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"Caipi aus der Schnabeltasse"
'Caipi aus der Schnabeltasse'
15.07.2019 - 00:00 Uhr
Gernsbach (kv) - "Oh ihr armen Gernsbacher, ihr werdet ja schon 800 Jahre alt!", meinte Moderator Ole Lehmann. Er selbst werde demnächst 50, verriet der Wahlberliner mit Hamburger Wurzeln und erinnerte unterhaltsam an längst verdrängte Jugendsünden wie Amarettolikör mit Granini-Bananensaft. Nach einem (bestandenen) Check des Auftrittsapplauses ließ er den ersten Musik-Kabarettisten des Abends bei der Gernsbacher Lachnacht auf das mit Spannung wartende Publikum los.

El Mago Masin - der Fingerkünstler mit den Rastazöpfen ("Kann man die waschen? Ja, mache ich aber nicht") wickelte das Publikum trotz fränkischer Behäbigkeit ganz schnell um seine unglaublich flinken Finger. Er entlockte der Gitarre wunderbare, perlende, aber bei Bedarf auch rockig-punkige Töne, während er die Föderalismuskenntnisse der Gernsbacher einem Schnelltest unterzog. Seine Mutation zum Kirschkernkissen war ebenso komisch wie die Beschreibung einer "Ü-70-Party" mit "Caipi aus der Schnabeltasse" oder seine vergebliche Liebe zur schwedischen Nationalvolleyballerin auf Malle, wo "die Schinkenstraße parallel zum Jakobsweg geführt wird". Die anfängliche Scheu des Publikums, sich auf furiose Backgroundgesänge mit dem Würzburger Magier einzulassen, löste sich schnell auf, als er forderte: "Da müsst ihr mal über den Tellerrand in den anderen Teller springen."

Diesen Sprung hatte der zweite Gast des Abends schon hinter sich. Vera Deckers ist bereits von der Psychologie direkt auf die Showbühne gewechselt. Bei ihrer "Weltpremiere in Gernsbach" brauchte sie kein "Pfefferspray gegen Follower", sondern zog Influencer, Schulterpolster für schmale Hüften, Hipster-Vollbärte und Männerdutts sowie Smoothies ("eine Idee durchgedrehter Altenpfleger") durch den Kakao.

Ihre Tipps gegen das Älterwerden hatten weniger etwas mit Tinder, Quinoa, Low Carb oder dem Fitnesswahn zu tun, sondern ohne Schrittzähler gehen die Jahre nach ihrem Rezept auch mit etwas gedämmtem Licht (gut gegen Faltenwurf) und einem mit Mariacron runtergespülten Obstteller (statt Gugelhupf) fast spurlos an einem vorüber. Wie das funktioniert, zeigte sie mit vollem Körpereinsatz, schielte, was das Zeug hält, und ist nach eigenem Bekunden "völlig talentfrei, was Mode angeht".

Nach der Pause gab es beim Publikum kein Halten mehr, als der "George Clooney der Comedyszene", Michael Steinke, aufforderte: "Lasst es krachen!" Mit durchdringender Stimme ließ die lebendig gewordene Mustertapete seine Hüften nebst darüber gespannt-drapierten orange-braun-gelb gemustertem Hemd erotisch kreisen.

Dass er dabei die "brennenden Blicke" aus dem Publikum wohl spürte, ließ das "Kind der 70er" an sich abperlen. Er erinnerte das Publikum an Bowle aus Korn und Mandarinen, Eier mit Senfsoße oder Toast Hawaii sowie den Klammerblues im Partykeller. Zuschauerin Kirstin wurde für die ihr von der Bühne zugefügte Schmach mit Liebesperlen und Ahoibrause entschädigt.

Mit einem fulminanten "Sailing" stehblueste sich der Saal zum letzten Künstler des Abends, bei dem der Ton gleich rauer wurde. Wenn Ausbilder Schmidt (Holger Müller) in Springerstiefeln und Kampfanzug nach Gernsbach kommt, ist es besser, vor allem die Männer nehmen Haltung an. "Wenn der die Uniform anzieht, wird er zum Tier", hatte Ole Lehmann nach einigen wunderbaren Einkaufstipps für Bioläden anmoderiert.

Unordnung gibt es nicht mehr, wenn Ausbilder Schmidt die Platzverteilung in der Sauna vornimmt. Wenn er gar als medizinischer Helfer bei der Blutspende einspringt, bleibt kein Auge trocken. Das Altern ließ sein Bericht vom Urologenbesuch zum heiteren Rührstück werden, sodass man über kleinere politische Unkorrektheiten hinwegsehen konnte, die er natürlich umgehend scharf und zackig korrigierte. Dankbar nahmen die Männer seine Kurzanleitung zum Thema "Drecksack light - zur Steigerung der Gemeinheit" mit nach Hause,

Für die Ehefrauen blieb der Vergleich zwischen ihnen selbst und einer Handgranate: "Wer den Unterschied nicht kennt, sollte sich überlegen, was passiert, wenn man den Ring zieht." Das Publikum jubelte über die geballte Comedy-Ladung.

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