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Bildungschance in der Dornbuschsavanne
13.08.2019 - 00:00 Uhr
Von Dagmar Uebel

Gaggenau/Loffenau - Sich nach erfolgreichem Schulabschluss erst mal eine Verschnaufpause gönnen: Manche Absolventen versuchen sich in Praktika, andere wollen erst einmal die (zumindest halbe) Welt erkunden. Diesen Wunsch erfüllte sich auch Tatjana Stahlberger, nachdem sie 2018 ihr Abitur an der Rastatter Anne-Frank-Schule abgelegt hatte. Acht Monate lang (von Oktober 2018 bis Juni 2019) bereiste und erlebte die Gaggenauerin auf amerikanischem Kontinent sieben Länder: Guatemala, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Paraguay und abschließend drei Wochen lang Brasilien.

Nach dem Anstoß für solche Reiseziele gefragt, ist sie dem Spanischunterricht am Rastatter Gymnasium und ihrer Freundin Ronja Krämer immer noch dankbar. Nach 16-stündigem Flug im zentralamerikanischen Guatemala-Stadt gelandet, reichten die ersten drei Wochen kaum dafür aus, um alle Sehenswürdigkeiten wie Regenwälder, Vulkane und Maya-Stätten besuchen zu können.

In Kolumbien waren beide von den schier endlosen Kaffeeplantagen ebenso begeistert wie von den traumhaften karibischen Stränden im Norden des Landes. Lächelnd erinnert sich Tatjana auch an die zahlreichen nächtlichen Versuche, in Medellin oder Cali Salsa zu lernen.

In Ecuadors Hauptstadt Quito, mehr als 2 800 Meter hoch gelegen, waren sie von der schönen, unberührten Natur fasziniert - und manchmal auch erschöpft von den Bergen, die beide Frauen bestiegen. Weihnachten, das Fest der Familie, verbrachten sie zusammen mit Freunden in Ecuador, quasi am anderen Ende der Welt. In Peru bewunderten sie zahlreiche Inka-Ausgrabungsstätten und wagten sich in die terrassenförmige Ruinenstadt auf dem über 2 400 Meter hohen Machu Picchu. In Bolivien waren es der Titicacasee, der Regenwald im Amazonasbecken und die Vielfalt der Landschaften, die Tatjana und Ronja bewunderten. Beide Frauen wohnten in Hostels, campten sogar in direkter Vulkannähe.

Was die junge Gaggenauerin am meisten begeisterte, ist die Freundlichkeit der Menschen, die gleich nach der Begrüßung durch "Hola como estas?" zu Gesprächen nach dem Woher und Wohin einluden. Und die, obwohl finanziell meist gar nicht mit Europäern vergleichbar, mitunter einen glücklicheren Eindruck machen als Weltreisende auf ihrer Entdeckertour. Auf die Frage, ob beide Frauen unterwegs manchmal auch Angst gehabt hätten, kommt sofort ein verneinendes Kopfschütteln.

Nach fünf Monaten stetigen Herumreisens durch Südamerika löste Tatjana Stahlberger ein Versprechen ein, das sie als Mitglied des Loffenauer Fördervereins "Escuela Arco Iris" gab. Zur Freude des Vereinsvorsitzenden und Gründers der Regenbogenschule Arco Iris, Hans-Jürgen Drews, war sie drei Monate lang im paraguayischen Chaco (Trocken- und Dornbuschsavanne) Teil der vor 20 Jahren gegründeten Schule, lernte sie die Besonderheiten des Internatslebens, vor allem aber die Schülerinnen und Schüler kennen.

Und nicht nur das. Sie unterstützte das Personal, half den Kindern beim Lernen, hatte beim Spielen Spaß mit ihnen, nahm an ihrem Leben teil. Die Jüngsten unterstützte sie beim Erlernen der Amtssprachen Spanisch und Guaranisch, half in der Küche ("viel Fleisch und Reis, kaum Gemüse") beim Zubereiten der Schulspeisen. Mit den Schülern verbrachte Tatjana viele Nachmittage. Sie malten zusammen, flochten Armbänder, spielten Fuß- und Volleyball, sahen Filme. Die Mädchen flochten Tatjana die Haare. Ganz normal, könnte man meinen.

Und doch ist dieser Ort etwas ganz Besonderes. Bieten doch die Schule und das Internat Kindern indigener Volksgruppen, die zuvor wegen zu langer Schulwege keine Schule besuchen konnten, eine Bildungschance. Mitten in der Dornbuschsavanne im Inneren Südamerikas befinden sich das Schulgelände mit Sportplatz und Sporthalle, die Kranken- und die Polizeistation, die kleinen Häuschen der Lehrerinnen und Lehrer und auch eine Kirche.

Bis zu zwei Stunden von erreichbarer Zivilisation entfernt, bestimmen nach üppigen Regenfällen Schlamm und viele Moskitos das dortige Leben. Dann ist es auch kein Wunder, dass Klassen nur halb besetzt bleiben, weil Nicht-Internatsschüler den langen, beschwerlichen Schulweg gar nicht schaffen.

Tatjana Stahlberger erinnert sich bewundernd: "Wie diese Menschen dort leben, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Dieser Ort ist gefüllt mit mehr als 200 Kindern und Jugendlichen, mit einem so großen Herzen, dass man jeden direkt in die Arme schließen möchte." Und auch die Ankündigung des Schulgründers Hans-Jürgen Drews kann sie bestätigen: "So, wie du diese Schule betreten wirst, wirst du sie nicht wieder verlassen."

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