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Ein grandioses Duo öffnet seinen Koffer voller Gefühle
Ein grandioses Duo öffnet seinen Koffer voller Gefühle
09.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Margrit Haller-Reif

Gaggenau - Ihre Stimme ist wie ein Raum. Ausladend, tief, kehlig, rau, majestätisch atmet sie Soul, um gleichzeitig dem Jazz und dem Blues zu gehören. Seine Gitarre ist ein Tausendsassa mit Bassanwandlungen, funkensprühend der Sound, wie eine Wundertüte der Rhythmus. Eine Stimme und eine Gitarre, eine unglaubliche, körperlich spürbare Intensität, untrennbar verbunden mit dem Duo Friend 'n' Fellow und seinem neuen Album "Characters".

"Wir sind überglücklich, hier zu sein, es hat mindestens zehn Jahre gedauert", sagt Constanze Friend freudestrahlend. Das klag-Publikum ist es auch. Constanze Friend und Thomas Fellow haben ihr zwölftes Album im Reisegepäck mit zwölf besonderen Geschichten von zwölf Charakteren, "die nichts voneinander wissen und sich kennenlernen".

Jeder Song ist wie eine eigenständige Persönlichkeit. "Fighter" heißt das erste Stück, ein Charakter, dessen Ecken und Kanten mit Blues, Soul- und Jazz-Anleihen bebildert werden.

In der musikalischen Charakterstudie "Sister" dominieren vital und eruptiv Glücksgefühle, in jener von den "Travellers" nimmt das Tempo virtuos Fahrt auf, formt fulminantes Silbengeschnatter die Bewegung. Bei "Friends" funkelt der Rhythmus mit den Gesangsfacetten um die Wette.

Vibrierendes Timbre, vielschichtiges Spiel

28 Jahre gemeinsam auf der Bühne, im Auto, fast 28 Jahre mit Nina Simones "My Baby Just Cares For Me" im Repertoire, einem Klassiker, den sie neu erfinden. 28 Jahre mehr oder weniger ein Leben aus dem Koffer, "irgendwie ist da auch deine Seele mit eingeschlossen, die du dann auf der Bühne wieder rauslässt". Man wagt kaum zu atmen, Hören und Sehen ist eins bei dieser hohen Professionalität mit Seele.

Constanze Friend und Thomas Fellow haben an diesem nasskalten Abend Woodstock-Feeling nach Gaggenau geholt, zusammen mit ihrer hinreißenden Version von Richie Havens "Freedom". In ihrer Winter-Woodstock-Variante "Fly Like an Eagle" fliegen Fellows Finger mit atemberaubender Geschwindigkeit über die Saiten, während sich Friend leichtfüßig durch Windböen scattet - bis Schneeflocken die Erde hörbar und watteweich zudecken.

Ihr dunkel vibrierendes Timbre und ihr Stimmenspektrum erobern Raum um Raum, erschaffen die Charaktere, die sie beleben. Er spürt die Töne nach, die Gefühle, Stimmung, die Farben. Hier sind zwei geniale Musiker eine Band, eine verschworene Gemeinschaft, zwei Charaktere, zwei Gegenpole, die sich ergänzen, die traumwandlerisch sicher kommunizieren. Manchmal körperlich ganz nah. Dann neigt sich Constanze Friend zu Thomas Fellow hin, erfindet im Dialog mit seiner Gitarre eine eigene Laut- und Klangsprache ohne Textsinn, die sie mit ihrer Hand nachzeichnet.

Großes Hörkino

Fellow nimmt sie auf, spielt mit ihr, treibt die Dynamik auf die Spitze, heizt perkussiv ein, erdet mit sanften Basslinien, schmückt die Räume mit kunstvollen Gitarrenfiguren aus.

In zwei eigenen Stücken entfaltet er in vielschichtigen Saitenschwüngen seine technische Kunstfertigkeit. Ein Zauberer an der Gitarre, der nicht von ungefähr einen Lehrstuhl für Gitarre/Worldmusic an der Hochschule für Musik in Dresden innehat. Die Mienen ringsum sind hingebungsvoll und gebannt vom groovenden, swingenden, pulsierenden Miteinander. Mit geschlossenen Augen sind die Songs von Friend 'n' Fellow großes Hörkino. Doch lange hält man das nicht aus, die Bühnenpräsenz dieses Duos will mit offenen Augen erlebt sein und ebenso Constanze Friends ausdrucksstarke Körpersprache, die jeden Ton mitlebt.

Es fällt unendlich schwer, sich aus diesem Traum zu lösen, aufzutauchen aus diesem berauschenden Klangkosmos und sich zu verabschieden von dieser musikalischen Intensität. Der Applaus spricht Bände und wird belohnt mit Zugaben, nicht zuletzt einer prallen lautmalerischen Hommage an "Ga-Ga-Gag-gen-aaa-uuu".

Und draußen vor der Tür ist die Nacht plötzlich nicht mehr in nassgrauen Nebel gehüllt. Denn die Seelenmusik von Friend 'n' Fellow wirkt lange nach. Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass es nicht mehr so lange wie diesmal dauern wird, bis dieses kongeniale Duo die klag-Bühne in Gaggenau erneut ansteuert.

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