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Bei Problem "zündet man kein Haus an"
Bei Problem 'zündet man kein Haus an'
10.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Baden-Baden/Gernsbach - "Er hatte in der einen Hand ein Handy und in der anderen eine Bibel. Er sagte, auf diese soll ich besonders achtgeben!", berichtet der Zeuge über den Moment, als den 26-Jährigen die Reue plagte und er nachts den Zeitungsausfahrer auf dem Edeka-Parkplatz in Hörden bat, die Polizei zu rufen: "Die suchen mich wegen Brandstiftung!"

Nicht nur, dass in der Beethovenstraße in Gernsbach ein Sachschaden von 140 000 Euro entstand - weil die Eigentümer in dieser Nacht in dem Wohnschuppen schliefen, muss sich der Mieter wegen Mordversuchs verantworten und sitzt seit diesem 5. Juli in Offenburg in Untersuchungshaft. Das Ehepaar aus Varnhalt sieht wegen einer Unterversicherung, die ihnen nur 70 000 bis 100 000 Euro Ersatz beschert, die Existenz bedroht - und befindet sich vor allem in psychiatrischer Behandlung. "Es ist eine Riesenangst da. Ich finde keine Ruhe mehr und kann nicht mehr schlafen", berichtete die Frau unter Tränen.

Der geständige Täter sah derweil gestern vor dem Schwurgericht Baden-Baden selten auf und verfolgte mit steinerner Miene die stundenlangen Zeugenaussagen. Lediglich zu Beginn sprach er zwei Sätze, bevor er fortan schwieg: "Ich wollte mich für den Brand entschuldigen. Es war nicht meine Absicht, jemand zu verletzen oder gar zu töten." Ob dies zutrifft, dürfte auch an den weiteren Verhandlungstagen nur schwer zu ermitteln sein.

Gegenüber dem Zeitungsausfahrer und dessen Freundin klang das noch anders, als er vor deren Auto sprang und um Kontaktaufnahme mit der Polizei bat, weil sein Handy keinen Empfang hatte. "Er sagte, er hätte ein Problem gehabt und deshalb ein leer stehendes Haus angezündet. Als ich meinte, wenn man ein Problem hat, zündet man kein Haus an, sagte er, er mache das aber so - und er habe es gut gemacht", berichteten der Zeitungsausfahrer und seine Gefährtin. Der 35-Jährige zitierte den Täter weiter aus der Schicksalsnacht: "Wenn mich jemand ankotzt, dann räche ich mich. Das war nicht das erste Mal."

Den Hartz-IV-Empfänger hatten seine Vermieter erzürnt, die dem ruhig wirkenden Mann lange wohlwollend gegenüberstanden. Obwohl der ehemalige Drogenabhängige selten einer geregelten Arbeit nachging, überließen sie ihm eine rund 40 Quadratmeter kleine Wohnung, als sie 2014 einen Schuppen neben ihrem Mietshaus auf Vordermann brachten. Die Schwester des Angeklagten, die in Letzterem wohnte, hatte ihre Vermieter darum gebeten. Als die Miete von 250 Euro plus 60 Euro Nebenkosten im Mai und Juni 2019 zweimal nicht floss, suchte der Vermieter das Gespräch. Es stellte sich heraus, dass das Sozialamt im Gegenzug für die Zahlungen eine Alkoholentziehungskur forderte, der 26-Jährige aber keine Bereitschaft dazu zeigte und es alleine schaffen wollte - wie schon bei zahlreichen Drogenentzügen zuvor. "Ich redete auf ihn ein, er möge doch kooperieren mit dem Amt", erzählte der Vermieter gestern - doch erfolglos. So kam es zur Kündigung des Mietverhältnisses. Am 6. Juli, 9 Uhr, sollte die Wohnung geräumt und übergeben werden.

Fatalerweise hatten die beiden Varnhalter beschlossen, den Schwimmteich und den Garten ihres Anwesens in Gernsbach am Abend zuvor zu pflegen und dann im Erdgeschoss des Wohnschuppens zu übernachten, um am Morgen die Wohnung darüber zu übernehmen. In ihrem gegenüberliegenden Mietshaus sahen sie noch am Abend des 4. Juli den Angeklagten bei seiner Schwester auf dem Balkon. "Wir grüßten noch freundlich", erzählten die Vermieter. Im Halbschlaf bekamen sie später mit, wie er in die Wohnung ging und sie wohl auch mindestens einmal wieder verließ.

Laut den polizeilichen Ermittlungen entzündete der Inhaftierte mit Spiritus Kleidung in seiner Wohnung und verschwand. Die Vermieterin wachte irgendwann durch den Rauch auf und weckte ihren Ehemann. Die genaue Uhrzeit konnte Richter Wolfgang Fischer gestern nicht ermitteln - um 1.47 Uhr war jedenfalls die Feuerwehr zur Stelle und löschte den "lichterloh" brennenden Schuppen. Die Rolle des Schwagers, der wie die Schwester des Angeklagten voll angekleidet und zudem mit einem Hammer zum Brand geeilt sei, sollen durch deren Zeugenaussagen am Donnerstag beleuchtet werden.

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