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54 Reichentaler
54 Reichentaler
07.08.2019 - 00:00 Uhr
Von Friedbert Zapf

Gernsbach - Am 12./13. Mai 1849 hatten sich 30 000 Menschen in Offenburg versammelt, demokratische Forderungen aufgestellt und die revolutionären Offenburger Beschlüsse gefasst. Schon am Abend des 13. Mai wurde im "Auerhahn" in Reichental die Absetzung des Großherzogs diskutiert. Der Wirt Florian Merkel hatte aus Gernsbach ein Flugblatt mit den Offenburger Beschlüssen mitgebracht. "Wenn das so kommt, dann ist das gut", soll Bürgermeister Josef Dörrer am Stammtisch gesagt haben. Der Bruder des Wirts und der Reichentaler Lehrer Franz Joseph Frei klebten das aufrührerische Papier an die Wand.

Der Auerhahnwirt hatte aus Gernsbach auch die Nachricht mitgebracht, dass zwei Tage zuvor die Soldaten in Rastatt gemeutert hatten. Während die Männer im "Auerhahn" nach Mitternacht noch lebhaft diskutierten, floh der Großherzog bereits über den Rhein ins Elsass.

In Karlsruhe übernahm eine provisorische revolutionäre Regierung die Macht. Da der Großherzog bereits preußische Truppen gegen seine aufständischen Badener angefordert hatte, sollte ein Volksheer aus dem übergelaufenen badischen Militär und den Bürgerwehren die Preußen zurückschlagen.

Historisches

Schon am nächsten Morgen zog gegen 10 Uhr Ortsdiener Franz Schmitt mit der Schelle durch das Dorf: Alle Männer zwischen 18 und 30 Jahren hatten sich umgehend auf dem Rathaus einzufinden. Aus Gernsbach war nämlich die Order eingetroffen, dass das sogenannte erste Aufgebot der Bürgerwehr noch heute "bis 2 Uhr unfehlbar" dort einzurücken habe. Thomas Schillinger, der seinen Sohn aufs Rathaus begleitet hatte, weigerte sich, ihn für das erste Aufgebot rekrutieren zu lassen. Die anderen akzeptierten das nicht: "Wenn du ihn nicht mitschickst, dann zeigt man es unten an, dann wird er schon geholt werden."

Um die Mittagszeit standen 54 junge Männer in Reih und Glied abmarschbereit vor dem Auerhahn. Ölmüller Andreas Gerstner, dessen Sohn auch dabei war, wollte ein paar Abschiedsworte sprechen, aber seine Stimme versagte. Lehrer Frei half, ermahnte die Burschen, "daß sie, wo sie hinkämen, Gott vor Augen haben und Niemand etwas Übles anthun sollen".

Und es ist "von einem allgemeinen Jammern und Weinen der Eltern und der Söhne" die Rede. Lehrer Frei und einige Bürger begleiteten das erste Aufgebot nach Gernsbach zur Musterung.

Auf dem Marktplatz herrschte ein heilloses Durcheinander. Aufgebotsleute aus anderen Gemeinden des Amtsbezirks warteten auf Anweisungen. Dann wurden die Reichentaler ins Rathaus gerufen. Der 19-jährige Cyprian Merkel bat darum, wegen "Engbrüstigkeit", wohl Atembeschwerden, freigestellt zu werden. "Wer einen Rückkorb tragen kann, kann auch ein Gewehr tragen", lautete die Antwort von Dr. Kürzel, dem Musterungsarzt. Andere allerdings wurden wegen "eines steifen Hüftgelenks", wegen "Übelhörigkeit und zu geringer Größe" und auch wegen "ätzenden Fußschweißes" in das zweite Aufgebot herabgestuft.

Insgesamt war nur gerade ein Drittel der gemusterten Reichentaler, nämlich 18 Mann, für das erste Aufgebot geeignet. Nach der Untersuchung schickte man die Reichentaler zunächst einmal nach Hause. In 14 Tagen allerdings sollte es Ernst werden für die Aufgebotsleute. (Fortsetzung folgt.)

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