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"Wir fordern Deckelung des Eigenanteils"
'Wir fordern Deckelung des Eigenanteils'
05.12.2019 - 00:00 Uhr
Gaggenau (red) - "Wer soll das bezahlen?", fragt der Verein Gaggenauer Altenhilfe und nimmt damit Stellung zur aktuellen Pflege-Diskussion: "Wir fordern eine Neuordnung mit einer Deckelung des Eigenanteils."


"In den Häusern der Gaggenauer Altenhilfe erleben wir tagtäglich, was ein hoher Eigenanteil für die Betroffenen bedeutet", berichtet Geschäftsführer Peter Koch. Nicht selten sei ein drastischer "Nebeneffekt", dass der Partner, der zuhause verbleibt, ein Leben am Existenzminimum führen muss. Koch: "Von Jahr zu Jahr haben wir mehr Bewohnerinnen und Bewohner, deren Rente und Ersparnisse nicht ausreichen, um den hohen Eigenanteil zu bezahlen. Viele erleben es als beschämend, dass sie beim Sozialamt Leistungen beantragen müssen, um im Alter versorgt zu sein, obgleich sie ihr Leben lang hart gearbeitet haben. Bereits rund ein Viertel unserer Bewohner ist davon betroffen!"

Zwar höre man von Politikern immer wieder, dass "die Pflege" gestärkt werden müsse. Zurecht, sagt Peter Koch. "In der Tat ist es schon kurz nach 12 angesichts von gravierendem Personalmangel bei einem zugleich rapide steigenden Versorgungsbedarf." Schließlich werde bis 2030 die Zahl der Pflegebedürftigen laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung um 50 Prozent steigen.

"System steuert auf einen Kollaps zu"

Noch dramatischer werde die Situation dadurch, dass die kommende Generation pflegebedürftiger alter Menschen geprägt sein werde von längerer Lebenszeit und zunehmend schweren Fällen (Demenz), die einer intensiven Langzeitbetreuung bedürfen, und einem niedrigeren Rentenniveau. Um den Pflegeberuf attraktiver zu machen, werde allem voran eine bessere Bezahlung diskutiert. Aber, so Peter Koch: "Was die Politik dabei meist verschweigt: Es sind die Pflegeheim-Bewohnerinnen und Bewohner selbst, die diese Mehrausgaben schultern müssen." Schon jetzt würden die Menschen, die in einem Pflegeheim leben, kräftig zur Kasse gebeten. Denn die Pflegeversicherung sei, anders als die Krankenversicherung, vom Gesetzgeber als Teilversicherung konzipiert. Sie übernimmt also die Pflegekosten nur bis zu einer Grenze; der Rest muss privat aufgebracht werden. Hinzu kommen Unterkunft und Verpflegung sowie weitere Ausgaben, vor allem für Investitionen in der Einrichtung. Im Bundesdurchschnitt ergeben sich so monatliche Zahlungen von rund 1 900 Euro, verweist Koch auf Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft.

"Selbstverständlich befürworten wir zu 100 Prozent das Ansinnen der Bundesregierung, flächendeckend in der Pflege faire Löhne und Fachkraftquoten durchzusetzen. Denn frustrierte und schlecht ausgebildete Mitarbeiter machen keine gute Pflege." Deswegen zahle die Gaggenauer Altenhilfe Tariflöhne für die Pflegefachkräfte und für alle anderen Mitarbeiter einen internen Mindestlohn von zwölf Euro (12,24 Euro ab 2020) als Einstiegsgehalt.

Zugleich müsse man wirtschaftlich agieren. "Doch wir stellen uns dagegen, dass das auf Kosten der Mitarbeiter geschieht", betont Koch. Kostensteigerungen dürften aber ebenfalls nicht auf dem Rücken der Heimbewohner ausgetragen werden. "Und so fordern wir, dass der Eigenanteil künftig gedeckelt wird. Eine neue Finanzierungsgrundlage muss her", sagt Koch. "Die vor einem Vierteljahrhundert geschaffene Pflegeversicherung, die eine Verarmung der Betroffenen verhindern sollte, funktioniert heute nicht mehr. Das System steuert auf einen Kollaps zu und birgt heute inakzeptable Ungerechtigkeiten."

In einem Gutachten der Initiative Pro Pflegereform beschrieb kürzlich Gesundheitsökonom Professor Heinz Rothgang eine komplette finanzielle und konzeptionelle Neuordnung der Altenpflege: Der Sockelbetrag für Pflegebedürftige soll auf 471 Euro begrenzt und ein individuelles Pflegebudget nach Bedarf festgelegt werden. Die übersteigenden pflegebedingten Kosten zahlt die Pflegeversicherung, die Behandlungspflege die Krankenversicherung. Peter Koch: "Für dieses Konzept sprechen wir uns ausdrücklich aus."


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