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Schwertkampf auf gut Badisch
Schwertkampf auf gut Badisch
23.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Katharina Vogt

Gernsbach - "Alles weg, mir henn nix mehr, null, niente!" Der Schock war groß, der ganze Lottogewinn der Tippgemeinschaft bei dem vergnüglichen Dreiakter bei der Weihnachtsfeier des TV Waldeslust in Reichental war in den Händen der Vermögensberaterin namens Windbeutel dahingeschmolzen, so schnell wie der Verstand der drei "Männer von Welt" (Thomas Merkel als Alfred Eberle, Ingo Fortenbacher als Franz Pfeiffle, Gebhard Merkel als Heiner Gruber) beim Anblick eben dieser Vermögensberaterin.

Der Verlust brachte den drei Freunden gewaltigen Ärger mit den Gattinnen ein. Die Folgen waren nicht zu übersehen - ein blaues Auge, ein dicker Kopfverband und ein Pavian-Popo. Für die gewonnenen 25 000 Euro hatten die drei ihren Gattinnen (Sonja Hauns als Vroni Eberle, Caroline Zapf als Mathilde Pfeiffle, Kathrin Schmitt als "s'Mariele" Mariele Gruber) eigentlich eine Luxuskreuzfahrt versprochen, zu der zur Not sogar die ungeliebte Nachbarin Frieda (Claudia Wieland) mitgenommen worden wäre. Diese war auch Teil der Tippgemeinschaft gewesen, nun war das Geld dafür weg. Aber der Traum von der Kreuzfahrt stand jetzt im Raum - also musste eine andere Geldquelle her.

Merkel zieht als

Regisseur alle Register

Bei einer kurzfristig anberaumten Wellnessanwendung (Altöl als Gesichtsmaske und Rizinusdrink für die Figur) entschied das Damenquartett, dass die Lottogemeinschaft nun eben als Laienspielgruppe den Hauptgewinn bei einem Theaterwettbewerb mit "Romeo und Julia" abräumen müsste, der - welch Zufall - ebenfalls mit 25 000 Euro dotiert war.

Mit der Erfahrung als Christkindle, Tannenbaum und Oberhirte beim Krippenspiel zu Grundschulzeiten waren die drei Traummänner ein Albtraum von Regisseurin Ludmilla la Croix (Yvonne Wieland), aber nicht für den einzigen professionellen Schauspieler der Produktion, Randolf von Filsenberg (Ralf Wieland), der gerne auch einen zweiten und dritten Blick auf den schmucken, männlichen Teil der Laienspielgruppe warf, während ihn die weiblichen Verehrerinnen eher abschreckten.

Es half aber alles nichts, die durch den Hauptgewinn hoch motivierten Reichentäler Laienschauspieler gaben alles, um die Jury bei der Premiere beeindrucken zu können, obwohl Profi Randolf nicht geizig war mit Kritik: "grottenschlecht", "null Talent", "Du kommst ohne Eintritt in den Zoo", lehnte er die drei verliebten Ehefrauen ab und wählte die forsche Frieda als Julia für seinen Auftritt als Romeo. Das Unglück nahm zur größten Freude des echten Reichentaler Publikums rasend schnell seinen Lauf. Obwohl Regisseurin Ludmilla - gedopt mit immer größer werdenden Schlucken aus Flachmann und Flasche - versuchte, Ruhe zu bewahren, um ihren Schützlingen mit französischem Akzent doch noch Shakespeare und die Sprache seiner Zeit nahe zu bringen, stellte sich nach kurzer Zeit bereits heraus, dass Lottogewinner eigentlich viel lieber reden wollten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war - nämlich das in Reichental überall wohl verständliche Badisch.

Egal ob der Schwerkampf zwischen den verfeindeten Familien Capulet und Montague, der Streit der Mütter von Romeo und Julia, die Diskussion zwischen Amme und Julia, die Trauung der Liebenden durch Bruder Lorenzo - die Laienspielgruppe glänzte durch (gespielt!) mangelndes Talent, Situationskomik und immer wieder durch klare badische Texte, die erfrischend leicht die Shakespearschen Texte verständlich machten.

Die wunderbaren Kostüme, das Styling (Tanja Stephan) und die "püristische Külisse" (so Regisseurin Ludmilla) taten ihr Übriges: das Publikum verfolgte gespannt, kichernd und lachend die Verwicklungen und Pannen auf der Bühne. Die Spielfreude der Theatergruppe war ansteckend, und manche Wendung im Geschehen bei der Premiere von "Romeo und Frieda - äh Julia" waren von Shakespeare zwar so nicht konzipiert, aber dafür sehr nach dem Geschmack des Publikums, das stehend applaudierte für eine tolle Leistung der Darsteller, die jeder für sich ihre Kunstfigur überzeugend lebendig werden ließen.

Souffleuse Katja Knapp hatte nicht viel zu tun, denn die Schauspieler kamen immer mehr in Schwung, je schneller das Chaos auf der Bühne Fahrt aufnahm.

Andreas Kozlevcar, der für den erkrankten Vorsitzenden Wieland kurzerhand als Moderator eingesprungen war, bedankte sich in der schön geschmückten Reichentaler Halle bei der Theatergruppe um Regisseur Thomas Merkel für eine beachtliche Leistung. Eine Leistung, die die Theatergruppe am Wochenende vor fast restlos ausverkauftem Haus gleich drei Mal in Folge ablieferte.

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