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Nützlich, nicht nur kunstvoll
Nützlich, nicht nur kunstvoll
12.11.2019 - 08:45 Uhr
Von Nicole Zerrath

Gaggenau - Farbenfrohe Kunstwerke aus Stoff, die in einem reizvollen Kontrast zur geradlinigen Architektur des Glashauses in der Carl-Benz-Schule präsentiert wurden, erwiesen sich am Wochenende als Besuchermagnet. Über 100 Patchworkdecken, -wandbehänge, -kissen und -bilder waren an Wänden, Geländern und Stellvorrichtungen platziert und entlockten den Besuchern immer wieder Kommentare wie "so farbenprächtig", "o Gott, wie kleinteilig" oder "wie viel Geduld das erfordert".

Den Hinweis auf die Geduld hatte Kursleiterin Inge Böckler schon vorausgesehen, als sie ihre Eröffnungsrede mit dem Zitat von Karl Valentin "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" einleitete. Dabei widersprach sie dem gängigen Klischee, die Patchworkerinnen würden ihre Quilts in Geduld erstellen. Diese Tugend würden sie bestenfalls bei der ersten Skizze, der Farbauswahl und der gedanklichen Neuorganisation nutzen, danach könne es aber nicht schnell genug gehen. Kaum sei der erste Block (einmalige Ausführung des Nähmusters) genäht, folgten die weiteren im "Näh-Marathon". Anschließend eile man die fertiggestellte Oberdecke mit Vlies und Unterdecke zusammenzuheften, um sie dann beim Fernseh-Hören gemütlich auf dem Sofa zu "quilten" (die drei Lagen mit kleinen Stichen in schönen Mustern zu verbinden). Die abschließende Versäuberung des Rands müsse rasch erfolgen, denn meistens warte schon das nächste Projekt auf seine Umsetzung.

Karin Babbick, die in den vergangenen 20 Jahren unzählige Werke im Marathontempo angefertigt hat, erinnerte sich an ihre Anfänge. Als vierfache Mutter sei sie damals auf der Suche nach einer Betätigung gewesen, die einen Ausgleich zum Hausfrauendasein und gleichzeitig einen praktischen Mehrwert bringen würde. Eine kleine Ausstellung in der Sparkasse habe den entscheidenden Impuls geliefert.

Die erste Decke hatte Sohn Till zum Abitur im Jahr 2000 erhalten. Diese leistete ihm im Studium gute Dienste, wo sie als Unterlage zum Lernen, als Bettauflage und als Picknickdecke im Freibad diente. Auf der Wiese im Freibad war es auch, als er von einer Dame, nicht ohne eine gewisse Strenge in der Stimme, getadelt wurde: "Weiß Ihre Mutter, was Sie hier treiben." Mit dem Gefühl der Genugtuung habe Till geantwortet, seine Mutter vertrete die Meinung, Patchworkdecken sollten Herz und Hintern wärmen und nicht die Wände schmücken.

Mit dieser Anekdote wies Babbick darauf hin, dass nicht alle Näherinnen mit der gleichen Absicht ans Werk gingen, manche verstünden sich als Kunsthandwerkerinnen, andere als Dekorateurinnen und wieder andere als Künstlerinnen. Allen gemeinsam sei das Empfinden, das Picasso einmal so ausgedrückt hat: "Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele." Diese, für Künstler wie für Kunstliebhaber geltende Aussage, bestätigte auch Dorothea Schmidt, indem sie den Besuchern viel Freude bei der genauen Betrachtung und anregende Gespräche wünschte. Die Fachbereichsleiterin für Kunst und Kultur der Volkshochschule gratulierte insbesondere den Kursleiterinnen Inge Böckler und Gabriele Kraft zu der "großartigen" Schau. Sie spiegle die engagierte Leistung der Referentinnen sowie die Professionalität der Teilnehmerinnen wider. Mit ihrer kehligen Stimme zum Gitarrensound rundete Lea Abendschön die Eröffnung musikalisch ab.

Das Angebot an Kaffee und Kuchen, die Gelegenheit, eine Karte mit Stoff selbst zu gestalten, und die Möglichkeit, mit den Künstlerinnen ins Gespräch zu kommen, wurden rege wahrgenommen.

Besonders auffällig war dieses Mal, dass viele "fachfremde" Männer sich für die genaue Berechnung der Muster interessierten. Die Einbettung der Ausstellung ins Programm des Kunsthandwerkermarktes und den Tag der offenen Tür bezeichneten die Initiatoren wie auch City-Manager Philipp Springer als gelungen.

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