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Nachfolger vergeblich gesucht
Nachfolger vergeblich gesucht
20.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Markus Mack

Gaggenau - "Manche Patienten haben sogar geweint", berichtet Dr. Andreas Rabe. Kein Wunder, denn im Verlauf von Jahrzehnten sind vertrauensvolle Verbindungen des Arztes zu seinen Patienten entstanden, die Schließung der Ottenauer Praxis berührt durchaus beide Seiten. "Viele Gespräche haben wir bislang geführt und führen sie noch", erzählt der 67-Jährige. Gerade für ältere und nicht mehr mobile Patienten sei die Situation nicht einfach.


Seit 1965 besteht die Arztpraxis in der Ottenauer Furtwänglerstraße 24, die von seinem Vater Otto Rabe zuvor in Gaggenau am Bahnhofsplatz und im alten Ottenauer Rathaus betrieben wurde. Vater und Sohn waren 1985 kurz gemeinsam tätig, bevor Andreas Rabe die Praxis im Juli 1985 übernahm. Ende Januar 2020 wird sie geschlossen - aus Altersgründen. Einen Nachfolger gibt es nicht. "Mehr als fünf Jahre lang haben wir intensiv gesucht", berichtet der Allgemeinmediziner - ohne Erfolg. Das Haus ist zwischenzeitlich verkauft, es wird künftig als reines Wohnhaus genutzt.

Als Gründe für das geringe Interesse, eine Praxis zu übernehmen, sieht Rabe die sich oft ändernden Gebührenordnungen und den hohen Verwaltungsaufwand. Ein Arzt dürfe nicht zu viele Patienten haben und nicht zu viel arbeiten, das werde von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gedeckelt. Auch die Verordnungen von Medikamenten und Heilmitteln seien begrenzt, ein Arzt könne da in Regressgefahr kommen. "Das wirtschaftliche Risiko will niemand mehr eingehen", lautet sein Fazit.

Die Lösungsansätze für die Problematik seien schwierig. Junge Ärzte gingen lieber in ein Krankenhaus mit geregelten Dienstzeiten, anstatt sich selbstständig zu machen. Rund 70 Prozent der Studienabgänger seien weiblich, viele davon nach dem langen Studium Mitte 30 und Mütter. Diese wollten meist nur zwei oder zweieinhalb Tage in der Woche arbeiten und keinen Nachtdienst oder Hausbesuche machen, berichtet er aus Erfahrung. Das sei verständlich, aber "für unsere Praxis bräuchte man drei Ärztinnen". Problematisch seien dann Koordination und Organisation. Es gebe ein großes unternehmerisches Risiko wegen der Höhe der Vergütungen. "Und die erforderlichen Geräte sind nicht billig."

"Der Landarzt wird aussterben"

Vier Ärzte gab es in Ottenau, jetzt bleibt einer übrig. Hausbesuche, schnelle Erreichbarkeit - das wird der Vergangenheit angehören, so die Prognose von Andreas Rabe.

"Es wird auch keine freie Arztwahl mehr geben, die Leute müssen froh sein, wenn sie noch einen Arzt finden, der sie aufnimmt", ergänzt Gattin Yvonne. Als Arzthelferin mit Zusatzausbildungen unterstützte sie ihren Mann. Seit 30 Jahren arbeiten die Rabes und Sprechstundenhilfe Petra Fries zusammen.

Auf Dauer wird es wohl medizinische Zentren geben, prognostiziert Rabe, ohne das persönliche Verhältnis Arzt-Patient. Der Kassenarztsitz ist zurückgegeben an die KV. Interessenten können sich in Ottenau niederlassen, das Gebiet ist frei, erläutert Yvonne Rabe - und künftig unterversorgt.

Der Landarzt wird aussterben, schätzt Andreas Rabe. Zwar gebe es Förderprogramme von Kommunen und KV, um Ärzte dazu zu bewegen, Praxen zu übernehmen oder aufzumachen. Die Akzeptanz sei schleppend. Medizinische Hilfen werde an ausgebildetes nicht-ärztliches Hilfspersonal abgegeben oder der Patient hole sich Informationen im Internet. Diese Problematik stelle sich nicht nur in ländlichen Bereichen. Rabe nennt als Beispiel Karlsruhe Stadt, auch dieser Bereich sei unterversorgt.

In Kooperation mit der Hördener Praxis Schemel wird Andreas Rabe mit seiner Frau weiter Patienten in Gaggenauer Altenheimen betreuen. Auch als Bereitschaftsarzt bleibt er dem DRK in Ottenau erhalten. In seiner künftigen Freizeit will er Wohnhaus und Garten in Hörden versorgen und sich um seine Enkel Henry und Linus kümmern. "Und ich habe sehr viele Bücher, die ich gerne einmal lesen will." Wehmut erfüllt die Rabes beim Ausräumen des Hauses, das den Eltern Otto und Else Rabe auch als Wohnung gedient hatte.

Das Foto von John Rabe, das in der Praxis über dem Schreibtisch hängt, wird mit nach Hörden umziehen.

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