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Albrecht: "Opfer treten in den Hintergrund"
Albrecht: 'Opfer treten in den Hintergrund'
19.12.2019 - 00:00 Uhr
Baden-Baden/Gernsbach (uj) - Den Blick nach unten gerichtet verfolgt der Angeklagte die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Rechtsanwalt der Nebenkläger und seiner Verteidigerin. Am dritten Verhandlungstag im Prozess um Brandstiftung und versuchtem zweifachen Mord am 5. Juli in Gernsbach wird die Beweisaufnahme abgeschlossen. Das Landgericht Baden-Baden unter dem Vorsitz von Richter Wolfgang Fischer fällt noch kein Urteil. Dieses soll am morgigen Freitag um 11 Uhr verkündet werden.


Welche Strafe hat der 26-jährige Angeklagte zu erwarten? Oberstaatsanwalt Michael Leber hält eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten als angemessen. Verteidigerin Alexandra Engelhardt stellt "keinen konkreten Antrag", hofft aber, dass sie bei "etwa fünf Jahren" liegen wird.

Zu Beginn des gestrigen Verhandlungstages gibt es erst mal eine Pause. Engelhardt will sich mit ihrem Mandanten besprechen ("so etwa 20 bis 30 Minuten") und kündigt für danach eine Erklärung an. Sie trägt anschließend vor, was der Angeklagte niedergeschrieben hat.

Darin widerspricht er manchen Zeugenaussagen. So habe er nie behauptet, weitere Feuer legen zu wollen. Auch habe er nach der Brandstiftung am 5. Juli die Haustür nicht verschlossen, damit niemand das Feuer löschen könne. Außerdem behauptete er, er habe "von Anfang an die Wahrheit gesagt". Ferner lässt er über seine Anwältin eine Entschuldigung an seine Vermieter zukommen. Diese hatten in der Nacht des Brandes in dem Wohnschuppen des Anwesens in der Beethovenstraße in Gernsbach geschlafen. Er hätte wissen müssen, dass sie im Haus sind. Das sei ihm aber erst später bewusst gewesen.

Staatsanwalt Leber sieht in seinem Plädoyer versuchten Mord in zwei Fällen und schwere Brandstiftung als gegeben an. Für den Angeklagten spreche, dass er sich sehr früh zur Brandlegung bekannt habe, nicht aber zu dem versuchten Tötungsdelikt. Glücklicherweise hätten die Vermieter keine körperlichen Schäden erlitten. Der Staatsanwalt spricht deshalb von einem "eher geringeren Maß der konkreten Gefahr". Dennoch seien die Opfer konkret gefährdet gewesen. Finanziell sei ihnen ein hoher Schaden entstanden, der wegen einer Unterversicherung auch nicht in vollem Umfang beglichen werde. Deshalb sehe sich das Ehepaar in seiner Existenz bedroht.

"Beim deutschen Strafrecht treten die Opfer in den Hintergrund", bemerkt Rechtsanwalt Mathias Albrecht als Vertreter der Nebenkläger. Er bemängelt, dass der Angeklagte zu vielen Fragen geschwiegen habe. Zum psychischen Schaden komme das abgebrannte Haus. Das Ehepaar hatte den Gebäudekomplex erworben, um eine Art Rente zu haben. Den Sachschaden gibt Albrecht mit 160 000 Euro an, wovon wohl nur etwa 60 000 Euro von der Versicherung übernommen werde. "Meine Mandanten haben Angst vor dem Tag, an dem Sie entlassen werden", sagt Albrecht, an den Angeklagten gewandt. Er kenne das Ehepaar seit mehreren Jahren als fröhliche Menschen - "das ist jetzt alles vorbei." Die Entschuldigung sei am Tisch gelandet, könne aber von seinen Mandanten nicht angenommen werden. Das vom Staatsanwalt beantragte Strafmaß sei mehr als angemessen.

Verteidigerin: Kein versuchter Mord

Für Alexandra Engelhardt war die Tat ihres Mandanten kein versuchter Mord. Er habe mit der Brandlegung niemanden verletzen oder töten wollen und habe nicht aus Wut gehandelt. Der 26-Jährige sei sehr stark auf sich bezogen, auch wegen Depressionen. Sie dementiert, dass einige Einlassungen des Angeklagten Schutzbehauptungen seien. Dazu führt sie unter anderem an, dass er keinen Handyempfang hatte und deshalb auf dem Parkplatz des Edeka-Marktes in Hörden in der Nacht einen Zeitungsausfahrer angehalten hatte. Der Zeuge habe bestätigt, dass der Angeklagte keinen Handyempfang gehabt habe. Zugunsten ihres Mandanten sei zu werten, dass er sich gestellt, die Brandstiftung zugegeben und sich bei dem Ehepaar entschuldigt habe.

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