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Forstamt gibt Gewinnwarnung raus
15.08.2019 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Gernsbach - Die Idylle trübt: Am Aussichtspunkt an der L 76 b zwischen Reichental und Kaltenbronn hat man eine herrliche Aussicht auf die Wälder des Murgtals. Was für die zahlreichen Ausflügler, die dort eine Fotopause einlegen, verborgen bleibt, ist, dass der Wald vielerorts leidet. Auch im Murgtal, wo die massenhafte Vermehrung des Borkenkäfers derzeit alle Kräfte der Förster und Waldarbeiter fordert. Der finanzielle Schaden, auf den sich die waldreichen Kommunen des Murgtals einstellen müssen, lässt sich aber trotz aller Bemühungen nicht vermeiden.

"Wir sind derzeit ganz, ganz stark hinterher, dass man die betroffenen Bäume aus dem Wald holt", betont Landrat Toni Huber. Zusammen mit dem Leiter des Kreisforstamts, Thomas Nissen, und dem Leiter des Forstbezirks Gaggenau, Markus Krebs, informierte er über die aktuelle Situation im Murgtal. Stürme, Schneebruch, Eisbruch, Dürre und letztlich der Borkenkäfer haben in den zurückliegenden Jahren zu einem mitteleuropäischen Waldschutzproblem in bisher nicht gekannter Dimension geführt, die durch den Hitze-Dürre-Sommer 2018 noch massiv verschärft worden ist. Zum Vergleich: Die Ausmaße übertreffen die des Orkans Lothar deutlich, wie Nissen erläuterte: "Wir haben europaweit eine sehr, sehr kritische Situation."

Neu sei die enorme Wucht des Trockenstresses: hohe Temperaturwerte in Verbindung mit Niederschlagsdefiziten in der Vegetationsperiode über mehrere Folgejahre hinweg. Viele Bestände seien derart geschwächt, dass Krankheiten und Schadinsekten optimale Ausgangsbedingungen vorfinden und große Schäden anrichten. "Derzeit gibt es nahezu keine Baumart in unseren Wäldern, die nicht durch Schadorganismen oder Dürre bedroht ist", sagen die Forstexperten. Der für das Murgtal typische Bergmischwald aus Fichte/Tanne/Buche leide zusätzlich unter einer Massenvermehrung der Borkenkäfer. Zwar sei das Murgtal diesbezüglich im Landesvergleich kein Hot-Spot, dennoch werden die finanziellen Auswirkungen auf die betroffenen Waldbesitzer immens sein und in die Hunderttausende gehen, kündig Landrat Huber an: "Der zuständige Forstbezirksleiter muss als Forsttechnischer Leiter der betreuten Forstbetriebe aktuell Gewinnwarnungen an die Kämmereien aussprechen."

Was tun? Oberstes Ziel des Kreisforstamts sei es, Schäden zu begrenzen, gesunde Bäume vor Neubefall zu schützen, den Wald als vielfältigen Lebensraum mit all seinen wichtigen Funktionen wie Boden-, Wasser- und Klimaschutz zu erhalten. Daneben sei die Verkehrssicherheit ein Thema: Abgestorbene Bäume werden brüchig und stellen vor allem entlang von Straßen und Wegen ein Risiko dar. Oberstes Gebot sei derzeit das rasche Aufarbeiten, Rücken, Verkaufen und Abfahren betroffener Bäume. "Das läuft auf Hochtouren", verweist Revierleiter Christian Kopp auf aktuell 15 bis 18 Waldarbeiter, die aufgeteilt in fünf Gruppen in seinem Revier trotz der Sommerferien quasi im Dauereinsatz sind. Das werde - je nach Witterung - noch bis Mitte/Ende September andauern, auch um den Ausflug der nächsten Käfergeneration verhindern zu können.

Ein Problem ist der übersättigte Holzmarkt: Weil in Mitteleuropa 2018 rund eine Million Festmeter Sturm- und Käferholz angefallen ist und für 2019 noch größere Käferholzmengen erwartet werden, kann die Sägeindustrie bei Weitem nicht alles aufnehmen. Auch die rasche Holzabfuhr klappe immer weniger, trotz des engagierten Einsatzes der kreiskommunalen Holzverkaufsstelle in Forbach. Deshalb habe man schon Käferhölzer in unkritische Bereiche umgelagert oder befallene Hölzer gehackt und der energetischen Nutzung zugeführt, erklären Nissen und Krebs: "Zum Glück haben wir hier im Murgtal eine leistungsfähige Firma mit einem entsprechenden Großhacker und eigener Abfuhrkapazität."

Beim Blick nach vorne gehen die Forstexperten davon aus, dass sich die kritische Entwicklung der Borkenkäfer und das tiefe Niveau der Holzpreise voraussichtlich noch ein paar Jahre fortsetzen werden. Wie intensiv und wie lange hängt maßgeblich vom Witterungsverlauf ab. Insekten und Pilze reagieren sehr schnell und feinfühlig auf Klimaveränderungen.

"Da hat Petrus in diesem Jahr in unserer Region durch einen kühl-feuchten Mai und teils intensive Gewittergüsse Schlimmeres verhindert", betonen die Mitarbeiter des Kreisforstamts. Bei größeren Borkenkäferschäden und flächigen Ausfällen stehe die Wiederbewaldung im Vordergrund. Ziel dabei seien stabile, standortgerechte und klimaangepasste Mischwälder hoher Biodiversität. Dabei setze man vor allem auf Vielfalt und Naturverjüngung. Wo gepflanzt werden muss, werden immer stärker auch seltene Baumarten wie Douglasie, Lärche, Zedern oder Eibe sowie Esskastanie, Nussbaum, Hainbuche und Baumhasel beigemischt.

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