht. Ein technischer Defekt als Unfallursache komme nicht infrage.

Rund 55 Meter Länge umfasst die Unfallstelle. Dabei wurde der Kinderwagen mindestens 39 Meter nach der Kollision weggestoßen, gut 40,5 Meter waren es bei der Frau. Auf Fotos sind die massive Eindellung der Motorhaube zu erkennen, die zerstörte Frontscheibe und weitere Schäden an der Fahrzeugfront.

"Anprallspuren", "Materialantragungen", "Kratzspuren" an Bordstein und Pflastersteinen - hinter nüchternen Worten verbirgt sich das Grauen, das sich in Sekundenbruchteilen ereignete. Ob der Fahrer es bewusst erlebt hat? Sekundenschlaf vor dem Zusammenprall sei nicht auszuschließen, so der Experte. Gleichwohl: Es habe "eine bewusste Lenkbewegung" nach links unmittelbar danach gegeben.

Schwerste Verletzungen bei den Opfern diagnostizierte Dr. Roman Bux vom Heidelberger Institut für Rechtsmedizin. Schädelbrüche und Einblutungen führten zum Tod des Säuglings in der Nacht in einer Karlsruher Klinik. Das Kind erlitt weitere Verletzungen, zum Beispiel einen Beckenbruch. Seine Großmutter starb am Unfallort. Aus dem Ergebnis zweier Blutproben in der Unfallnacht wurden Alkoholgehalt und Drogeneinfluss zum Unfallzeitpunkt errechnet. Es sei sehr wahrscheinlich, dass der Beschuldigte am Unfalltag Cannabis konsumiert habe.

In den Promillebereich von 1,93 bis 2,35 komme man als ungewohnter Trinker nicht heran, erläuterte Bux. Es habe also ein hohes Maß an Alkoholgewöhnung bestanden. "Ein klassischer Alkoholunfall" habe sich ereignet. Selbst wenn der Fahrer Erinnerungslücken haben sollte und seine Fahrtüchtigkeit eingeschränkt war: Daraus könne man nicht schließen, dass er völlig steuerungsunfähig gewesen sei.

Wie der Angeklagte ausführte, hat er seine stationäre Alkohol- und Drogentherapie regulär abgeschlossen. Nun sei er in einer Einrichtung für betreutes Wohnen untergebracht und absolviere bis Ende August ein Praktikum. Anschließend wolle er eventuell eine Umschulung machen. Gelernt hatte er Bäcker, zuletzt arbeitete er in einer Firma im Bausektor.

Richterin Angelika Binder verlas eine Erklärung, in der die Familie der Unfallopfer auf eine Nebenklage verzichtet: Die Familie sei nach eigenem Bekunden sehr gläubig und gehe davon aus, dass der Verursacher "seine gerechte Strafe erhalten" werde. Die Familie mit acht Kindern war vor 16 Jahren von Russland nach Deutschland umgesiedelt. Der Tod der Mutter und Ehefrau habe unter anderem dazu geführt, dass Angehörige wochen- und monatelang arbeitsunfähig gewesen seien.

Plädoyers und Urteilsverkündung sind für den dritten Sitzungstermin anberaumt: Freitag, 17. Mai, ab 9 Uhr im Saal 151, Amtsgericht Rastatt.

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