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"Er hätte nicht fahren dürfen, das weiß er"
'Er hätte nicht fahren dürfen, das weiß er'
18.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Senger

Gaggenau - Die letzten Worte vor dem Urteil - sie sind das Recht des Angeklagten. "Es tut mir von ganzem Herzen leid. Ich kann die Dinge nicht mehr rückgängig machen", sagte der Mann, der am 13. Juli 2018 eine 54-jährige Frau und ihr Enkelkind totgefahren hatte. Glaubhaft versicherte er gestern vor dem Schöffengericht in Rastatt seine Reue - und sie war eines der Kriterien, die sich strafmildernd auswirkten. Denn an der Schwere seiner Schuld gibt es keinen Zweifel. Dies wurde noch einmal deutlich, als Staatsanwalt Dr. Axel Isak die Anklage vortrug.

Drei wesentliche Kriterien seien es, die diesen Unfall von vielen anderen tödlichen Unfälle unterscheide, so Isak:

Die Opfer: Eine noch junge Oma und ihr kleiner Enkel werden aus dem Leben gerissen. Die besondere Schutz- und Hilflosigkeit des Säuglings habe besonderes Mitgefühl hervorgerufen,

Die Umstände: Da, wo man sich als Fußgänger sicher fühlen soll, auf dem Gehweg, werden die Frau und das Kind von einem entgegenkommenden Pkw frontal erfasst und weggeschleudert.

Der Verursacher: Massiv alkoholisiert; nach der Kollision fuhr er einfach weiter - aus Angst um seinen Führerschein.

Die Menschen, die Minuten nach dem Unfall sich um die Opfer kümmerten, haben sich "absolut mustergültig verhalten", lobte Isak, "anders als der Angeklagte."

Die deutliche Alkoholisierung sei dem Angeklagten bewusst gewesen. In der leichten Linkskurve hat er die Kontrolle verloren: Nicht aus überhöhter Geschwindigkeit, sondern weil er alkoholbedingt und mit Cannabis im Blut nicht mehr sicher reagieren konnte. Eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit gebe es nicht, denn er sei an Alkohol gewöhnt. Er sei weitergefahren in Kenntnis, dass er einen Unfall hatte und dabei eine Frau verletzte. Dies sei aus seinen Gesprächen am selben Abend deutlich geworden. "Gravierendes Verschulden mit schwersten Folgen" stellte Isak fest, der Angeklagte habe "sich seiner Verantwortung entzogen". Zwei Jahre Haft seien dafür angemessen.

48 Marihuanapflanzen hegte der Angeklagte in der Wohnung, insgesamt eine Wirkstoffmenge , die nicht mehr als "geringe Menge" zu werten ist.

Strafrechtlich war er nicht vorbelastet. Ein wenn auch spätes Geständnis sprächen für ihn und es sei zu berücksichtigen, dass er Anstrengungen unternommen hat, sein Alkohol- und Drogenproblem in den Griff zu bekommen, so der Staatsanwalt.

Den Aspekt "Verteidigung der Rechtsordnung" trug Isak ebenfalls vor. Alkoholisiert habe der Angeklagte schwerste Schäden verursacht und sich dann der Verantwortung entzogen: "Hier darf die Bevölkerung einfach eine klare Reaktion erwarten." "Eine unverständliche Milde" wäre nicht nachvollziehbar. "Es muss klar sein: Wer sich betrunken ans Steuer setzt, riskiert Leben."

"Tief beeindruckend" sei es, mit welcher Würde die Angehörigen das Geschehen ertragen, so Isak. Eine Einschätzung, der sich Uwe Kirsch anschloss, der Anwalt des Angeklagten. Dieser habe sich schuldig gemacht im Sinne des Strafgesetzbuches. Aber: "Es ist schwer, hier ein gerechtes Urteil zu finden." Man sollte auch die Folgen für seinen Mandanten sehen. Er habe ein normales Leben geführt ohne Alkohol, dann sei er "in einen Strudel" geraten: "Scheidung, nicht mehr Fuß gefasst, Alkohol, Drogen, dann immer tiefer gesunken bis zu diesem tragischen Geschehen."

"Die moralische Schuld, die er trägt, wird er sein Leben lang mit sich herumschleppen müssen", so Kirsch, "er hätte nicht fahren dürfen, das weiß er." Eine Freiheitsstrafe sei gerechtfertigt, räumte Kirsch ein. Er stellte keinen Antrag, bat aber, über eine Bewährung nachzudenken. Schließlich sei sein Mandant geläutert - und könne nur darum bitten, dass ihm die Familie verzeihe.

In wesentlichen Teilen deckte sich die Urteilsbegründung von Richterin Angelika Binder mit der Anklage. Vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs müsse man dem Beschuldigten attestieren. "Reine Bequemlichkeit" habe ihn zum Autofahren veranlasst. Dabei sei er alkoholbedingt enthemmt gewesen, aber nicht erheblich vermindert schuldfähig. Das Gericht sei überzeugt, dass ihm beim Unfall bewusst war, dass ein gravierender Personenschaden entstanden war.

Der Verurteilte kann innerhalb einer Woche Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen.

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