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"Wir lagen unter einer mächtigen Buche, schrien, schrien nach Gott"
'Wir lagen unter einer mächtigen Buche, schrien, schrien nach Gott'
24.09.2019 - 00:00 Uhr
Von Manfred Reufsteck

Gaggenau - Im Herbst 1944 - also vor 75 Jahren - wurde Gaggenau bei zwei Luftangriffen in Schutt und Asche gelegt. Als unmittelbar Betroffener erinnert sich Manfred Reufsteck (Jahrgang 1935) an das Geschehen damals:

Beim ersten Angriff am 10. September wurde unser Haus in der Michelbacher Straße nur mittelschwer beschädigt, sämtliche Dachziegel und Fensterscheiben waren zerschmettert. Bis zur notdürftigsten Reparatur hatten wir unser meistes Mobiliar in der Scheune von Bauersleuten in Michelbach abgestellt, wo wir alle auch in einem kleinen Zimmer vorübergehend wohnen konnten. Anfang Oktober hatte mein Vater unser Haus wieder soweit hergerichtet, dass wir am 3. Oktober per Kuhfuhrwerk sozusagen umziehen konnten.

Und eben an diesem 3. Oktober waren wir bis zum Mittag damit fast fertig, als wir in der wieder warmen Küche unseres Hauses saßen und unsere Mutter das erste Mittagessen zubereitete. Plötzlich wieder Fliegervollalarm! Unser Vater drängte: "Wir gehen raus in den Wald." Unsere Mutter entgegnete: "Ach, ihr Angsthasen, Gaggenau ist doch zerstört, da kommt doch nichts mehr." Mein älterer Bruder, er war 15 Jahre alt und beim ersten Angriff nicht in Gaggenau gewesen, schloss sich meiner Mutter an und blieb mit ihr im Haus. So ging mein Vater mit meinem jüngeren Bruder, er war erst vier Jahre alt, und mit mir, ich war acht, in schnellem Schritt die Michelbacher Straße hoch. Am Beginn des Dürrenbachtals wollten wir unter hohen Kiefern auf die Entwarnung des Fliegeralarms warten. Aber einige Wachleute vom Luftschutz drängten uns energisch, schnellstens Richtung Michelbach weiterzugehen.

Wir waren auf der heutigen L 613 gerade bis zur ersten markanten Linkskurve gekommen, als plötzlich lauter und vielfacher Flugmotorenlärm einsetzte. Gleich darauf das Heulen niedergehender Bomben, dann ihre infernalischen Detonationen, die nicht mehr enden wollten.

Wir lagen unter einer mächtigen Buche, schrien, schrien nach Gott, schrien um unser Leben. Neben uns lagen drei oder vier Kriegsgefangene aus Russland, die das Barackenlager im Benzwerk mit dem Fliegeralarm verlassen konnten; sie bangten und flehten genauso um ihr Leben. Als eine Pause dieser Bombardierungen einzusetzen schien, machte unser Vater sich auf, um in höchster Not nach der Mutter und unserem älteren Bruder, aber auch nach unserem Haus zu sehen. Er ließ mich mit meinem kleinen Bruder zurück und trug mir auf, mich um ihn kümmern.

Es kamen die nächsten Angriffswellen. Wieder das Dröhnen der Flugmotoren, wieder das grauenhafte Heulen der niedergehenden Bomben, die unzähligen Detonationen. Einer der Russen legte sich über uns, um uns zu schützen und zu trösten. Bange, lange Minuten vergingen.

Endlich wurde es still. Die ersten aus Gaggenau Flüchtenden kamen des Wegs daher. Dann auch unser Vater mit einem uns fremden Mann, dazwischen unsere Mutter, überall blutverschmiert, von beiden gestützt. Mutter und Vater schluchzend: "Unser ganzes Haus ist zerstört!"

Mutter war mit unserem älteren Bruder bis zum Detonieren der ersten Bomben im Haus geblieben, dann wollten beide irgendwie fliehen. Unser Bruder kam die Michelbacher Straße hinauf, circa 70 Meter weit und fand in einem größeren Betonrohr etwas Schutz, als ringsum die Bomben explodierten.

Mutter war offensichtlich im Begriff, das Haus zu verlassen, als zwei Sprengbomben unmittelbar hinter unserem Haus einschlugen, dieses zerrissen und bis in die Grundmauern vollständig zerstörten. Durch die dabei entstandene Druckwelle ist sie quasi bis zur Straße geschleudert und von hochfliegenden Trümmern und Steinen getroffen worden.

Bei allem Schmerz und Leid: Wir Fünf sind am Leben geblieben! Was uns materiell noch blieb, war das, was wir am Leib trugen. Wir hatten ganz plötzlich nichts mehr, kein zweites Hemd, keine zweite Hose - nichts! Mit Nichts mussten wir ein völlig neues Leben beginnen, hier in Gaggenau, vor 75 Jahren.

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