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Was blieb, das hat in einen Koffer gepasst
10.09.2019 - 00:00 Uhr
Von Maritta Herrmann

Gaggenau - "Heute bin ich 89 Jahre alt, habe drei Kinder, sechs Enkel und zehn Urenkel. Ich wünsche mir, dass dies alles, was wir erlebt haben, nicht vergessen wird", sagt Maritta Herrmann, geborene Richter. Walter Fütterer, einem Kenner der Gaggenauer Geschichte, hat sie ihre Erinnerungen erzählt, und er hat sie im Wortlaut mitgeschrieben. Hier ihre Erinnerungen an den 10. September 1944, an jenen Sonntag, als Gaggenau zum ersten Mal im Bombeninferno unterging:

1930 wurde ich geboren. Ich besuchte die Volksschule in Gaggenau, mein Lehrer war Herr Zoller. Mit 14 Jahren, also 1944, kam ich aus der Schule und ich begann mein Pflichtjahr bei der Familie Kittel in Bischweier. Dies war damals so üblich, damit die Mädchen den Haushalt kennenlernten.

Am Sonntag, den 10. September 1944, sahen wir von Bischweier aus, dass "Christbäume" über Gaggenau gesetzt wurden. Das war das Zeichen, dass unmittelbar darauf ein Bombenangriff erfolgte. Und gleich darauf fielen schon die ersten Bomben. Ich hatte solche Angst um meine Familie, dass ich mich auf das Fahrrad setzte und über Feldwege nach Gaggenau fuhr.

Am Glasersteg traf ich auf meine Großmutter, sie saß dort weinend auf einem Stein und hatte einen Koffer mit wenigen Habseligkeiten dabei. Unendlich traurig sagte sie zu mir: "Das ist alles, was wir noch haben, alles ist kaputt, und bei Kohlbeckers sind alle tot!" Von unserem Haus standen nur noch die Umfassungsmauern, alles andere war zerbombt oder verbrannt. Aber meine Eltern hatten zum Glück im Keller überlebt.

Die Familie Kohlbecker, das waren unsere Nachbarn in der Hauptstraße. Sie hatten eine große Bäckerei, und deren Spezialität waren Schneckennudeln. Diese waren weit über die Grenzen von Gaggenau bekannt.

Das Haus von Kohlbeckers bekam beim Angriff einen Volltreffer. Zehn Personen, die sich zu der Zeit in dem Haus befanden, kamen um: Die Familie, eine Tante aus Mannheim, die dort schon ausgebombt war und einen Unterschlupf in Gaggenau gefunden hatte, der Bäckergeselle "Steubel" (das war sein Spitzname, wie er richtig hieß, weiß ich nicht mehr) und der kleine Ortwin Kohlbecker, er hatte an diesem Sonntag seinen dritten Geburtstag.

Notunterkunft in der Fahrradwerkstatt

Die Tochter von Kohlbeckers, Hannelore, hat den Angriff überlebt, aber nur, weil sie von 1943 bis 1945 beim Arbeitsdienst in Bollschweil bei Freiburg war. Sie ist 2018 gestorben.

Nach dem Angriff sind wir dann zu meiner Tante nach Sulzbach gezogen. Später konnten wir unsere Werkstatt, diese war hinter dem Haus zur Murg hin, so weit instand setzen, dass wir notdürftig dort wohnen konnten.

Im Januar 1945 ist dann noch meine Schwester Margarethe gestorben. Sie war Krankenschwester im Krankenhaus in Mannheim. Dort bekam sie verdorbene Kartoffeln zu essen und erkrankte darauf an Typhus. Daran ist sie gestorben. Auch Gretel Degler. Sie war ebenfalls Krankenschwester in dem Krankenhaus und war eine Tochter vom Brauereibesitzer Degler in Gaggenau.

Der Aufbau unseres Hauses dauerte zwei Jahre. Mein Bruder Kurt arbeitete in dieser Zeit in der Ziegelei in Balg. Für einen Teil des Lohnes bekamen wir Ziegelsteine für den Wiederaufbau unseres Hauses.

Wollte man Holzbalken, musste man dafür mit im Wald arbeiten. Es ging hoch bis in die Wälder auf den Kaltenbronn und noch weiter.

Später gab dann die Stadtverwaltung Ruinen in der Stadt frei, damit sich die Leute dort Steine holen konnten. Und Lebensmittel gab es nur auf Marken. Mein Vater baute jetzt keine Fahrräder mehr, es gab ja kein Material.

Wir hatten Glück, wenn wir notdürftig Reparaturen an Fahrrädern durchführen konnten. Im Mai 1945 kamen dann die französischen Truppen, es waren hauptsächlich Marokkaner, vor denen hatten wir Angst.

Auf dem Platz, wo einmal die Bäckerei Kohlbecker stand, wurde dann nach dem Krieg in den 50er Jahren das Hutgeschäft von Frau Klein, man nannte es "Hutkleinern", eröffnet. Und bei uns im Haus, direkt an der Hauptstraße, hatten dann Fischers einen Schmuckladen.

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