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Alles andere als eine schöne Bescherung
Alles andere als eine schöne Bescherung
28.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Gernsbach / Weisenbach - Für die mehr als 300 Beschäftigten der Baden Board GmbH endet das Jahr 2019 voller Ungewissheiten. Wie geht es weiter mit dem Murgtäler Traditionsunternehmen, das sich seit 27. November in einem sogenannten Schutzschirmverfahren befindet? Diese Frage stellen sich nicht nur die direkt Betroffenen, die um ihren Arbeitsplatz bangen, sondern auch weitere Unternehmen in der Region, die regelmäßig von der Papierfabrik Aufträge erhalten. Für sie war das Weihnachtsfest geschäftlich alles andere als eine schöne Bescherung, denn sie müssen auf ihr hart verdientes Geld warten - und darauf hoffen, dass sie es überhaupt noch kriegen.

Einer von ihnen ist Hans Georg Künstel. Der Maurermeister aus Weisenbach feiert 2020 sein 25-jähriges Firmenjubiläum. So ziemlich von Beginn an seiner Selbstständigkeit hat Künstel in der einst "Badischen" Aufträge übernommen. Er spricht von einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis, das über die vielen Jahre entstanden sei - "vieles ging auch unbürokratisch, auf die Schnelle", betont der Maurermeister gegenüber dem BT. So sei es auch zwischen Mitte Oktober und Ende November gewesen, als er mit seinen drei Angestellten und einem Azubi einen Auftrag von Baden Board erledigte. Die ganze Firma Künstel habe rund sieben Tage in der Papierfabrik geschuftet, 15 000 Euro sind dafür fällig. Doch das Schutzschirmverfahren untersagt Baden Board, diese Rechnung zu begleichen.

Darüber wurde Künstel in einem Schreiben vom 27. November von der Geschäftsführung informiert. Darin weisen Robert Ferstl und Stefan Böll unter anderem auf die Konsequenzen hin, die sich für Fremdunternehmer aus dieser Form des deutschen Insolvenzrechts ergeben. Das bedeutet für Künstel - und für weitere kleinere und mittelständige Unternehmen aus der Region -, "dass etwaige Zahlungsrückstände, welche bis zum 27. November 2019 entstanden sind, nicht beglichen werden dürfen, da infolge des vorläufigen Eigenverwaltungsverfahrens eine Bevorzugung einzelner Gläubiger gegen den insolvenzrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz aller Gläubiger verstoßen würde und daher ausgeschlossen ist".

"Eine Frechheit", findet Hans Georg Künstel. Er muss schließlich seine Mitarbeiter bezahlen, hinzu kommen die Lieferanten: "15 000 Euro trage ich jetzt auch nicht gerade in der Brieftasche rum", moniert der Handwerker, der ganz regulär seine Rechnung geschrieben und dann von Baden Board gesagt bekommen habe, dass diese nicht mehr bezahlt werde. Neben dem finanziellen Aspekt wurmt Künstel vor allem der Vertrauensverlust zur "Badischen": "Es war immer ein Geben und Nehmen, ich habe die immer prompt beliefert", sagt Künstel und verweist darauf, für den Papierproduzenten und -verarbeiter mitunter sogar Privataufträge verschoben zu haben.

Forderungen sind erst einmal eingefroren

"Unsere offenen Forderungen bei Baden Board sind erst einmal eingefroren", beklagt sich der Kleinunternehmer aus Weisenbach. Er habe das Weihnachtsgeld seiner Mitarbeiter zu bedienen, zum Jahresende zahlreiche Versicherungen zu zahlen und die im Maurerhandwerk in der Regel schlechten Monate Januar und Februar vor der Brust: "An den 15 000 Euro hängt viel dran. Die hemmen einen bei Investitionen und schränken das unternehmerische Handeln ein", erklärt Künstel, zudem koste die ganze Angelegenheit Zeit und Nerven, Anderes bleibe deshalb liegen.

Auch indirekt sei der Handwerker von der drohenden Pleite der Fabrik betroffen: "Wer Job-Unsicherheit hat, der lässt sich nicht den Hof pflastern", nennt Künstel ein Beispiel.

Sorgen um die Existenz macht sich der Weisenbacher aber keine, auch wenn Baden Board die Insolvenz nicht abwenden könnte. "Ich denke, ich kann es kompensieren, weil wir recht klein sind", meint der Maurermeister; zudem sind Handwerker aktuell stark nachgefragt.

Dennoch spürt man Hans Georg Künstel an, wie ihn die aktuelle Situation bei Baden Board beschäftigt. "Die Art und Weise", so Künstel, wie man mit ihm umgegangen sei, "ist einfach inakzeptabel." Die Arbeiten, die er mit seinen Männern in der Fabrik jüngst erledigt hat, seien für den Betrieb von Baden Board "nicht lebensnotwendig" gewesen. Trotzdem habe man ihn beauftragt, obwohl sich das Schutzschirmverfahren ja abgezeichnet haben müsse. "Da hätte man keine Aufträge mehr erteilen dürfen", moniert Künstel das nun gestörte Vertrauensverhältnis zu seinem langjährigen Auftraggeber.

Genauso dürfte es anderen Betrieben gehen. Künstel weiß von mindestens drei weiteren Firmen, die auf Geld von Baden Board warten. Der Verpackungsmittelhersteller teilt dazu mit, dass er per Gesetz keine Alt-Verbindlichkeiten vor dem 27. November bezahlen dürfe: "Diese werden in einem eigenen Verfahren behandelt und gegebenenfalls voll oder teilweise bezahlt."

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