http://www.spk-bbg.de
Hoffnung noch größer als der Bürokratieaufwand
17.06.2019 - 00:00 Uhr
Gernsbach - Dass ein Dorfladen-Konzept auch in kleineren Ortschaften wie Reichental aufgehen kann, zeigt das Beispiel Leiberstung. Dort hat sich im Frühjahr 2009 eine eingetragene Genossenschaft gegründet und einen Dorfladen eröffnet. Mit großem Erfolg. Leiberstung dient nun als Vorbild für Reichental. In dem kleinen, idyllischen Gernsbacher Stadtteil gibt es seit dem 31. Dezember 2017 keine einzige Einkaufsmöglichkeit mehr. Als damals der Reichentaler Markt letztmals Kunden bediente, ergriff der Ortschaftsrat die Initiative. Zwei treibende Kräfte dabei sind seither Andreas Kozlevcar und Guido Wieland. Mit den ehrenamtlichen Geschäftsführern des Dorfladens Reichental unterhielt sich BT-Redakteur Stephan Juch.

Interview

BT: Es ist gerade mal eineinhalb Jahre her, als mit dem Reichentaler Markt die letzte Einkaufsmöglichkeit im Ort weggebrochen ist. Wie haben Sie es geschafft, so schnell einen Dorfladen auf die Beine zu stellen?

Guido Wieland: Wir haben uns Mitte November 2017 bereits mit der Frage beschäftigt, was machen wir jetzt, nachdem der letzte Laden im Dorf geschlossen hat? Wir sind dann wirklich oft zusammengesessen, haben reichlich Überlegungen angestellt und sind auf mehrere Optionen gestoßen. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise gewesen, mit Verkaufswägen die Situation zu überbrücken. Eine weitere Möglichkeit war natürlich der Gedanke Dorfladen. Da haben wir uns dann inspirieren lassen durch Leiberstung. Das haben wir uns schon in der ersten Januarhälfte angeschaut. Als wir dort waren, war zumindest für einen großen Teil des Ortschaftsrats klar: Das könnte es sein!

Dann ging es Schritt für Schritt. Bei der Frage, welche Voraussetzungen brauchst Du, sind wir auf Leader gekommen und haben dort entsprechende Unterstützung erfahren. Und so ist das Projekt dann gereift. Dass wir das Ganze so schnell umsetzen konnten, das lag einfach daran, dass wir viel Zeit investiert haben.

BT: Nur zwei Monate nach dem Aus des Reichentaler Markts kam das Thema Dorfladen schon im Ortschaftsrat zur Sprache - schon mit der ehemaligen Sparkasse als möglichem Domizil. Gab es bereits entsprechende Pläne, die man bis zum Tag X in der Schublade liegen hatte?

Andreas Kozlevcar: Nein, Pläne hatten wir nicht. Die Schließung von der Bäckerei Wieland kam ja ziemlich überraschend und auch ziemlich kurzfristig. Der Gedanke, wir müssen was machen, war aber sofort da im Ortschaftsrat. Dann sind wir gleich in intensive Gespräche gegangen; dann ist es richtig gegoren das Ding - vorher hatten wir keine Pläne für einen Tag X.

Wieland: Wir wussten ja auch nicht, was haben die Eigentümer vor. Es wäre ja theoretisch möglich gewesen, dass sie den Reichentaler Markt vermieten, dass sich ein Interessent findet, der ihn weiterbetreibt.

BT: Jetzt, da die Zuschussfrage geklärt ist, scheint alles in trockenen Tüchern zu sein. Was waren die größten Hürden auf dem Weg zur Umsetzung?

Wieland: Der Bürokratieaufwand an verschiedensten Stellen. Das ging los mit dem Notariat, der Eintragung im Amtsregister und zu guter Letzt die Verhandlungen mit der L-Bank. Man muss sich das mal vorstellen: Bei 40 Gewerken 120 Angebote vorlegen zu müssen, das ist schon ein enormer Aufwand. Da haben wir uns etwas verkalkuliert vom Zeitrahmen her.

Kozlevcar: Erfreulich war die Bereitschaft der örtlichen Bevölkerung, die Sache zu unterstützen. Die war von Beginn an groß bei verschiedenen Treffen, bei denen man sich einfach ausgetauscht und überlegt hat, was man eigentlich braucht, was man will und natürlich, was letztlich umsetzbar ist.

Businessplan

stimmt optimistisch

BT:
Gibt es schon einen konkreten Termin zur Eröffnung?

