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"Oft genügt es, mit den Leuten zu plaudern"
31.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Janina Fortenbacher

Gernsbach - Sobald Esther Rieger das Mediclin Reha-Zentrum betritt, hallt ihr fröhliches "Guten Morgen" durch den gesamten Empfangsbereich. Mit einem Lächeln begrüßt die quirlige Frau die neuen Patienten, die sich gerade an der Rezeption eingefunden haben. Manche von ihnen sitzen im Rollstuhl, andere stehen etwas unsicher neben ihren Koffern. Sie wissen noch nicht, was auf sie zukommt. Rieger sorgt dafür, dass sich die Ankömmlinge von der ersten Sekunde an wohlfühlen.

"Ich möchte den Leuten die Ankunft so einfach wie möglich machen", sagt Rieger. Die 87-Jährige arbeitet schon seit elf Jahren als Ehrenamtliche im Gernsbacher Reha-Zentrum. Mehrmals in der Woche hilft sie hier bei der An- und Abreise, wäscht Patienten die Wäsche, geht mit ihnen spazieren und übernimmt auf Wunsch kleinere Besorgungen für sie.

"Die Arbeit macht mir Spaß", betont Rieger, während sie sich mit einem Koffer auf den Weg in eins der oberen Stockwerke macht. Dort ist heute eine ältere Frau angereist. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt muss sie noch eine Weile im Reha-Zentrum bleiben. Rieger stellt das Gepäck der Dame im Zimmer ab und setzt sich neben sie an den Tisch. Unter ihrem Arm hält sie die Anmeldeformulare, die sie nun mit der neuen Patientin ausfüllen möchte. Viele ältere Menschen überfordere diese Aufgabe. Deshalb sei es wichtig, sie dabei zu unterstützen.

Nachdem alle Formulare unterschrieben sind, bietet Rieger an, beim Kofferauspacken zu helfen. Doch das möchte die Patientin lieber selbst übernehmen. Weil sie im Rollstuhl sitzt, hat Rieger aber ein wenig Bedenken: "Für viele ist es schwer, sich einzugestehen, dass sie Hilfe benötigen", sagt sie aus Erfahrung. Aber man dürfe den Menschen auch nicht das Gefühl geben, plötzlich unselbstständig zu sein. Aus diesem Grund lässt Rieger die Dame erst einmal alleine, verspricht aber, später noch einmal vorbeizuschauen.

Fast immer werde ihre Hilfe gerne angenommen, meint Rieger. "Es gibt jedoch auch Patienten, die keinen Besuch wünschen und zickig reagieren", erzählt sie. Im Laufe der Zeit habe sie gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. Die meisten würden ihr aber "mit Dankbarkeit" begegnen. Mit einigen ehemaligen Patienten habe sie sogar heute noch Kontakt: "Ich habe mal ein Pärchen aus Stuttgart betreut. Die haben mich dann zu meinem 80. Geburtstag besucht."

Wieder an der Rezeption angekommen, begrüßt sie ihre Kollegin Helena Bleier. Auch sie ist eine der zwölf ehrenamtlichen Helfer bei Mediclin in Gernsbach. "Pro Tag sind meistens zwei von uns hier", erklärt Rieger. "Eine übernimmt um 10.30 Uhr immer die Hausführung, da wechseln wir uns ab." Heute ist Bleier an der Reihe. In der Klinikbibliothek trifft sie sich mit den neuen Patienten. Von dort aus führt sie sie zu den anderen Gesellschaftsräumen, zeigt ihnen das Vortragszimmer und das Untergeschoss mit Hallenbad und Therapiebereich.

Anschließend gönnen sich Bleier und Rieger im Empfangsbereich eine kurze Verschnaufpause und besprechen den weiteren Tagesablauf. Auf einer Liste, die sie jeden Morgen erhalten, können sie ablesen, wie viele neue Patienten eintreffen und wer einen Besuch wünscht. Während sich die Frauen austauschen, gesellt sich Hildegard Stößer zu ihnen. Rund drei Wochen muss die Patientin noch im Reha-Zentrum verbringen. "Da kann es schnell langweilig werden", sagt sie. "Ich bin froh, wenn ich ein bisschen unterhalten werde." Das Bedürfnis hätten viele, weiß Rieger: "Oft genügt es, ein wenig mit den Leuten zu plaudern, um sie glücklich zu machen."

Plötzlich klingelt Riegers Klinik-Handy, das sie während ihrer Dienstzeit immer bei sich trägt. "Auf Zimmer 232 benötigt jemand Hilfe mit dem Telefon", sagt sie und macht sich auf den Weg zum Lift. Dort wird sie von einer Frau im Rollstuhl angehalten, die sie darum bittet, noch einige Einkäufe für sie zu erledigen. "Das mache ich gerne. Ich schaue nachher bei Ihnen vorbei und dann besprechen wir, was ich für Sie einkaufen soll", entgegnet Rieger. Die Dame im Rollstuhl nickt zufrieden und Rieger fügt noch eine weitere Aufgabe zu ihrer To-do-Liste hinzu. Dass diese prall gefüllt ist, stört sie nicht: "Die Menschen hier und die ehrenamtliche Arbeit halten mich fit."

Mit ihrer Lebensfreude und ihrem Tatendrang motiviere die 87-Jährige viele Patienten und andere Ehrenamtliche, meint Bettina Wentland, Assistentin der kaufmännischen Direktorin im Reha-Zentrum Gernsbach: "Esther Rieger ist hier für viele ein großes Vorbild." Immer wieder gebe es Patienten, die den Wunsch äußern, von Rieger betreut zu werden. Wentland kann das verstehen: "Sie ist für uns ein wahrer Schatz und gehört mittlerweile schon zum Inventar."

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