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Sprachbarriere gemeistert, Abitur im Visier
Sprachbarriere gemeistert, Abitur im Visier
09.08.2019 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Gernsbach - Im Wohnzimmer der Familie von Majid Amiri hängt eine Deutschlandfahne an der Wand. Sie signalisiert die Dankbarkeit der Afghanen, die seit Dezember 2015 im Flüchtlingsheim Brandeck in Scheuern wohnen. Auf abenteuerlichen und vor allem riskanten Wegen sind sie vor Krieg und Verfolgung geflohen. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, kamen sie über die Mittelmeerroute, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich in die Erstaufnahmeeinrichtung von Donaueschingen, von wo aus sie einen Monat später nach Gernsbach weitergeschickt wurden. Hier an der Realschule hat Majid jetzt die Mittlere Reife bestanden.

Der 19-Jährige spricht inzwischen fließend deutsch. Im ersten guten halben Jahr hat sich der damals 15-Jährige über Youtube erste Vokabeln und Grammatik-Kenntnisse selbst angeeignet, ehe er in die Vorbereitungsklasse für Flüchtlingskinder an der Handelslehranstalt Gernsbach kam.

Dort hat er sich durch gute Leistungen für die Aufnahme an der Realschule empfohlen. Nach dem erfolgreichen Abschluss - übrigens als einziger Flüchtling in seiner Klasse - möchte der junge Mann jetzt an die HLA zurück und als regulärer Absolvent des höheren Bildungswegs sein Abitur bauen. Dass er es so weit gebracht hat, verdankt Majid auch Harry Samboll.

Der Gernsbacher hatte über die Christuskirche erfahren, dass im Haus Brandeck ehrenamtliche Betreuer für Flüchtlinge gesucht werden und bot seine Hilfe an. So lernte er die Familie aus Afghanistan kennen, die nach wie vor unter den Folgen des Krieges in der Heimat leidet. Der Vater ist nach Explosionen schwer hörgeschädigt, die Mutter sieht kaum etwas. Entsprechend arbeits- und zeitintensiv sei die Betreuung der Familie von Anfang an gewesen. Samboll erzählt von zig Arzt-, Krankenhaus- und Behördenterminen; für den Jugendlichen Majid fungierte er quasi als Vertreter der Eltern, etwa was Elternabende in der Schule oder Hausaufgabenbetreuung anbelangt. "Wahrscheinlich hätte ich das nicht so lange gemacht, wenn er sich nicht so angestrengt hätte", sagt der Versicherungskaufmann zu seinem Schützling.

Majid hat viel in Sambolls Büro für die Prüfungen gelernt, auch weil er in der knapp bemessenen Wohnung im Flüchtlingsheim Brandeck keinen Rückzugsort, kein eigenes Zimmer hat. Aber auch abseits des schulischen Alltags haben die zwei viel Zeit miteinander verbracht. Weil Samboll beruflich viel in Deutschland unterwegs ist, nahm er den jungen Afghanen oft mit und zeigte ihm das Land. So habe sich Majid auch eine sehr gute Allgemeinbildung zulegen können, lobt Samboll.

"Ich habe ihm auf jeden Fall viel zu verdanken", freut sich der 19-Jährige über das Engagement seines ehrenamtlichen Betreuers. Dieser hat ihm auch dabei geholfen, im Landratsamt Rastatt ein Praktikum zu absolvieren und jetzt einen Ferienjob in der Papierfabrik Baden Board zu bekommen. In seiner Freizeit ist Majid bei der DLRG-Ortsgruppe Gernsbach aktiv, zudem ist er ein talentierter Sänger, der schon zweimal bei Adonia-Musicals auf der Bühne stand. Und auch in die Christuskirche geht er gerne, obwohl er Moslem ist. In der Gemeinde hilft er einer gehbehinderten älteren Dame.

Herzenssache:



Eigene Wohnung

Für die Zukunft wünscht sich Majid einen Beruf im IT-Bereich. Auch sein 63-jähriger Papa würde gerne wieder arbeiten. Angesichts der Sprachbarriere und seiner gesundheitlichen Probleme sei das aber schwierig. Majids älterer Bruder arbeitet bei einer Spedition in Rastatt. Sie alle eint der Wunsch nach einer eigenen Wohnung. "Das ist eine Herzenssache", sagt der sympathische junge Mann, der im November 2018 auch die Führerscheinprüfung locker bestanden hat - auf Deutsch versteht sich. Als nächste große Herausforderung wartet nun das Abitur.

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