Kozlevcar: Den Eröffnungstermin haben wir in der letzten Sitzung der Initiativgruppe Mitte Mai mit Beirat, Gesellschaftern und Geschäftsleitung mit dem Ziel Anfang September festgelegt. Vorher war das nicht möglich, weil wir auf die Förderzusage der L-Bank warten mussten, ehe wir die Gewerke ausschreiben konnten. Jetzt haben wir mit der Planungsgruppe einen Zeitplan aufgestellt, wie lange die Handwerker brauchen. Anfang September möchten wir den Dorfladen eröffnen.

BT: Was muss konkret bis dahin noch alles gemacht werden?

Wieland: Das Personal muss gewonnen werden, das ist Grundvoraussetzung. Dann müssen die Handwerker parat stehen, um ihre Arbeiten erledigen zu können. Und dann muss die Ausstattung geliefert werden, wobei das das kleinere Problem sein wird.

BT: Wissen Sie schon, wer hinter der Ladentheke stehen wird?

Kozlevcar: Wir haben verschiedenste Anfragen von Leuten aus dem Dorf, die erklärt haben, sie könnten sich vorstellen, hier tätig zu werden.

Wieland: Aber noch nichts Konkretes, weil bisher noch kein Zeitrahmen genannt werden konnte. Und geht man mal davon aus, dass die Leute in Arbeit sind, dann haben sie natürlich auch Kündigungsfristen einzuhalten. Deswegen gibt es nur lose, unverbindliche Anfragen bisher. Wir werden jetzt in den nächsten Tagen mit der Personalgewinnung starten durch einen entsprechenden Aufruf. Dann wird man weitersehen.

Etwaiger Überschuss fließt in Rücklage

BT:
Wie groß ist aus Ihrer Sicht das unternehmerische Risiko eines Dorfladens in Reichental?

Wieland: Wir haben einen Businessplan erstellt: Was haben wir an Personalausgaben, was haben wir für Fixkosten, variable Kosten? Da kommt eine Summe X zusammen, die wir monatlich aufbringen müssen. Dem haben wir gegenüber gestellt, was wir für einen Umsatz brauchen, damit wir diese Kosten tragen können.

BT: Mit welcher Resonanz rechnen Sie?

Kozlevcar: 55 Prozent der Bevölkerung haben bei der Fragebogenaktion gesagt: "Jawoll, wir unterstützen das, wir machen mit und kaufen dort für rund 20 Euro die Woche ein." Wenn wir das hochrechnen, kommen wir auf die Summe, die wir brauchen, um kostendeckend zu arbeiten.

Grundvoraussetzung war der Fragebogen. Wenn da rausgekommen wäre, dass drei Viertel der Bevölkerung sagt, wir brauchen keinen Dorfladen, wir kaufen eh woanders ein, dann wäre das Ding von vornherein gestorben gewesen. Aber die Resonanz war so positiv.

Auch unser Berater Volker Hahn hat das Ergebnis der repräsentativen Umfrage so gewertet, dass es auf jeden Fall Sinn macht, das Projekt Dorfladen Reichental zu starten.

BT: Was stimmt Sie positiv, dass der neue Dorfladen seine Funktion als Einkaufs- und Begegnungsstätte nachhaltig erfüllen wird?

Wieland: Wir sind zuversichtlich, dass uns das gelingt, die Resonanz im Dorf ist auf jeden Fall groß. Das merkt man auch daran, dass immer wieder nachgefragt wird, wann und wie es endlich weitergeht mit dem Projekt. Wir haben rund 200 Unterschriften aus dem Dorf, die das Vorhaben unterstützen; wenn die 200 Personen plus Partner oder Kinder regelmäßig dort einkaufen, ist das ausreichend.

BT: Wenn ein Überschuss erwirtschaftet werden sollte, was passiert denn dann mit dem Geld?

Kozlevcar: Rücklage, das ist gesetzlich vorgeschrieben bei einer GmbH. Ein Viertel muss mindestens in die Rücklage, über die restlichen drei Viertel kannst du verfügen. Wir haben zum Beispiel auch bei uns im Gesellschaftervertrag drinstehen, dass wir in den ersten zwei Jahren - egal wie es läuft - keinerlei Dividende ausschütten.

Und wenn wir dann so weit sein sollten, dann wird es so sein, dass wir das in Form von Warengutscheinen machen. Dann haben wir wieder einen Vorteil davon.

Wieland: So haben wir es auch in der Gründungsversammlung dokumentiert und so steht es auch im Gesellschaftsvertrag drin, den die über 200 stillen Gesellschafter unterschrieben haben. Die haben nur dann einen Anspruch, wenn natürlich ein Gewinn da ist. Ein Viertel vom Gewinn muss in die Rücklage.

