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"Die Toten sollten erlöst werden"
'Die Toten sollten erlöst werden'
02.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Gernsbach - Wenn das Altstadtfest-Feuerwerk abgebrannt wird, flackert das Kriegerdenkmal im Licht der Raketen. Das ist für viele Gernsbacher und Gäste der Papiermacherstadt das einzige Mal im Jahr, dass sie das als nationalsozialistische Weihestätte konzipierte "Denkmal" so richtig wahrnehmen. Nur die wenigsten setzen sich mit dem martialischen Bauwerk auf dem Rumpelstein inhaltlich auseinander. Das tut die Stadt mittlerweile seit gut einem Jahr. Am Montag brachte Bürgermeister Julian Christ das Thema in den Gemeinderat, wo es in der Vergangenheit immer wieder mal im Rahmen von Anfragen aufgetaucht war.





Seit Christ beim Neujahrsempfang 2018 die Gernsbacher Ehrenbürgerschaft des hochrangigen Nazis Walter Buch öffentlich machte, arbeitet die Stadt dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte auf - insbesondere Stadtarchivar Wolfgang Froese tut das. Walter Buch war seit 1920 ein Gefolgsmann Adolf Hitlers und stieg in der NS-Zeit zum Obersten Parteirichter auf. Die Aberkennung seiner Ehrenbürgerwürde, die im Februar 2018 vom Gemeinderat beschlossen wurde (wir berichteten), war ein erster Schritt, jetzt soll durch einen zeitgemäßen Umgang mit dem Kriegerdenkmal ein zweiter folgen.

Froese stellte nun im Gemeinderat die Hintergründe des Bauwerks vor, das 1936 für 90 Gernsbacher Gefallene des Ersten Weltkriegs errichtet worden war. "Es gibt keinen Ort, kein Gebäude in der Stadt, das die NS-Zeit so repräsentiert wie das Kriegerdenkmal", betonte Froese: "Es ist daher der falsche Ort, um der Toten der Weltkriege und der Opfer der Gewaltherrschaft im Sinne eines ,Nie wieder' zu gedenken. Es glorifiziert den Soldatentod." Dieser "Verherrlichung" soll künftig der Schrecken des Krieges gegenübergestellt werden; das könne vor allem durch Bildungsarbeit mit Führungen, Infotafeln und Workshops geschehen. Zudem sollte nach einem würdigen Ort "zum Gedenken an die Gernsbacher Gefallenen und Opfer von Krieg und Gewalt" Ausschau gehalten werden.

"Es ist mutig, das Thema aufzugreifen", lobte Volker Arntz (SPD) die Initiative der Stadtverwaltung, wohlwissend, dass ein zeitgemäßer Umgang mit dem Kriegerdenkmal zu kontroversen Diskussionen führen könnte. Arntz verwies darauf, dass mit dem Bauwerk ein Totenkult transportiert werde, der die Opfer des Krieges instrumentalisiert. "Die Toten sollten erlöst werden", forderte der Sozialdemokrat und sprach sich dafür aus, die Gedenkstätte für die Gefallenen vom Kriegerdenkmal abzutrennen. Weitere bauliche Veränderungen bezeichnete er aber als schwierig.

Steinernes Zeugnis

der NS-Ideologie

Dafür hatte sich zuvor Birgit Gerhard-Hentschel (Grüne) eingesetzt, sei der martialische Bau doch ein steinernes Zeugnis der NS-Ideologie. Sie schlug zudem vor, auch die Opfer der Gernsbacher Partnergemeinden in eine neue Gedenkstätte aufzunehmen, um ein weiteres Zeichen für Versöhnung zu setzen. Für Sabine Katz (Freie Bürger) "ist es an der Zeit, das Thema anzugehen". Sie halte den Vorschlag der Verwaltung für den richtigen Weg. Dass die Hintergründe des Kriegerdenkmals auf dem Rumpelstein vielen "gar so nicht so bewusst gewesen" seien, wertete Frauke Jung als Zeichen dafür, dass eine entsprechende Aufklärungsarbeit in der Stadt vonnöten sei. "Was wir aber nicht wollen, ist ein weiteres Denkmal, das brauchen wir auch nicht", meinte die CDU-Fraktionschefin. Sie bemängelte die Grünpflege auf dem Rumpelstein, die "derzeit zu wünschen übrig" lasse. Zudem erinnerte Jung an die Aktion Stolpersteine, die "für uns eine Abrundung des Themas" wäre. Bürgermeister Christ verwies darauf, dass man sich diesbezüglich noch in der Abstimmung mit den Schulen befinde (unter anderem was die spätere Pflege der noch anzulegenden Stolpersteine anbelangt).

Dr. Ernst-Dieter Voigt (AfD) nannte die Idee begrüßenswert, das Kriegerdenkmal mit Infotafeln und Fotografien auszustatten, um es so als Mahnmal gegen Krieg und Gewalt sichtbar zu machen. Einstimmig folgte das Gremium dem Verwaltungsvorschlag, ebendiese Idee konzeptionell weiterzuentwickeln und das Kriegerdenkmal als Lernort zu erhalten. Zudem soll die Stadt nach einem alternativen Standort für das Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt suchen. Das Stadtarchiv wurde beauftragt, den gesamten Prozess federführend mit Bildungsarbeit zu begleiten.

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