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Gefängnis die heimeligere Variante als Obdachlosigkeit
Gefängnis die heimeligere Variante als Obdachlosigkeit
13.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Baden-Baden/Gernsbach - "Ich hätte nie gedacht, dass er so eine Wahnsinnstat begeht!", zeigt sich der Schwager des Brandstifters selbst fünf Monate danach noch verblüfft. Tat eines Wahnsinnigen oder kühles Kalkül samt Mordversuch an seinen Vermietern? Das Urteil nächste Woche am Landgericht Baden-Baden dürfte entscheidend von der Frage beeinflusst werden, ob Richter Wolfgang Fischer den apathischen 26-Jährigen als schizophren einstuft.

Dr. Johannes Dietrich sieht zahlreiche Anzeichen für eine "Schizophrenia simplex" vorliegen. Der Forensik-Experte vom Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen schloss gestern am zweiten Verhandlungstag aber auf Nachfrage der Verteidigerin Alexandra Engelhardt kalte Berechnung genauso wenig aus. Der Gernsbacher sah nämlich für sich in der Nacht des 5. Juli nur den Ausweg "Obdachlosigkeit oder Gefängnis". Die Haft schien ihm offenbar spontan die heimeligere Variante, weil er morgens um 9 Uhr seine kleine Wohnung räumen sollte. Da für ihn der vereinbarte Umzug zu seinem Bruder keine Alternative war, raffte er Kleidung in seiner gekündigten Wohnung zusammen, goss Spiritus darüber und zündete den Haufen an.

Der Wohnschuppen in der Beethovenstraße brannte lichterloh, die Feuerwehr war mit 62 Mann im Einsatz, konnte aber nach der Alarmierung um 1.47 Uhr einen Schaden von 140 000 Euro nicht verhindern. Weil die Vermieter aus einem Baden-Badener Stadtteil ausnahmsweise unterhalb der Feuersbrunst übernachteten und spät aufwachten, muss das Schwurgericht in Baden-Baden über Mordversuche befinden (das BT berichtete).

Der Täter beteuerte mit Hinweis auf seine mittlerweile christliche Einstellung, er habe niemand verletzen wollen. Bei der Selbstanzeige, als er rund eine Stunde später beim Edeka-Markt in Hörden einen Zeitungsausträger bat, die Polizei zu rufen, damit er sich stellt, hatte der Mann von einem "leer stehenden Haus", das er abfackelte, gesprochen. Der 26-Jährige war selbst bei der Fahrt in die Haft nach Offenburg redselig und bestand laut einem Rastatter Kriminalbeamten darauf, "dass wir seine Tat schriftlich fixieren" und er den "Mordversuch-Vorwurf nicht stehen lassen wollte".

Seine drei Geschwister, die durchweg im Murgtal wohnen, hielten es mit dem Angeklagten und schwiegen gestern im Saal 118. Das Trio erlaubte jedoch durchweg die Verwertung der polizeilichen Vernehmungen vom Juli. Als eine Art Sprecher der Familie fungierte der Schwager. Der gebürtige Gernsbacher, der mit der Halbschwester des Täters verheiratet ist und am 5. Juli noch im angrenzenden Mietshaus der Geschädigten wohnte, berichtete von den Stunden vor und während des Flammenmeers. Den zum Prozessauftakt geäußerten Verdacht, seine Familie habe den 26-Jährigen angestiftet, konnte er glaubhaft ausräumen. Eine Nachbarin habe mit ihrem Ehemann alle im Haus geweckt, er habe auch an die Wohnung der Vermieter im Schuppen gepocht. Die verzweifelten Schreie seiner Frau, die ihren Bruder in der brennenden Dachgeschosswohnung wähnte, "hörten" in der Nacht überdies "noch die Nachbarn zwei Häuser weiter". Vor allem aber: "Wenn mein Schwager erzählt, dass er das Haus abfackeln will, dann lege ich mich doch nicht seelenruhig hin, wenn sieben Meter entfernt ein Brand ausbricht und meine Familie und meine kleine Tochter bedroht", betonte der 51-Jährige und unterstrich, "das hat doch überhaupt keine Logik!"

Am Mittwoch, 18. Dezember, stehen ab 9 Uhr im Landgericht die Plädoyers von Oberstaatsanwalt Michael Leber und Verteidigerin Engelhardt an. Der angesetzte vierte Verhandlungstag könnte angesichts der abgeschlossenen Beweisaufnahme entfallen und ein Urteil verkündet werden.

Mathias Albrecht hat als Nebenkläger im Additionsverfahren für die geschädigten Vermieter einen ersten Erfolg verzeichnet: Mit Engelhardt einigte sich der Hördener Anwalt auf Täter-Opfer-Ausgleich von 10 000 und 6 000 Euro, weil die Eheleute seit der Schreckensnacht unter erheblichen psychischen Problemen leiden, die sogar zu einem sechswöchigen Klinikaufenthalt der Ehefrau und Arbeitsunfähigkeit seit September führten. Dass beim Täter das Geld wohl kaum je zu holen sein wird, wie der Staatsanwalt bemerkte, war Albrecht bewusst. Er vertraut darauf, dass die Landesstiftung Opferschutz wenigstens zum Teil in die Bresche springt.

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