In den ersten zwei Jahren werden wir alles in die Rücklage stecken. Und dann entscheidet die Gründergesellschaft. Und das sind die Vereinsvertreter, die ja das Hauptgeld auch gebracht haben. Dabei handelte es sich um einen Großteils des Gewinns aus dem Dorffest zum 675-jährigen Bestehen.

Kozlevcar: Natürlich wäre es schön, Überschüsse zu erzielen. Aber das ist in erster Linie nicht unser Ziel. Die Gewinnerzielung kann nicht im Vordergrund stehen.

Steh-Café als Ort

der Kommunikation

BT:
Neben der Einkaufsmöglichkeit ist es bestimmt auch Ihr Bestreben, einen neuen Ortsmittelpunkt, einen Treffpunkt für alle Reichentaler zu schaffen, oder?

Kozlevcar: Das kam im Fragebogen schon raus, dass es für die Leute wichtig wäre, mit dem Dorfladen plus Steh-Café einen Ort der Kommunikation zu bekommen. Das wurde sehr hoch bewertet. Deswegen haben wir auch die kleine Kaffee-Ecke als festen Bestandteil eingeplant.

Hinzu kommt eine kleine Außenanlage, die wir mit viel Ehrenamt herrichten wollen. Ich gehe fest davon aus, dass das klappt. Priorität ist jetzt erst mal, dass der Dorfladen aufmachen kann.

BT: Ist schon eine Eröffnungsfeier geplant?

Wieland und Kozlevcar: Es wird auf jeden Fall eine geben! Wie genau wissen wir noch nicht. Unser Berater, Herr Hahn, hat uns auf jeden Fall schon mal 100 Liter Bier versprochen, wenn alles klappt. Und die werden wir dann auch gerne zur Eröffnung ausschenken.

Zum Thema

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Bietigheim
Lastenfahrrad mit E-Antrieb

04.06.2019
Lastenfahrrad mit E-Antrieb
Bietigheim (ser ) - Drei Jahre ist es her, das Essig′s Dorfladen in Bietigheim eröffnet wurde. Inzwischen hat sich der Hofladen etabliert. Neu ist ein Lastenfahrrad mit E-Antrieb, mit dem die zuvor bestellten Waren an Senioren oder durch Krankheit nicht mobile Kunden ausgeliefert werden (ser). »-Mehr
Sinzheim
Ein Hoch auf die Dorfgemeinschaft

20.05.2019
Einweihung des Dorfladens
Sinzheim (cn) - Leiberstung verfügt über ein neues kulturelles Zentrum: Bei einem Fest rund um den neuen Standort des Dorfladens in der Leiboldstraße 50 (Foto: cn) feierte die Bevölkerung am Samstag das neue Dorfladendomizil sowie die Inbetriebnahme der neuen Multifunktionsbühne. »-Mehr
Forbach
Dorfladen bleibt für Langenbrand eine Zukunftsaufgabe

18.05.2019
Goldmedaille als Höhepunkt
Forbach (vgk) - Höhepunkt der zu Ende gehenden Legislaturperiode des Langenbrander Ortschaftsrats war die Teilnahme am Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" und der Gewinn der Goldmedaille. Daran erinnerte Ortsvorsteher Roland Gerstner in seinem Rückblick (Foto: Archiv/Vogt). »-Mehr
Sinzheim
Nicht nur die Kaffeemaschine ist neu

16.05.2019
Dorfladen: Umzug und Jubiläum
Sinzheim (red) - Seit 6. Mai befindet sich der Leiberstunger Dorfladen (Foto: cri), der in diesem Jahr zehn Jahre alt wird, am neuen Standort, dem ehemaligen Bürgersaal. Die offizielle Einweihung und das zehnjährige Bestehen werden am Samstag, 18. Mai, von 10 bis 14 Uhr gefeiert. »-Mehr
Sinzheim
Neuer Dorfladen geht an den Start

03.05.2019
Dorfladen im alten Bürgersaal
Sinzheim (red) - Am Montag, 6. Mai, wird der altehrwürdige Bürgersaal im Wendelinusdorf Leiberstung aus seinem Dornröschenschlaf erwachen und wieder zum Mittelpunkt des dörflichen Lebens werden. Dann wird dort der Leiberstunger Dorfladen neu eröffnet (Foto: pr). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
Umfrage

Ab März 2020 müssen Eltern vor der Aufnahme ihrer Kinder in eine Kita oder Schule nachweisen, dass diese gegen Masern geimpft sind. Befürworten Sie das?

Ja.
Nein.
Das ist mir egal.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz