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Gedenken an den Untergang
Gedenken an den Untergang
05.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Vugrin

Gaggenau - "Gegen das Vergessen" - zu dieser Gedenkveranstaltung hatten Stadt und Kulturring Gaggenau in den Bürgersaal geladen. Am 3. Oktober, dem 75. Jahrestag der zweiten verheerenden Bombardierung Gaggenaus, ließen Vorträge sowie Erzählungen von Zeitzeugen die dramatischen Ereignisse von damals lebendig werden. Die Besucher gingen mit nachhaltigen Eindrücken nach Hause - die Appelle der Redner im Ohr: So etwas darf nicht mehr geschehen.

"Viele können sich nicht vorstellen, was damals passiert ist", begrüßte Oberbürgermeister Christof Florus die Gäste, "es war eine Katastrophe, daran müssen wir erinnern." Auch Dr. Robert Scharff, der Vorsitzende des Kulturrings, machte deutlich, wie zerstörerisch Krieg sein kann.

Mit einem Rückblick der besonderen Art - nämlich anhand äußerst gut ausgewählter Bilder und in begleitenden Worten - ließen Karin Hegen-Wagle und Manfred Mayer vom Stadtarchiv eindringlich ein Stück Geschichte aufleben. Viele Anmerkungen wurden von Bürgern der älteren Generation mit zustimmendem Kopfnicken kommentiert.

Es folgte der Vortrag von Manfred Reufsteck, der als Zeitzeuge mit acht Jahren die Dramatik insbesondere bei dem zweiten Luftangriff am 3. Oktober erlebte (wir berichteten). Er ließ die Besucher an seinen bemerkenswerten Recherchen über den Amalienbergstollen teilhaben. Als Luftschutzstollen war dieser vor 75 Jahren Lebensretter für zahlreiche Menschen.

Reufsteck gab detaillierten Einblick über Ausmaße und Bauweise des Stollens. Ebenso informierte er über ein Barackenlager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter - das "Russenlager" - und ein "Frauenlager" in der Umgebung. "Heute so gut wie unbekannt, war ein Frauenlager am Beginn der damaligen Michelbacher Straße", berichtete Reufsteck, "dort lebten etwa 200 Zwangsarbeiterinnen, zumeist aus Osteuropa."

Eine Luftaufnahme, auf der 480 Sprengbombeneinschläge farblich gekennzeichnet sind, ließ manchen den Atem anhalten. "Tatsächlich wurden bei den beiden Luftangriffen 1 430 Sprengbomben abgeworfen, also dreimal so viele, wie hier markiert", verdeutlichte Reufsteck. Viele Sprengbomben seien auch auf Waldgebiete gefallen, wo die Einschläge aus der Luft nicht sichtbar wurden. Das Stadtzentrum sei zudem mit 33 540 Brandbomben belegt worden, durch die Brände seien die meisten Einschläge von Sprengbomben kaum sichtbar.

"Sekunden entschieden über mein Leben"

Sichtbar berührt waren insgesamt zehn Zeitzeugen, als sie ihre Erinnerungen erzählten. Moderiert von Oberbürgermeister Christof Florus, berichtete jeder seine höchstpersönliche Geschichte. Während die Angriffe die zehnjährige Rosemarie Rieger auf dem Weg zum Eisessen überraschten, wurde Karl Wilhelm Ball von seinem Hund Strolch kurzerhand gepackt und in den überdachten Zwinger gezogen.

Yvonne Ritter war in der Kirche, als der Alarm ausgelöst wurde: "Schnurstracks bin ich nach Hause gerannt", erzählte sie. Die Mutter schickte sie mit ihren beiden jüngeren Brüdern in den Luftschutzkeller. "Dann ging es richtig los, ein Radau und Lärm, meine Brüder haben geweint und sich an mich geklammert", erzählte Ritter.

Bei der Bergungsaktion ihrer verschütteten Mutter half auch Prof. Dr. Alexander Hollerbach mit, der ebenso als Zeitzeuge die Runde bereicherte. "Ein Lob für die Hilfe der Michelbacher", betonte dieser. Mit Kuhfuhrwerken haben sie Überlebende transportiert und aufgenommen. Als Hans-Jörg Rahner aus dem Keller hochkam und durch die Eingangstür ins Freie trat, hat er bemerkt, wie hinter ihm das Haus zusammenkrachte. "Sekunden haben über mein Leben entschieden", meinte Rahner, der in Selbach Unterschlupf fand.

Letztendlich hatten alle Zeitzeugen äußerst bewegende und einschneidende Erlebnisse zu berichten. Damit gewährten sie den Besuchern wertvolle Eindrücke von der Zerstörungskraft des Krieges.

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